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Wirtschaft
07/05/2019

Wenn der Bauhelm im Notfall Hilfe holt

Asphalt, Beton und Digitalisierung - wie passt das zusammen? Der Baukonzern Porr zeigt, wie das funktioniert. Start der KURIER-Serie "Österreich digital".

von Christine Klafl

Eine Walze, die plötzlich mit 100 km/h Richtung Budapest unterwegs ist, hat keinen Supertreibstoff intus. Sie steht huckepack auf einem Lkw und wurde von einer Porr-Baustelle gestohlen. „Wenn wir das im Computer sehen, haben wir die Walze bald wieder“, erzählt Porr-Boss und -Miteigentümer Karl-Heinz Strauss. 19 Geräte sind der Porr in jüngerer Vergangenheit gestohlen worden, alle sind wieder da. „Ich hoffe, es hat sich jetzt herumgesprochen, dass es keinen Sinn hat, unsere Geräte zu stehlen“, sagt Strauss lachend.

Vernetzte Fahrzeuge

So geht also Digitalisierung am Bau. Der Porr-Fuhrpark ist teilweise mit einem Telematik-System ausgerüstet. „Da ist die Porr die einzige Firma in Europa“, erzählt Strauss nicht ohne Stolz. Vom Muldenkipper über den Asphaltfertiger bis zum Lkw – die Daten der Geräte werden laufend ins Porr-System gemeldet. Fährt der Bagger mit Volllast, wie viele Stunden hat er schon auf dem Buckel, wann sind Service oder Reparaturen fällig, „das alles funktioniert ohne Papier. Das ist wirklich etwas, wo wir weit vorne sind“, erzählt Strauss auch im folgenden Video:

Für die Vernetzung hat die Porr eine Kooperation mit A1 abgeschlossen. GPS für relevante Teile des Fuhrparks gehört dazu. Zur Schutzausrüstung der Arbeiter gehören mittlerweile Helme, die mit GPS und einem Notknopf ausgestattet sind. „Etwa im Tunnelbau, wenn Leute verschüttet werden. Oder auf Baustellen in den Bergen.“ Dieser Notknopf „ist zum Beispiel mit dem Roten Kreuz vernetzt. Die haben Drohnen, die können auch Blutkonserven mit denen transportieren“.

Mit 5G werden „die hochenergetischen Netzwerke noch viel mehr werden“, ist Strauss überzeugt. Dass die Poliere mit einer eigenen Wetter-App ausgestattet sind, ist beinahe schon selbstverständlich.

Punktlandung

„Die Fenster für den 19. Stock sind im vierten Quartal zu liefern.“ So lautet ein Mail der Porr an einen der Lieferanten. Mit jedem weiteren Mail wird der Zeitpunkt exakter. Bis dann feststeht: Am 14. November um 14 Uhr haben die Fenster auf einem klar definierten Punkt der Baustelle zu sein. „Weil dann der Kran das Pack’l holt“, beschreibt Strauss, wie smart es heutzutage auf Baustellen zugeht. Er muss es wohl wissen, hat doch die Porr eine lange Tradition. Erst heuer im Frühling feierte sie ihren 150. Geburtstag. Mehr dazu hier:

Im Grunde werde sich Bauen zwar nicht ändern, meint er. „Die Materialien sind da, die sind erfunden.“ Bei der Art und Weise, wie gebaut wird, gab es allerdings einen Digitalisierungsschub. „Das ist wie bei einem Auto auf dem Fließband, da wird auf den Punkt geliefert. So ähnlich wird das bei Gebäuden sein“, schwärmt Strauss von planbaren Logistikketten.

Je mehr Technik, desto mehr Wissen ist nötig. Die Porr hat daher in einen eigenen Ausbildungscampus in Wien-Simmering investiert. Dort bekommen die Porr-Lehrlinge „zum dualen System das triale System dazu, also Technik extra“. Aber auch Gerätefahrer werden hier geschult. „Der Gerätefahrer, der vor fünf Jahren mit der Walze gefahren ist, fährt zwar auch heute damit“, sagt Strauss. Ohne Schulung könnte er aber nicht ausnutzen, was die Walze heutzutage alles kann – etwa effizienter arbeiten und weniger Sprit verbrauchen.

