Ende des 2. Lockdown - Handel und Dienstleister dürfen wieder aufsperren

© schoendorfer karl

Interview
12/08/2020

Warum das Weihnachtsgeschäft an Bedeutung verliert

Handelsexperte Schnedlitz von der WU-Wien über "blanken Dilettantismus" beim Kaufhaus Österreich und warum das Weihnachtsgeschäft gar nicht so wichtig ist.

von Simone Hoepke

WU-Professor Peter Schnedlitz hält das Weihnachtsgeschäft für tendenziell überbewertet. Vieles sei schlicht Stimmungsmache. Und auch im Onlinehandel ist wegen Corona „noch keine Revolution ausgebrochen“, sagt der ehemalige Vorstand des Instituts für Marketing und Handel an der Wirtschaftsuniversität Wien.

KURIER: Herr Professor Schnedlitz, ist das Weihnachtsgeschäft heuer noch zu retten?

Peter Schnedlitz: Um es im Fußballjargon zu sagen: „Hoch gewinnen wir nimmer.“ Auch wenn viele Österreicher heuer vielleicht mehr ausgeben, weil sie im Laufe des Jahres nicht so viele Möglichkeiten dazu hatten – Stichwort gestrichene Urlaube und Veranstaltungen. Auf der anderen Seite haben viele aufgrund von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit weniger Geld zur Verfügung und es fehlen die Touristen, die sonst die Wirtschaft ankurbeln.

Welche Bedeutung hat traditionell der 8. Dezember als Einkaufstag?

Als populistische Faustregel gilt er als 5. Adventsamstag. Man muss aber die Kirche im Dorf lassen. Aus Sicht der Händler ist es ein teurer Tag, weil die Mitarbeiter 100 Prozent Zuschlag und einen zusätzlichen freien Tag bekommen. Es ist ja kein Zufall, dass einzelne Handelsketten diesen Tag den Mitarbeitern als „Freizeit“ schenken.

Welche Bedeutung hat das Weihnachtsgeschäft überhaupt noch?

Eine immer geringere. Es ist im Grunde nicht mehr als ein hypothetisches Konstrukt, definiert als Mehrumsatz im Dezember gegenüber den anderen Monaten. Je nachdem, ob man zum Beispiel die Gutscheineinlösungen im Jänner auch noch miteinrechnet oder nicht, ist es mehr oder weniger bedeutend. Unter dem Strich kommt man jedenfalls auf nicht mehr als drei Prozent des Jahresumsatzes im gesamten Einzelhandel. Also 1,5 bis 2 Milliarden Euro.

Warum ist es gefühlt mindestens zehn Mal so viel?

Weil manche Branchen wie der Spielzeug- oder Buchhandel um diese Zeit brummen und weil die Händler viele „Mobilisierungsaktivitäten“ setzen, um die Menschen in die Einkaufsstraßen und Einkaufszentren zu bekommen.

Hilft das heuer noch? Oder haben sich längst die Onlinehändler den größten Teil vom Umsatzkuchen geholt?

Natürlich wird heuer mehr online gekauft, aber es ist deswegen noch lange keine Revolution ausgebrochen. Fakt ist, dass über alle Branchen hinweg durchschnittlich nur zehn Prozent des Umsatzes über Webshops gemacht werden. Auch wenn Online-Händler gerne anderes verkünden.

Aber im Bekleidungshandel ist der Anteil doch längst bei mehr als 20 Prozent, oder?

Ja, aber bei Lebensmittelhändlern, die für den Großteil des Handelsumsatzes zuständig sind, sind es weniger als 2 Prozent. Das wird sich nicht ändern. Schon allein, weil es an jedem Eck ein Lebensmittelgeschäft gibt, rund 6.000 Standorte österreichweit. Warum sollten also plötzlich alle online bestellen oder auf gurkerl.at warten (Anmerkung: ein neuer Lebensmittellieferdienst in Wien)? Mit dem Webgeschäft verhält es sich letztlich wie mit dem Regionalitätstrend: Beides wird eine Nische bleiben.

Was halten sie vom „Kaufhaus Österreich“, das Wirtschaftsministerin Schramböck und Wirtschaftskammer-Präsident Mahrer vergangene Woche präsentiert haben?

Das ist blanker Dilettantismus. Wenn das die digitale Zukunft Österreichs ist, dann gute Nacht. Was mich daran so ärgert ist, dass man so tut, als würde man damit den kleinen Händlern helfen. Das ist doch Blödsinn.

Warum Blödsinn?

Weil sich für einen kleinen, sagen wir mal Delikatessenladen, vorerst einmal gar nichts ändert. Wenn er einen Webshop aufbauen will, braucht er weiterhin rund 30.000 Euro und bis sich das amortisiert, dauert es für ihn Jahre.

Erster Tag
Die Appelle der Politik sind offenbar nicht ungehört verhallt: Der Kundenansturm hat sich am Montag noch in Grenzen gehalten, berichtet der Handelsverband. Das dürfte wohl auch damit zusammenhängen, dass die Lokale als Frequenzbringer wegfallen – sie müssen noch bis mindestens 7. Jänner geschlossen halten.

Lockdown-Folgen
Die 17 Lockdown-Einkaufstage haben den 22.000 Geschäften in Österreich insgesamt 2,7 Mrd. Euro Umsatzentgang beschert, rechnet der Handelsverband vor. In jeder Woche des „Lockdown Lights“ kommen demnach weitere 150 Millionen dazu.

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