Wirtschaft
24.05.2017

Wegen Brexit: Briten stöhnen über "Schrumpf-flation"

Darling, ich habe die Produkte geschrumpft! Das schwache Pfund verursacht Ärger im Supermarkt.

Die Schokomarke Toblerone hat es vorgemacht, viele andere Hersteller ziehen nach: Um die Preise in britischen Supermärkten konstant halten zu können, hat der US-Konzern Mondelez bei seinem Riegel einen "Gipfel abgeknackt". Statt 400 Gramm wog dieser plötzlich nur noch 360 Gramm. Das Phänomen ist auf der Insel inzwischen so verbreitet, dass es einen Namen hat: "Schrumpf-flation" (shrinkflation).

Schuld ist der Kursverfall der britischen Währung nach dem Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 – das schwache Pfund verteuert nämlich importierte Produkte. Die Hersteller hoffen, dass die Konsumenten die Preissprünge so übersehen. Wenn sie doch dahinterkommen, ist der Ärger dafür allerdings umso größer.

Auch die Supermärkte haben Tricks, sagt Christian Kesberg, Österreichs Wirtschaftsdelegierter in London: "Den Preis für einen Liter Milch kennt jeder, dort ändert sich nichts. Aber wer weiß schon, was Kerzen kosten?" Solche Produkte würden gleich um bis zu zwanzig Prozent teurer.

Die Folge: Der britische Verbraucherpreisindex steigt seit dem Frühjahr 2015 rasch an – damals wandelte Großbritannien am Rande der Deflation, also sogar sinkender Preise. Im April 2017 hingegen erreichte die Teuerungsrate bereits 2,7 Prozent.

Harter Brexit fix

Und die Schwankungen des Pfundes dürften noch zunehmen, wenn die Austrittsverhandlungen mit der EU nach der Parlamentswahl starten. Darin sieht Kesberg eines der größten Probleme für österreichische Unternehmen, die auf der britischen Insel aktiv sind: "Die Volatilität des Pfundes ist dabei schlimmer als die Abwertung selbst."

Dass es einen "harten Brexit" geben wird – dass die Briten also aus dem EU-Binnenmarkt ausscheiden –, ist für den WKO-Experten fix. Mittlerweile hätten sich damit Umfragen zufolge 85 Prozent der Briten arrangiert.

Ob eine Einigung auf einen neuen Handelsvertrag zustande kommt oder die Briten notfalls ohne Deal vom Verhandlungstisch aufstünden, wie sie drohen, darüber lässt sich nur spekulieren. In britischen Boulevardmedien und Teilen der Regierung seien Anzeichen eines "kollektiven Realitätsverlustes" erkennbar, weil aus dem EU-Austritt eine große Erfolgsgeschichte konstruiert wird.

"Eine Win-win-Situation wird es aber nicht geben", betont Kesberg. Aus politischen Gründen: So große Zugeständnisse werde die EU einem abtrünnigen Mitglied nicht machen. Er sieht jedoch selbst im "Worst case" für Österreichs Unternehmen keine dramatischen Auswirkungen. So gut wie alle Beobachter rechnen mit einer Übergangsphase bis zumindest 2021, weil zwei Jahre für die Verhandlungen nicht ausreichen werden. "Bis dahin ändert sich vermutlich nichts, außer der Unsicherheit." Bei neuen Investitionen halten sich die Unternehmen schon jetzt spürbar zurück.

Defizit steigt wieder

Die britische Wirtschaft war in voller Fahrt, als die Brexit-Abstimmung stattfand. Jetzt sinkt das Tempo. "Ein Laster hat lange Bremswege", erklärt Kesberg. Für die kommenden zwei Jahre wird ein Miniwachstum von jeweils nur einem Prozent erwartet.

Der Einzelhandel spürt die Zurückhaltung der Konsumenten – und auch der Finanzminister. Die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer stagnierten im April überraschend. Dabei hatte die Regierung angekündigt, nach jahrelangem Sparkurs wieder mehr Geld auszugeben, um den Hausbau anzukurbeln und die schwache Forschung und Infrastruktur zu verbessern – natürlich, es ist Wahlkampf. Wie das langfristig finanziert werden soll, steht in den Sternen.