Wirtschaft
19.07.2015

Übergabe bei Leitls

Christoph Leitl hat seinen Sohn aus Russland zurückbeordert und die Nachfolge im Baustoff-Imperium geregelt.

Man darf nicht erst übergeben, wenn man selbst zu alt ist, sondern dann, wenn der Junge alt genug ist." Christoph Leitl, 66, findet, dass es an der Zeit ist. Der Chef der Wirtschaftskammer Österreich und des ÖVP-Wirtschaftsbundes hat seinen 38-jährigen Sohn Stefan aus Russland zurückgeholt und die Nachfolge im oberösterreichischen Familienimperium geregelt.

Der Junior managt nun die persönliche Beteiligungsholding des Vaters, ein Konglomerat aus Baustoffproduktionen im Osten, Wasserkraftwerken und einer Farbenfabrik. Kumulierter Gewinn: 11,56 Millionen Euro (2013). In zwei Jahren wird Stefan die Spitze der gesamten Leitl-Gruppe übernehmen. So beschloss es jetzt der Familienrat. "Dann ist er 40 und bestens vorbereitet", sagt der Vater. Der mittelständische Ziegel- und Baustoffkonzern ist in fünfter Generation im Besitz der Leitls, im Juli wurde das 120-Jahr-Jubiläum gefeiert.

Dem jungen Leitl bleibt somit ein Schicksal erspart, das so viele Söhne im Schatten erfolgreicher, dominanter Väter erleiden. Der Junior bekommt kaum Verantwortung, der Alte gibt die Macht viel zu spät ab, redet nach der Übergabe permanent drein, weiß alles besser und verdrießt dem Jungen den Spaß am Job. Kein Wunder, dass etliche Söhne scheitern.

Nach zwei Jahren beim Linzer Kunststofferzeuger Polyfelt, einer ehemaligen OMV-Tochter, wurde dem Junior, studierter Betriebswirt mit Schwerpunkt Marketing, der Aufstieg in die zweite Führungsebene angeboten. "Da wusste ich, ich muss ihm die entscheidende Frage stellen", erinnert sich der Senior. "Ich habe ihm gesagt, du kannst gerne in eine Management-Position gehen. Du wirst schneller und auf Dauer viel mehr Geld verdienen. Aber du bist abhängig. Es kann dir mit 57 Jahren passieren, dass ein 35-jähriger neuer CEO kommt und dir erklärt: ‚Sie passen nicht in mein Konzept, geben Sie den Schlüssel ab.‘" Auf der anderen Seite "kriegst du weniger Geld, keinen Pensionsvertrag, aber dafür hast du mehr Sinn und Freude im Leben".

Drei Tage hatte der Sohn Zeit zu entscheiden.

"Eine Karriere in einem internationalen Konzern klang schon verlockend. Ich wollte ja ins Ausland gehen und andere Firmen kennenlernen", erzählt Stefan Leitl. Entschied sich aber doch fürs Unternehmertum. "Eigenständigkeit, viele Freiheiten und die Chance, im Vertrauen mit der Familie selbst etwas zu gestalten, habe ich als große Herausforderung gesehen."

Der Vater schickte den Sohn zuerst einmal in die polnische Provinz in eine 180 Mitarbeiter großes Steinwolle-Produktion. Das Werk gehört zur Isoroc-Holding, die noch zwei Standorte in Russland hat und 2000 Mitarbeiter beschäftigt. Leitl sen. hält über seine persönliche Holding 25 Prozent. Der Junior lernte rasch perfekt polnisch und schaffte den Turnaround.

Sieben Jahre später ging’s eine Stufe höher auf die Position des Finanzvorstandes der Isoroc. Jetzt lernte Leitl jun. russisch und lieferte "eine hervorragende Bilanz 2014 ab", lobt der Senior.

An der Isoroc sind außerdem der ehemalige Bau-Industrielle Alexander Maculan sowie die oberösterreichischen Schotter-Brüder Asamer beteiligt. Der 74-jährige Maculan, der die Isoroc aus einer Privatisierung heraus erstand, ist seit Kurzem Vorstandsvorsitzender. An der Spitze des Aufsichtsrates sitzt seit März Herbert Stepic, Russland-erprobter Ex-Chef der Raiffeisen Bank International. Sowie Karlheinz Kopf, Zweiter Nationalratspräsident und als Ex-Generalsekretär des Wirtschaftsbundes langjähriger politischer Begleiter Leitls.

Finanzchefin in der Beteiligungsholding ist Stefans Schwester Barbara Leitl-Staudinger, im Hauptjob Professorin für öffentliches Recht an der Uni Linz.

Die Firmengruppe des Familien-Clans leitete Christoph Leitl, Ältester von sechs Geschwistern, anfänglich selbst. Mit seinem Einstieg in die oberösterreichische Landespolitik 1990 gab er die Führung an Bruder Martin ab. Seinen Sechstel-Anteil überschrieb er dem Sohn bereits zu dessen 30. Geburtstag.

Die Leitls haben für ein Familienunternehmen durchaus respektable Dimensionen. Neben dem Stammwerk in Eferding gehört ihnen ein Fertigteilwerk in Hörsching, ein Ziegelwerk in Slowenien sowie je 50-Prozent-Beteiligungen an einer Spanplatten-Erzeugung im deutschen Magdeburg und an einem Ziegelwerk in Italien. Unterm Strich standen 2013 rund 2,6 Millionen Euro Gewinn.

Mit 200 Mitarbeitern in Österreich, die zu zehn Prozent am Gewinn beteiligt werden, sind die Leitls freilich wesentlich kleiner als der börsenotierte Marktführer Wienerberger. "Daher müssen wir versuchen, kreativer und innovativer zu sein. In Generationen denkend und nicht in fünfjährigen Vorstandsperioden." Mit dem Kernprodukt und Verkaufshit, dem energetischen "Vitalziegel", sieht sich die Familie als Innovationsführer.

Aufsichtsratschef der Familien-Holding ist der ehemalige Oberbank-Chef Hermann Bell. Christoph Leitl sekundiert als Vize: "Oberstes Gebot ist, dass die Geschäftsführung von einem Familienmitglied geführt wird, unterstützt von einem zweiten Manager. Daher muss der Vorsitzende des Aufsichtsrates ein Externer sein, alles andere wäre ein No-Go."

Wie weit darf Leitl jun. tatsächlich selbstständig managen? Einmal pro Woche gibt‘s ein Gespräch mit dem Vater, "der strategisch stark interessiert ist und viel einbringt. Ich kann von seiner Erfahrung nur profitieren. Aber für die operative Gestaltung hätte er ja gar keine Zeit". So ganz absentiert sich der Senior, der Kammer und Wirtschaftsbund straff regiert, also doch nicht. Auch wenn er beteuert: "Wichtig ist, dass die Alten nicht dreinreden, sobald der Junge der Chef ist."

Erster Grundsatz der Leitl’schen Unternehmensverfassung ist übrigens: "Das Unternehmen hat absoluten Vorrang vor familiären Interessen. Wem’s nicht passt, der kann gehen." Heißt, die Anteile sind billig an die anderen Familienmitglieder zu verkaufen.