Wirtschaft
10.10.2018

Umsiedler-Schicksal: Wenn die Kohle ein ganzes Dorf auffrisst

Dem RWE-Tagebau fallen ganze Ortschaften zum Opfer. Auf die Aktivisten sind die Betroffenen aber gar nicht gut zu sprechen.

In Neu-Etzweiler hat die alte Kirchturmspitze überlebt. In Immerath-neu läuten vier Bronzeglocken aus der alten Kirche, obwohl die neue auf Kapellengröße geschrumpft ist. Und in Manheim-neu wurde die kleine Kapelle, die an der Hauptstraße stand, Stein für Stein abgebaut und an den neuen Standort transferiert. Es sind solche Symbole, an die sich nostalgische Bewohner klammern, wenn ihr Heimatort dem Tagebau zum Opfer fällt.

Noch immer werden im Rheinischen Revier ganze Dörfer abgesiedelt, die der Kohle-Abbau förmlich auffrisst. Tausende Menschen müssen sich darauf einstellen, einige Kilometer weiter eine neue Heimat zu finden.

Wolfgang Eßer (61) erlebt das jetzt schon zum zweiten Mal: Sein Heimatort Königshoven wurde 1975 dem Revier Garzweiler I einverleibt, das ist etwa 20 Kilometer Luftlinie nördlich vom Hambacher Forst. Damals habe der Tagebau noch fast 40 Prozent der lokalen Bevölkerung Arbeit gegeben, heute sind es durch den Maschineneinsatz deutlich weniger geworden. Aber samt Lieferfirmen und Bauindustrie sei RWE immer noch „ein gewichtiger Faktor“ für den Arbeitsmarkt in der Region, sagt Eßer.

Vereinsleben gerettet

Der Bundeswehr-Soldat wusste, worauf er sich einließ, als er 1984 nach Manheim zog. Schon damals war klar, dass auch die dort lebenden 1660 Einwohner einmal verpflanzt würden. Jetzt ist es soweit. Nicht alle kommen mit, einige ältere Mitbürger zogen lieber in betreute Wohnheime oder zu Verwandten. Oder erfüllten sich den Lebenstraum, in der Pension an der Nordsee zu leben.

Der Rest der Bewohner wollte vor allem eins: Möglichst rasch den Schlussstrich ziehen. Die Umsiedlungsaktion läuft zwar noch bis 2022, aber 90 Prozent der Manheimer sind jetzt schon im neuen Ort gelandet, der ungefähr fünf Kilometer weiter im Südosten liegt. Für Sentimentalität bleibt da wenig Zeit. „Emotional ist es, wenn die Spielplätze verschwinden, wo wir als Kinder jeden Strauch kannten.“

Sonst ist vor allem das Pendeln zwischen den Übersiedelungsorten ein Stressfaktor – und der unvermeidliche Baulärm, wenn ein neues Dorf heranwächst. Worauf Eßer freilich stolz ist: Das Vereinsleben konnte in den neuen Ort hinübergerettet werden. Keine Selbstverständlichkeit: „Das Positive war: Alle zogen an einem Strang.“ Der Tamburin-Verein, der Kirchenchor und natürlich der Fußballverein FC Viktoria Manheim, dem Eßer vorsteht und der nächstes Jahr sein 100-Jahr-Jubiläum feiert. Auf der neuen Anlage, die steht schon, samt Kunstrasen und öffentlichem Bolzplatz.

Auf die Kirche heißt es für die Neu-Manheimer hingegen noch etwas länger warten. Die wird, so wie in Immerath, auf die veränderte Zahl der Kirchgänger angepasst und somit verkleinert sein. 50 bis 60 Sitzplätze wird die Kirche voraussichtlich bekommen. Für Feiertage gibt es zusätzliche Stühle.

