Wienerberger-CEO Heimo Scheuch

© Kurier/Franz Gruber

Interview
12/18/2021

Wienerberger-Chef: "Wenn ich eine Krise so managen würde, wäre ich schon weg"

Wienerberger-Chef Heimo Scheuch geht mit der Politik in Sachen Corona hart ins Gericht. "Wir erleben eine Verblödung der Diskussion."

von Wolfgang Unterhuber, Thomas Pressberger

KURIER: Was halten Sie von der Impfpflicht?

Heimo Scheuch: In einer modernen Gesellschaft darf man Menschen nicht ausgrenzen. Das ist einer der größten Fehler, der da gerade gemacht wird. Menschen, die Angst oder Vorbehalte haben, kann man nicht zu einer Impfung verpflichten. Das Vertrauen muss wiederhergestellt werden. Sie werden die Menschen nie zu etwas zwingen können.

Sie sind also skeptisch?

Ja. Die Pandemie beschäftigt uns ja nicht erst seit gestern, sondern seit zwei Jahren. Ist in dieser Zeit etwas passiert? Ist die Kultur des Diskurses besser geworden? Nein, sie ist schlechter geworden. Die Art des Umgangs sollte besser werden. Stattdessen gießen Leute aus der Politik, die Vorbilder sein sollten, Öl ins Feuer und schüren Ängste.

Und wie soll man Impfskeptiker überzeugen?

Wie in einem Unternehmen: Die Kommunikation ist in Krisenzeiten das wichtigste. Man muss wieder aufeinander zugehen und nicht ausgrenzen. Gerade in Österreich sollte man aus der Geschichte wissen, dass man nicht ausgrenzen darf. Es geht schon weit genug mit den Lockdowns und all den Regeln. Auch die Medien müssten das mehr hinterfragen.

Gut. Aber wie läuft Überzeugungsarbeit in der Praxis bei Wienerberger?

In ausführlichen Einzelgesprächen. Anders geht es nicht. Das ist die Aufgabe eines modernen Personalwesens.

18.000 Mitarbeiter in 29 Ländern: Wie managt der Weltkonzern Wienerberger die Covid-Pandemie?

Wir unterliegen den rechtlichen Herausforderungen der jeweiligen Länder. In der Konzernzentrale in Wien folgen wir etwa immer den Regeln der Stadt Wien.

Gab und gibt es viele Ansteckungen?

Wir hatten weltweit fast keine Ansteckungen in den Unternehmen. Wir mussten nur einmal in Rumänien Schichten zurückfahren, weil der halbe Ort krank war.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten gesellschaftlichen Probleme der Corona-Krise?

Die psychischen Schäden. Die Dunkelziffern bei Alkoholismus, Drogen und Ängsten. Es gibt junge Frauen, die Angst haben, nach einer Impfung keine Kinder mehr bekommen zu können. Wer holt diese Menschen ab? Keiner! Stattdessen haben wir eine Verblödung der Diskussion. Deren Folgeschäden viel schlimmer sind.

Welches Land hatte in der Corona-Pandemie die beste Strategie?

Das lässt sich so nicht beantworten. Man muss sich immer dabei die Kultur eines Landes vorher anschauen.

Dann blicken wir doch mal nach Norden...

…Niederländer, Dänen oder Schweden sind anders als Österreicher. In Schweden bedeutet zum Beispiel, wenn etwas verboten ist, dann ist es verboten. In Österreich, naja. Die Schweden fragen sich, warum in Österreich auf Schildern manchmal „ausdrücklich verboten“ steht und lachen, wenn sie die Antwort hören: Weil es sonst nicht eingehalten wird.

Wie sehen Sie das schwedische Modell?

Das schwedische Modell wurde anfangs kritisiert, heute sagt man, vielleicht war es nicht schlecht. Aber man muss mit Momentaufnahmen aufpassen. Jedenfalls hätte in Österreich schon viel früher mehr Eigenverantwortung aufkommen müssen.

Ist das heimische Polit-Establishment überhaut in der Lage, die Krise zu managen?

Wir haben immer mehr Leute, die wenig Ahnung haben und sich beeinflussen lassen. Dadurch entsteht eine große Instabilität. Als CEO wäre ich schon lange weg, wenn ich eine Krise so managen würde.

Apropos weg. Wären Sie weg, wenn es bei Ihnen solche Chats wie bei Ex-Kanzler Kurz geben würde.

In der Sekunde. Da würden die Aktionäre keinen Spaß verstehen. Wissen Sie: Wir haben bei Wienerberger Werte. Wir verstehen den Satz „Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen“ nicht nur als PR-Gag, sondern versuchen ihn tatsächlich zu leben. 

Ihr Resümee zur „Ära“ Sebastian Kurz?

