Wirtschaft
29.05.2018

Weg vom BIP: Wie die Wirtschaft ehrlicher bewertet werden könnte

63 von 100 Punkten für Österreich im ersten AK-Wohlstandsbericht : Solide, mit Defiziten bei Verteilung und Umwelt.

Vor fünf Jahrzehnten war die Wirtschaftspolitik weiter als heute: 1967 schrieb Deutschland das „magische Viereck“ als Staatsziel in sein Grundgesetz. Magisch heißt es, weil die Eckpunkte üblicherweise nicht gleichzeitig erreichbar sind – nämlich stabile Preise, hohe Beschäftigung, außenwirtschaftliches Gleichgewicht sowie „angemessenes Wachstum“.

Seit der Krise 2008 erleben solche Wirtschaftsziele eine Renaissance – meist ergänzt um Verteilungsgerechtigkeit und Umwelt. Im Lauf der Jahrzehnte hatten sich die Schwerpunkte nämlich auf ungesunde Weise verschoben: Das Wachstum hatte alles andere überstrahlt.

„Wachstum ist nur ein Zwischenziel auf dem Weg zu Wohlstand für alle“, sagte Arbeiterkammer-Chefökonom Markus Marterbauer. Am Dienstag präsentierte die AK ihren ersten „Wohlstandsbericht“ (PDF zum Download hier, 92 Seiten), den sie fortan jährlich erstellt. Sie analysiert Daten in fünf Kategorien und prognostiziert Tendenzen für 25 Indikatoren – aktuell für 2015 bis 2019. Erstes Fazit: Österreich erhält 63 von 100 möglichen Punkten, was „eine relativ günstige Entwicklung nachhaltigen Wohlstandes“ signalisiert.

Fair verteilter Wohlstand (12 von 20 Punkten)

Bei den verfügbaren Haushaltseinkommen und der Arbeitsproduktivität schneidet Österreich sehr gut ab – beides ist gestiegen. Schlechte Noten gibt es für die zusehends ungleicher verteilten Vermögen und die große Einkommensschere zwischen Männern und Frauen. Eine Spur ausgewogener sind die Einkommen verteilt.

Vollbeschäftigung und gute Arbeit (11 von 20 Punkten)

Neutral bis leicht positiv – dank des guten Arbeitsklimas und der hohen Erwerbstätigkeit. Gemessen an der guten Konjunktur gebe es aber zu viele Unterbeschäftigte und prekäre Jobs: Viele würden gern länger arbeiten oder leiden unter saisonal unterbrochenen Arbeitsverhältnissen.

Lebensqualität (15 von 20 Punkten)

Note gut: Die Zufriedenheit der Österreicher ist hoch, die Armutsgefährdung nimmt ab und die Zahl der Menschen ohne Bildungsabschluss geht zurück. Gut sind zudem die Chancen, gesund das Pensionsalter zu erreichen. Dafür wird leistbares Wohnen zu einem Problem.

Intakte Umwelt (10 von 20 Punkten)

Nur befriedigend? Hier habe die AK bewusst Felder ausgewählt, wo es Handlungsbedarf gibt, sagte AK-Ökonomin Sylvia Leodolter – etwa den Treibhausgasausstoß, Energiebedarf, Bodenverbrauch („Zubetonieren“) und Verkehrslärm. Etwas besser sieht es mit der Feinstaubbelastung aus.

Ökonomische Stabilität (15 von 20 Punkten)

Vor 7, 8 Jahren noch wäre das Urteil bedeutend schlechter ausgefallen. Jetzt steht Österreich dank guter Konjunktur und fast konsolidierter Budgets solide da. Die Investitionen haben angezogen, die Inflation ist gering, die Finanzmärkte und der Außenhandel sind relativ stabil.

Die AK empfiehlt, soziale Dienste wie Pflege und Kinderbetreuung auszubauen, eine Arbeitszeitverkürzung anzustreben und die gute Lage für aktive Arbeitsmarktpolitik zu nützen. Leider steuere die Regierung aber in die Gegenrichtung, bedauerte Marterbauer den Sparkurs beim Arbeitsmarktservice (AMS).

OECD-Plädoyer

„Die Aussichten für Niedrigverdiener verschlechtern sich“, schlug am Dienstag die Reiche-Staaten-Organisation OECD mit einem 200-Seiten-Bericht in dieselbe Kerbe. Sie bewertet darin anhand von 24 Indikatoren, ob das Wachstum alle erreicht. Die Chance eines Kindes aus einer ärmeren Familie, Wissenschaftler zu werden, betrage indes nur 18 Prozent. Und 38 Prozent seines Lebenseinkommens hingen von der Situation der Eltern ab. „Wenn sich die Politik erfolgreich um jene kümmert, die am stärksten benachteiligt sind, erhöht das den Wohlstand für alle“, sagte OECD-Abteilungsleiterin und G20-"Sherpa" Gabriela Ramos. Das würden alle Analysen belegen.

Zahlen im Vergleich - Gute Quote
Mit Investitionen in Höhe von fast 24 Prozent des BIP steht Österreich laut AK besser da als Deutschland oder die Eurozone (20 bis 21 Prozent). Das heißt: Um Österreichs Niveau zu erreichen, müssten der deutsche Staat und die Firmen um 100 Milliarden Euro mehr pro Jahr in die Hand nehmen.