Leben mit der Mondlandschaft

Was die Umsiedler an vielen betroffenen Orten begleitet, sind Neider. Dass mit den RWE-Entschädigungen schlagartig Wohlstand ausbreche, sei allerdings ein Gerücht, sagt der Manheimer: "Reich wird keiner." Den Hausbesitzern werde der von einem Gutachter festgestellte Zeitwert der Gebäude und Gründe abgelöst, mit einem Zulagenpaket. „Sonst wäre es unmöglich, ungefähr in derselben Größe zu bauen.“

Und wie lebt es sich überhaupt am Rande des Tagebaus? Wer damit nicht vertraut ist, dem erscheinen die schier unendlichen Mondlandschaften, die der Kohleabbau zurücklässt, gleichermaßen beeindruckend wie erschreckend. Für Eßer, der sein ganzes Leben so verbracht hat, ist das Alltag. Und der Feinstaub? „Den spüren wir eh nicht. Meine Mutter hat es aber geärgert, wenn ihre weiße Wäsche schwarze Punkte hatte.“ Bei bestimmten Wetterlagen gebe es schon Staubwolken, die von der Abbausohle wehen. Und manchmal fiel früher auch der TV-Empfang aus, wenn die 200-Meter-Bagger gerade auf der obersten Sohle schaufelten und die Signale störten.

Wenn die Ungetüme nachts ihre Arme schwenken, verursacht das auch Geräusche. Aber das sei an einer viel befahrenen Straße nicht anders. Nach zwei, drei Wochen nehme man das schon nicht mehr wahr.

Genervt vom Protest

Gar kein Verständnis haben die Umsieder unterdessen für die zehntausenden Klima-Aktivisten, die aus ganz Deutschland, Belgien, Frankreich und sogar England in die Region eingefallen sind. „Ich kenne unter meinen Bekannten keinen einzigen, der etwas für die Protestaktion übrig hätte“, sagt Eßer. Besonders verärgert die Anrainer, dass "Chaoten" alles zweckentfremden, was nicht niet- und nagelfest ist. Einen Katzenverschlag, den eine ältere Manheimerin für streunende Tiere gezimmert hatte, rissen sie entzwei, um daraus Schilder und Transparente zu basteln.

Gegenproteste

Oder sie missbrauchen die alte Obstwiese als Parkplatz und Mülldeponie. Die Tiere im Hambacher Forst wie die viel zitierte Bechstein-Fledermaus hätten nach der jahrelangen Waldbesetzung ohnehin längst das Weite gesucht. Die vermeintlichen Umweltschützer, so Eßer, würden damit letztlich die Arbeit für RWE erledigen: "Sie stören die Biotope und vertreiben die Tiere."

Von den bis zu 350 Jahre alten Bäumen im Hambacher Forst sei jetzt ohnehin nur noch ein "Restwald übrig, mehr ist das nicht. Und der wird von den Aktivisten selbst ausgehöhlt." RWE gebe sich, findet Eßer, zudem Mühe, in der Rekultivierung gemeinsam mit Biologen die Lebensräume der bedrohten Tierarten wiederherzustellen. Etwa auf der Sophienhöhe im Norden des Hambacher Tagebaugebietes, wo bereits aufgeforstet wurde und Ausflugsziele wie ein Steinkreis entstanden.

Die anderen aus ihren "Biotopen" Vertriebenen, nämlich die Bewohner der Orte am Hambacher Forst, würden mittlerweile selbst "Spaziergänge" planen, um damit zu zeigen, dass sie mit den Aktivisten nichts am Hut haben. "Dieselben Leute haben für den Ausstieg aus der Atomkraft demonstriert. Aber irgendwo muss der Strom und die Kohle ja herkommen.“

Schüsse angedroht

Für die Bevölkerung Manheims wird der Umzug schon bald abgeschlossen sein, sagt das langjährige Mitglied des örtlichen Umsiedelungsbeirats. Er schätzt, dass an die 20 Personen noch gar nicht mit RWE verhandelt und sich ein neues Grundstück reserviert haben - manche, weil sie damit schlicht überfordert oder nicht so belastbar sind. Denen werde man nun unter die Arme greifen, kündigt Eßer an. Er habe den Energiekonzern gebeten, dabei keinen großen Druck auszuüben: "RWE ist zwar nicht immer so sensibel, aber da lassen sie durchaus mit sich reden."

Nicht reden wollte ein einzelner Alt-Manheimer, der den Umzug völlig verweigert hatte. „Ich schieß’ auf die, wenn sie kommen“, hatte der Eigenbrötler den RWE-Leuten angedroht. Dazu kam es nicht mehr. Er ist vor einer Woche verstorben.