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Wirtschaft
05/28/2019

Wettbewerbsfähigkeit: Arabische Diktaturen sind die Aufsteiger

IMD-Standortranking 2019: Saudi-Arabien macht 13 Plätze gut, Emirate sogar auf Platz 5. Österreich büßt einen Rang ein.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Das Ritual hat schon Tradition: Seit 1989 gibt es alljährlich kurz vor Schulschluss die Zeugnisse für die besten Wirtschaftsstandorte weltweit. Ausgestellt werden diese von der privaten Wirtschaftshochschule IMD (International Institute für Management Development) aus dem Schweizer Lausanne. Am Dienstag wurde das „World Competitiveness Ranking 2019“ veröffentlicht. Österreich erreicht dabei Platz 19 von 63 Staaten. Das ist um einen Rang schlechter als im Vorjahr.

Was versteht IMD unter Wettbewerbsfähigkeit?

In einer global vernetzten Welt, die sich rasant verändert, prasseln viele Einflüsse auf Volkswirtschaften ein, sagt IMD-Direktor Arturo Bris. Die Länder gehen damit sehr unterschiedlich um. Da seien Rahmenbedingungen wichtig, die es ermöglichen, Wohlstand zu erwirtschaften: „Wettbewerbsfähigkeit ist sowohl ein Instrument als auch ein Ziel der Wirtschaftspolitik.“ Das Ranking versucht, das in vergleichbare Zahlen zu fassen.

Wie kommt die IMD-Rangliste im Detail zustande?

Zum einen wurden 143 „harte“ Daten, großteils aus dem Jahr 2018, ausgewertet: Die reichen von der Wirtschaftsleistung über die angemeldeten Patente bis hin zur Zahl der Nobelpreisträger pro einer Million Einwohner. Ergänzend kommen 92 Kriterien dazu, für die zwischen Februar und April 2019 insgesamt 6.093 Manager in den 63 Ländern befragt wurden.

Wie ist Österreichs Platz 19 zu bewerten?

„Insgesamt schneidet Österreich sehr gut ab“, sagt IMD-Chefökonom Christos Cabolis zum KURIER. Das Auf und Ab um ein, zwei Plätze von einem Jahr aufs andere solle man nicht überbewertet. Positiv sei die mittelfristige Verbesserung, denn 2015 erreichte Österreich nur Platz 26. (Vor der Krise, im Jahr 2007, waren allerdings mit Platz 11 auch die Top Ten schon in Reichweite).

Wo ist Österreich gut, wo schlecht? Was fehlt zum Aufstieg in die Top Ten?

Stabile Institutionen und ein zuverlässiges gesellschaftliches Umfeld zählt Cabolis zu Österreichs Stärken. Die Unternehmen seien gut geführt und zeichneten sich durch hohe Produktivität aus, sind also effizient und erzielen einen hohen Ausstoß. Im heurigen Ranking wirkten sich überdies die Budgetsanierung, der Bürokratieabbau und gelockerte Arbeitszeitregeln positiv aus.

Traditionell zu den Schlusslichtern zählt Österreich bei der hohen Steuerlast (Platz 61). Als Schwäche wertet der IMD-Experte die Engpässe bei qualifizierten Fachkräften. Aufholbedarf gebe es bei Technologie und Digitalisierung – das beginnt bei der Infrastruktur (Platz 26) und reicht bis hin zu den Firmen, die zu selten auf Datenanalyse setzen (Platz 41).

Könnte uns die Regierungskrise schaden?

Das hängt davon ab, wie lange die Unsicherheit andauert, sagt Cabolis. Bleibt es bei kurzfristigen Turbulenzen, sei der Effekt vernachlässigbar. Sollte die Regierungskrise auch nach den Wahlen im Herbst andauern, könnte sich das negativ in den Managerbefragungen im Frühjahr niederschlagen – und somit in der Platzierung 2020.

Was waren 2019 international die Trends?

Die Handelskonflikte schlagen sich in höherer Unsicherheit nieder. Das macht kleinen, offenen Volkswirtschaften zu schaffen – exportstarken Ländern wie Österreich. 2019 haben Europäer tendenziell Plätze eingebüßt, während Asiens Länder auf dem Vormarsch waren.

Wie kamen die Stockerlplätze zustande?

An der Spitze gab es einen Wechsel: Vorjahressieger USA rutschte auf Platz drei ab. Stattdessen ist Singapur (unten) erstmals seit 2010 auf Platz eins. Ein negativer Trump-Effekt? „Solche Platzierungswechsel kommen öfters vor, das muss nicht bedeuten, dass ein Land etwas falsch gemacht hat“, sagt Cabolis. Allerdings sei die Aufbruchstimmung, die unter US-Managern im Vorjahr nach der Steuerreform geherrscht hatte, durch den Handelsstreit etwas verloren gegangen.

Wer waren die großen Aufsteiger des Jahres?

Die arabischen Staaten. Hier macht sich eine oft kritisierte politische Blindheit bemerkbar: Den größten Sprung machte Saudi-Arabien (von Platz 39 auf 26), auch Katar (von 14 auf 10) und die Vereinigten Arabischen Emirate (von 7 auf 5) haben sich verbessert. Zum Vergleich: Im Demokratieindex des Economist sind diese Länder auf den miserablen Plätzen 159, 133 und 147 (von 167) zu finden.

Wie können autokratische Länder, die Menschenrechte ignorieren, so gut abschneiden?

Den Vorwurf, das IMD sehe Geschäftemacherei in einem Polit-Vakuum, weist Cabolis zurück: Es gebe sehr wohl Kriterien wie Transparenz und Korruption, die Manager würden auch zu Chancengleichheit und Geschlechterfairness befragt. Aber: „Dahinter stehen keine politischen Überlegungen, es geht uns vorrangig um die Business-Bewertungen.“

Wie objektiv und stichhaltig ist das Ranking?

Dass Investoren Standortentscheidungen von einer Rangliste abhängig machen, ist unwahrscheinlich. Diese wirken indirekt: Weil Medien weltweit berichten,beeinflussen sie das Image der Länder. Die verwendeten Daten sind zuverlässig – die Auswahl kann man kritisieren: Sie erfolgt rein aus der Unternehmerperspektive, so spielen etwa Arbeitsbedingungen keine Rolle. Und die Managerumfrage ist per Definition eine subjektive Angelegenheit.