Wer Werte definiert, sollte diese Werte auch respektieren, anstatt in eine Opferrolle zu fallen. Das türkise System hat einen Keil in die Gesellschaft getrieben. Den Spalt müssen wir wieder schließen. Das geht nur, wenn wir in Dialog treten.

Glauben Sie, dass Kurz irgendwann zurückkommt?

Nein.

Die Inflation sorgt immer mehr Menschen. Wie lautet Ihre Prognose?

Die Inflation wird weiter steigen, wir sind da erst am Beginn eines Prozesses

EZB, Ökonomen und Nationalbanker sagen etwas anders

EZB, Ökonomen und Nationalbanker hinken mit ihren Prognosen hinterher.

Und warum sehen Sie die Inflation langfristig?

Das ist unter anderem durch die Energiepolitik verursacht. Wenn man keinen Strom aus Kohle und Atom haben will, ja wo soll er denn dann herkommen? Das führt zu Volatilität und zu Verteuerungen.

Wie glauben Sie wird 2022 wirtschaftlich verlaufen? Das Wifo rechnet mit 5,2 Prozent BIP-Wachstum.

Die Parameter für das nächste Jahr sind positiv. Es gibt aber viele Faktoren, die das ändern können, Omikron, politische Instabilität, Rohstoffverteuerungen oder Probleme in den Lieferketten. Das könnte den einen oder anderen Prozentpunkt Wachstum kosten.

Wann ist die Corona-Pandemie vorbei?

Es gibt viel Schlimmeres als das. Wir werden lernen müssen, damit umzugehen. Dass die Leute darüber unterschiedlich denken, ist klar, aber wir müssen sie alle unter einen Hut kriegen. Wir müssen der Gesellschaft die Angst und Verunsicherung nehmen, nur so kann man in Zukunft nachhaltig Wohlstand schaffen.

Danke für das Gespräch.

Was man über Wienerberger wissen sollte

Wienerberger ist der größte Ziegelproduzent (Porotherm, Terca) weltweit und Marktführer bei Tondachziegeln (Koramic,Tondach) in Europa sowie bei Betonflächenbefestigungen (Semmelrock) in Osteuropa.

Bei Rohrsystemen (Steinzeug-Keramo und Kunststoffrohre der Marke Pipelife) zählt das Unternehmen zu den führenden Anbietern in Europa.

Mit weltweit rund 200 Produktionsstandorten erwirtschaftete Wienerberger im Jahr 2019, also vor Corona, einen Umsatz von 3,5 Milliarden € und ein bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) von 587 Millionen.

2020 war dann ein Krisenjahr. Hohe Abschreibungen in Nordamerika sowie die Coronakrise trafen Wienerberger hart.

Ganz anders heuer. Man werde das beste Ergebnis in der 202-jährigen Geschichte des Unternehmens einfahren, sagt CEO Heimo Scheuch.

In den ersten drei Quartalen wurde ein Umsatz von 2,9 Milliarden erzielt (plus 14 Prozent). Das EBITDA stieg um 19 Prozent auf 509,1 Millionen Euro.

Die Gründe des Erfolgs sind laut Scheuch nicht allein konjunkturbedingt: „Wir haben uns in den vergangenen zehn Jahren vom Ziegelhersteller zum Komplettanbieter entwickelt.“

Und was heißt das? „Wir liefern heute zum Beispiel für Trink- und Abwasserinfrastruktur Pumpen, für die wir auch gleich die entsprechende Software zur Verfügung stellen.“

„Unsere beiden Kernregionen Europa und USA entwickeln sich gut“, sagt CEO Heimo Scheuch. Die Konjunktur im Neubau und in der Infrastruktur sei gut, es werde auch zunehmend in die Sanierung investiert. China ist für Scheuch weiterhin kein Thema.

„In China müssten wir eine Milliarde Euro investieren, um eine nennenswerte Größe zu erreichen. Da legen wir das Geld lieber in Europa an.“

Wienerberger hat den Anspruch, die, wie es heißt, „Lebensqualität der Menschen durch erstklassige, nachhaltige Baustoff- und Infrastrukturlösungen zu verbessern und hinsichtlich ökologischer und sozialer Dimensionen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft zu übernehmen.“

Im Rahmen seines Nachhaltigkeitsprogramms 2023 hat sich Wienerberger daher ambitionierte Ziele in den Bereichen Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft und Biodiversität gesteckt, um „den wertschaffenden Wachstumskurs in Zukunft konsequent fortzusetzen und damit den European Green Deal zu unterstützen.“

Konkret will Wienerberger den CO2-Ausstoß bis 2023 um 15 Prozent gegenüber 2020 senken.

Heimo Scheuch, 55, ist seit 1996 bei Wienerberger und seit 2009 Vorstandsvorsitzender. Der gebürtige Kärntner hat in Wien, Paris und London Jus und Wirtschaft studiert.

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