Elisabeth Stadler Generaldirektorin der Wiener Städtischen

Elisabeth Stadler, Generaldirektorin der VIG

© Kurier / Juerg Christandl

wirtschaft von innen
10/30/2020

Vienna Insurance Group will im Osten noch größer werden

VIG-Konzernchefin Elisabeth Stadler im KURIER-Interview über ihre Pläne in CEE, die Lage in Österreich und Ex-Minister Löger

von Andrea Hodoschek

Die aus der Wiener Städtischen entstandene börsenotierte Vienna Insurance Group ist der größte Versicherungskonzern in Österreich und Zentral- und Osteuropa. CEO Elisabeth Stadler rechnet damit, dass sich der Osten rascher erholen wird und hat weitere Übernahmen auf dem Radar.

KURIER: Die VIG feiert 30 Jahre Expansion in CEE. Eine Erfolgsstory?

Elisabeth Stadler: Das kann man wohl sagen. Vor 30 Jahren waren wir in nur einem Land präsent, hatten drei Gesellschaften und eine Milliarde Euro Prämien. Heute sind wir in 30 Ländern mit 50 Konzerngesellschaften, 25.000 Mitarbeitern und mehr als 10 Milliarden Euro Prämien.

Wie teilen sich Prämien und Gewinn auf?

Mehr als die Hälfte der Prämien und des Ergebnisses kommen aus CEE.

Die Profitabilität des Osteuropa-Geschäfts wurde lange bezweifelt.

Der Anteil von CEE wird immer höher, die Wachstumschancen sind deutlich größer als in Österreich. Hier herrscht hauptsächlich ein Verdrängungswettbewerb. In CEE gibt es noch Potenzial. In Österreich werden pro Person im Jahr rund 2000 Euro für Versicherungen ausgegeben, in CEE ein Zehntel davon. Die Bandbreite reicht von rund 600 Euro in Tschechien bis zu 40 Euro in der Ukraine.

Corona-bedingt schaut es dort aber schlechter aus.

CEE hat sich nach der Finanzkrise deutlich schneller erholt und wird es voraussichtlich auch nach der Covid-19-Krise. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche rechnet mit einer Verbesserung der Wirtschaftslage schon im dritten Quartal 2020. Auch wenn das aus heutiger Sicht schwierig ist, wird 2021 in den Visegrad-Staaten ein Wachstum zwischen zwei und vier Prozent erwartet. Polen, Tschechien und die Slowakei sind neben Österreich unsere wichtigsten Märkte.

Was macht Sie so zuversichtlich? Diese Länder sind nicht so stark vom Tourismus abhängig und deutlich unabhängiger bei den Importen. Die Krise könnte auch die Lohnkonvergenz zwischen Österreich und CEE verlangsamen, das war 2008/09 ebenfalls so. Wenn sich die Lohnkosten-Lücke zwischen Österreich und CEE nicht so schnell schließt, bleiben die Investoren und lagern nicht nach Asien aus.

Der starke Fokus Richtung Osten war im Konzern aber auch umstritten.

Natürlich wurde am Beginn vielfach die Frage gestellt, ob es sinnvoll ist, in kommunistische Länder zu gehen. Doch wir profitieren noch heute davon, dass wir First Mover waren. Wir bekamen die besten Unternehmen zu sehr vernünftigen Preisen. Unser Einstieg in die Kooperativa in der damaligen Tschechoslowakei kostete eine Million Euro, davon können Sie heute nur träumen. Wir haben meist sehr gut eingesessene Marken mit hohem Kundenvertrauen gekauft.

Im Gegensatz zu Allianz oder Generali setzen Sie auf eine Mehr-Marken-Strategie. Bleibt das so?

Ja, auch das lokale Management bleibt. Das ist eines unserer wichtigsten Prinzipien. Verschiedene Länder haben verschiedene Bedürfnisse. Es ist sehr wichtig, als lokale Versicherung zu gelten, das schafft Vertrauen und Loyalität der Kunden, die nicht so schnell wechselwillig sind.

Wie wollen Sie in CEE weiter expandieren?

Organisches Wachstum steht im Vordergrund, aber auch durch Neugründungen oder Zukäufe.

Gibt’s überhaupt noch was zu vernünftigen Preisen?

Es gibt immer wieder interessante Übernahmeziele. Nach der Krise erwarte ich eine Belebung. Unsere bevorzugten Länder sind Polen und eigentlich auch Ungarn. Wir sind dort zwar unter den Top Fünf, aber mit einem Marktanteil von unter zehn Prozent. In Tschechien und der Slowakei haben wir über 30 Prozent. Nachdem wir in CEE insgesamt die Nummer eins sind, wollen wir in so gut wie allen unseren Ländern auch unter den führenden Versicherern sein.

In Ungarn? Ziemlich mutig. Wir beobachten die politische Situation sehr genau. Unsere Gesellschaft ist dort sehr positiv unterwegs und der Versicherungsmarkt ist vernünftig. Wir haben derzeit über acht Prozent Marktanteil und könnten uns durch Zukäufe und ohne allzu hohe Kostensteigerungen locker 15 bis 20 Prozent Marktanteil vorstellen.

Wie ist die Lage in Österreich?

Wir sind natürlich betroffen, der Krise kann sich kein Unternehmen entziehen. Aber wir sind solide unterwegs und hatten im ersten Halbjahr ein Ergebnis von 200 Millionen Euro trotz Abschreibungen.

Wagen Sie jetzt eine Prognose für das Gesamtjahr 2020?

Nein, noch immer nicht. Die Situation ist wieder sehr angespannt, wir wissen nicht, wie die nächsten zwei Monate werden. Nach dem Lockdown hatten wir sechs bis acht Wochen ein deutlich geringeres Neugeschäft, derzeit läuft es wieder so wie vorher.

Elisabeth Stadler Generaldirektorin der Wiener Städtischen

So rasch hat das Geschäft wieder angezogen? Es hat sich normalisiert. Stark nachgefragt ist die Krankenversicherung, auch die Pensionsvorsorge ist wieder interessant. In Krisenzeiten setzen die Menschen auf Sicherheit. Doch sollte die befürchtete Pleitewelle eintreffen, wird sich diese Krise auch auf die Versicherungen auswirken.

Mit einem neuerlichen Rekordergebnis wird’s nichts?

Nein, aber ich hoffe auf eine relativ stabile Entwicklung.

Welche Länder performen besonders gut und welche schlecht?

Sehr positiv ist die Entwicklung in Polen, Österreich ist stabil, was in Zeiten wie diesen schon positiv ist. Ebenso Tschechien, die Slowakei und Ungarn. Wir haben kein extrem schlechtes Land.

Die Zinsen werden weiterhin so niedrig bleiben. Drohen bei den Privatpensionen ebenfalls Kürzungen so wie bei den Pensionskassen. Das ist in den nächsten Jahren nicht zu erwarten. Wir haben die Garantieverzinsung auf ein halbes Prozent gesenkt und die alten, besser verzinsten Verträge laufen sukzessive aus.

Was macht eigentlich Ex-Finanzminister Löger als Berater der VIG?

Er hat einen Beratervertrag mit dem Verein (Haupteigentümer der VIG) und unterstützt uns bei den strategischen Überlegungen für die nächsten fünf Jahre. Uns kommt seine Erfahrung im Versicherungsbereich durchaus zugute, er ist ein guter Sparringpartner bei Diskussionen und kennt auch CEE. Ein Blick von außen ist durchaus hilfreich.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.