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Wirtschaft
12/19/2019

Wer hinter der Musik im Kaufhaus steckt

Was im Kaufhaus gespielt wird, entscheiden oft Algorithmen. Doch es gibt auch Ausnahmen.

von Simone Hoepke

Glaubt man den Schätzungen der Fachleute, wird der Handel heuer rund um Weihnachten 1,66 Milliarden Euro einspielen und damit um 20 Millionen mehr als im Vorjahr.

Das Geschäft läuft also, während im Hintergrund traditionell die Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern der Einkaufszentren dudelt. Ob diese Dauerbeschallung der Kunden auch deren Brieftaschen öffnet, also die Kauflaune hebt, ist umstritten. Selbst Christoph Andexlinger, Chef des Center Managements der SES-Einkaufszentren (unter anderem Q19 oder Europark Salzburg), bezweifelt das: „Ich bin aber überzeugt, dass Musik wesentlich zu einer angenehmen Atmosphäre beiträgt.“

Nervige Beschallung

In manchen Läden geht das offenbar gründlich daneben, weiß Anita Palkovich von der Gewerkschaft GPA-djp. Sie war im Laufe der Jahre gerade um Weihnachten immer wieder mit Beschwerden der Handelsmitarbeiter konfrontiert: „Meist laufen die Lieder in Endlosschleife, was an den Nerven der Mitarbeiter zerrt, die obendrein oft einer Doppelbeschallung ausgesetzt sind.“ Denn nicht nur in den Geschäften, auch in den Gängen vermischen sich „Last Christmas“ und „Jingle Bells“ zu einem Einheitsbrei. Palkovich: „Die Beschallung verfolgt die Mitarbeiter damit oft bis zur Toilette.“

Aber wer lässt sich die Playlist eigentlich einfallen?

„Meist sind es professionelle Vermarkter, die stolz auf ihre Algorithmen sind“, sagt Martin Böhm, Geschäftsführer von der Firma MG Sound. „Eine Fehlentwicklung der Digitalisierung“ sei das. „Es gab eine Zeit, in der nicht nur die Musik für Lokale oder Einkaufszentren, sondern selbst für Radiostudios automatisch programmiert wurden. Jetzt gibt es eine Gegenbewegung, DJs sind wieder gefragt.“

Und damit auch maßgeschneiderte Playlists, wie sie Böhm mit seinem Team für die SES-Einkaufscenter gemacht hat. Mit den ausgesuchten Liedern will man raus aus dem Einheitsbrei. Ideal für eine Wohlfühlatmosphäre beim Einkauf ist laut dem Experten Musik, die vertraut klingt, aber auch überrascht. Also Coverversionen von Top-Künstlern. „Die Szene boomt seit zehn Jahren, das machen wir uns jetzt mit unserer Auswahl zunutze.“

Laut Ludwig Coss von MG Sound geht es bei der Playlist für Einkaufszentren auch darum, Musik zu finden, die „frei von jedem Geraunze“ ist. Wohlfühlmusik also. 199 Lieder umfasst die Playlist für die SES-Häuser, das heißt jedes Lied wird „maximal einmal am Tag gespielt“ beteuert Andexlinger. „Last Christmas“ ist auch dabei, allerdings in einer Coverversion.

Musik lauter drehen

Wenn Musik in Kaufhäusern stört, liege das oft schlicht an der falschen Lautstärke. Diese müsse mehrmals am Tag umgestellt werden. Nach der Formel je mehr Leute, desto lauter die Musik. „Mit dem Europark Salzburg betreiben wir die erste Mall Europas, die digital den Geräuschpegel misst und die Lautstärke entsprechend anpasst“, sagt Andexlinger.

Offenbar sind heuer viele Menschen in den Einkaufsstraßen und -Centern unterwegs – und sie geben dort auch mehr Geld aus als im Vorjahr. Die KMU-Forschung Austria prognostiziert ein Umsatzplus von 1,5 Prozent, wobei bisher vor allem die Sportartikel- und Spielwarenhändler die Nase vorn haben. Laut den Experten sind 55 Prozent der Erlöse bereits im Kasten, weiter 35 Prozent folgen bis zum Heiligen Abend, der Rest bis Silvester, also in jener Zeit, in der Gutscheine eingelöst und ungeliebte Geschenke umgetauscht werden. Handelsobmann Peter Buchmüller ist mit dem aktuellen Geschäftsverlauf zufrieden: „Trotz der sich abschwächenden Konjunkturlage lässt sich das Christkind offensichtlich nicht die Laune verderben“, sagt er bei der Zwischenbilanz nach dem 3. Adventsonntag.

Das Weihnachtsgeschäft wird als Mehrumsatz im Dezember gegenüber Durchschnittsmonaten definiert. Schon allein deswegen sind hohe Umsatzsprünge immer schwerer zu realisieren. Denn viele kaufen schon im November, wenn die Rabatttage Black Friday und Cyber-Monday mit Aktionen locken – und damit wie heuer 140 Millionen Euro Umsatz erzielen.

Zudem kämpfen Händler mit Mitbewerbern jenseits der Landesgrenze. 60 Prozent der Webshop-Ausgaben der Österreicher fließen auf die Konten ausländischer Anbieter wie Amazon oder Zalando.

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