3D-Modelle

Aus dem alten Plan, der Bauherren vorgelegt wurde – der sich dann ohnehin nur wenig darunter vorstellen konnte –, ist ein 3D-Modell geworden, in das sämtliche Informationen einfließen. Das betrifft die verwendeten Materialien genauso wie etwa die Haustechnik. Die Modelldaten werden in die Kalkulation übernommen. Lean Construction ist das neumodische Wort dafür, alle sind eingebunden. „Früher hatten wir lauter Post-its, wir waren die Werbeagentur für 3M“, denkt Strauss zurück.

Heute landet alles im Computer. Die Porr habe schon mehr als 1,5 Millionen Quadratmeter digital geplant und gebaut. Ein Beispiel dafür ist ein 75.000 Quadratmeter großer Bürokomplex für BMW in München. Die Planung war nach sieben Monaten abgeschlossen, der Bau war nach 13 Monaten fertig. „Und wir sind unter Budget fertig geworden“, betont Strauss.

Problem-Flughafen

Kann die Digitalisierung Horror-Baustellen wie den Flughafen Berlin verhindern? Ja, aber, meint Strauss. „Berlin ist ein Totalschaden, wegschieben, neu bauen. Die Porr wäre schon längst fertig.“ Der Flughafen Berlin sei ein unseliges Modell dafür, Großprojekte in Teilen auszuschreiben und immer den Billigsten zu nehmen. „Da hat man nie Projektpartner. Je früher die Baufirma eingebunden ist, desto eher werden Wünsche und Budget getroffen.“ Bei der Elbphilharmonie habe man genau gewusst, „um das Geld kann man das nicht bauen. Aber ein paar Jahre später ist das schon wurscht“.

Als Beispiel dafür, wie es auf Großbaustellen auch gut klappen kann, nennt der Porr-Chef den Hauptbahnhof in Wien, der eine Zeit lang die größte Baustelle Europas war.

Gebaut wurde „in der Zeit, im Budget“. Gelungen ist das durch Digitalisierung, aber auch durch „kundige Bauherren, die entschieden haben“.

Die Bauherren von heute können durch ihr Gebäude spazieren, obwohl es noch gar nicht existiert. Mittels Bildschirm oder Virtual-Reality-Brille. „Der Kunde kann sich vom Keller bis zum Dach alles anschauen und sagen, ob es das ist, was er wirklich will“, beschreibt der zuständige Porr-Abteilungsleiter Clemens Neubauer. Das, was gebaut werden soll, könne so als digitaler Zwilling im Vorfeld erlebbar gemacht werden. So können Entscheidungen schneller fallen. Der KURIER konnte sich im VR-Raum der Porr selbst davon überzeugen:

Der Baufirma selbst seien die 3D-Modelle auch deshalb wichtig, weil dadurch festgestellt werden kann, „ob sich die Haustechnik überhaupt ausgeht“, oder ob Rohre im Nichts enden. Die Leute auf der Baustelle hätten „dann Modelle zur Verfügung, wo man nicht unbedingt jeden Schatten sehen muss“. Da gehe es um die technischen Inhalte. „Da möchte ich auf diese Bodenplatte draufklicken und möchte wissen, wie viel Beton ich dort verbauen muss. Wie viel Beton brauche ich angeliefert, wie lange ist für die Aushärtung zu planen“, erzählt Neubauer von den praktischen Anwendungen.

Drohnen

Zur digitalen Revolution am Bau gehört auch der Einsatz von Drohnen. Etwa, um sich ein Bild von Baugruben zu machen. Neubauer: „Das Wichtige ist, dass die riesengroßen Datenmengen für kleine Endgeräte wie Handys oder Tablets weiterverarbeitet werden.“ Drohnen sind auch wichtig, wenn es um die Revitalisierung von Straßen geht.

Da seien die ursprünglichen Pläne oft schon 30 bis 40 Jahre alt und man müsse den Ist-Stand relativ schnell erfassen können.

Die Sprache auf den Tablets auf Baustellen im Ausland ist übrigens die jeweilige Landessprache. „Bauen ist einfach ein lokales Geschäft“, so Konzernboss Strauss.

Hier das Gespräch mit dem Digitalisierungs-Experten von PricewaterhouseCoopers: