"Tief bestürzt": Tragödie im Hause Treichl

Subject: Michael Treichl, Austrian banker at his h…
Foto: Graham J. Trott Michael Treichl auf seinem Anwesen in Dorset, 2008

Der ältere Bruder von Erste-Group-Chef Treichl schied aus dem Leben.


Eigentlich lebte er in einer Art Bilderbuchwelt. Teure Stoffe, prachtvolle Jagdtrophäen, unzählige Gemälde alter Meister an den Wänden und der Tee vom Butler serviert. Der Wiener Investmentbanker Michael Benedikt Lukas Alfred Treichl, Jahrgang 1948, kaufte im Jahr 2001 das schlossartige und geschichtsträchtige Anwesen "Parnham House" nahe Bearminster in der südenglischen Grafschaft Dorset und machte es zum weitläufigen Lebensmittelpunkt seiner Familie. Dem um vier Jahre älteren Bruder von Erste-Group-Chef Andreas Treichl war der knorrig-distanzierte Stil des englischen Landadels offenbar auf den Leib geschrieben, Sport und vor allem die Jagd in all ihren Spielarten waren seine Passion.

Mitte April 2017 wurde diese noble Upperclass-Idylle jäh zerstört. Ein gewaltiger Brand vernichtete das schmucke Anwesen aus dem 16. Jahrhundert samt dem wertvollen Inventar. Der Schaden wird auf mehrere Millionen Euro geschätzt. Die Ursache ist bis heute nicht bekannt, Brandstiftung konnte aber nicht ausgeschlossen werden. Ende April wurde Michael Treichl von der Polizei einvernommen und kurzfristig sogar festgenommen. Im Handumdrehen war er aber wieder auf freiem Fuß, Kaution musste er keine hinterlegen. Treichl soll den Behörden zugesichert haben, dass er bei der Aufklärung des Brandes eng kooperiere.

"Tief bestürzt"

In den vergangenen Jahren hatte Treichl rund 11,5 Millionen Euro in die Renovierung des herrschaftlichen Landsitzes gesteckt. Die Zerstörungskraft des Feuers dürfte ihm zugesetzt haben.

"Ich bin tief bestürzt über den Verlust unseres Heimes, die Renovierung des Anwesens ist mein Lebenswerk", ließ Treichl damals in einer Aussendung wissen. "Es ist verrückt zu glauben, ich könnte es zerstört haben. Ich habe die Absicht, es wieder aufzubauen."

Vielleicht ist ihm aber alles zu viel geworden. Vergangenes Wochenende hat sich der Investmentbanker das Leben genommen. Aus Gründen der Pietät und aus Rücksicht auf die Familie berichtet der KURIER über die genauen Umstände nicht.

Er hinterlässt seine Frau Emma und zwei Kinder. Zuletzt war Treichl Managing Partner bei der Londoner Audley Capital Advisors. Diese Vermögensberatungsfirma für Hedgefonds hatte er 2005 mitgegründet. Zu dieser Zeit hatte der Wiener schon eine beachtliche Karriere in der Finanzwelt hinter sich.

Steile Karriere

Aber der Reihe nach. Nach dem Abschluss eines Jusstudiums und einem Master of Business Administration an der Harvard Business School zog Treichl in die große Welt hinaus. Zuerst verschlug es ihn in die USA, dann nach London und Deutschland.

Treichl arbeitete viele Jahre für die Banken Lazard Frères, Merrill Lynch und S.G. Warburg & Co. In den frühen 1990er-Jahren mauserte er sich zum Spezialisten für gefinkelte Firmen-Übernahmen. So hatte er beider feindlichen Übernahme der Hoesch AG durch Krupp (1991) seine Finger im Spiel, wie auch beim Einstieg der Assurances Générales de France (AGF) beim deutschen Versicherer AMB (1992) und bei der Fusion Thyssen-Krupp. Ende 1995 kaufte Treichl mit einem Partner den angeschlagenen Sportartikel-Hersteller Head-Tyrolia-Mares und restrukturierte das Unternehmen. Mit Eigentümer Johan Eliasch hat sich Treichl später heftig überworfen.

Auch beim Energie-Investor Meinl International Power (MIP) war er an Bord, wurde aber von rebellischen Aktionären abgewählt. Seit 2016 fungierte er auch als Vermögensberater bei der Lake Asset Management in London.

Die Treichls

Legendäre und schwierige Familie

Leistung war das oberste Credo – der Vater leitete die Creditanstalt.

Diese Familie hat die Finanzen in den Genen: Bruder Andreas Treichl leitet die Erste Group, seine Frau Desirée Treichl-Stürgkh organisierte jahrelang den Opernball. Vater Heinrich Treichl (vor drei Jahren mit 101 verstorben) war Ex-CA-Chef: ein streitbarer Wirtschaftsliberaler, der die Zerschlagung der Creditanstalt nie verwunden hat. Zu seinen Söhnen pflegte er ein mitunter schwieriges Verhältnis. Es sollte sich erst vor seinem Tod entspannen. Zuletzt war er auf beide stolz.

Die Brüder Michael und Andreas besuchten (wie der Vater) das Schottengymnasium. Die Beziehung der beiden war nie besonders eng. Beim Verkauf der CA mischten sie beide mit – aber auf unterschiedlichen Seiten. "Leistung als Verpflichtung": Dieser Leitsatz galt in der Familie. Man hatte erfolgreich zu sein – und am besten auch sportlich und musisch.

Seine Biografie ("Fast ein Jahrhundert") widmete Vater Heinrich Treichl seiner 1995 verstorbenen Frau und seinen Söhnen, "die sie nie lesen werden". Als Kind hatte er noch dem Kaiser zugewinkt, sein Urgroßvater war der Ringstraßen-Architekt Heinrich Ferstel, seine Großmutter ging zu Sigmund Freud in Therapie. Auch Heinrich Treichls Vater war schon im Bankwesen, wie später seine beiden Söhne. Die Familie wohnte in einem Wiener Stadtpalais im dritten Bezirk. Grandseigneur Heinrich blieb darin bis zuletzt.

Ullstein

Seine Frau Helga stammte aus der Verlegerfamilie Ullstein und war sozial engagiert. Der Investmentbanker Michael, der als unfassbar reicher Schlossherr galt und Zugang zur britischen Upperclass gefunden hatte, schien die strengen Anforderungen des Vaters besonders gut zu erfüllen: "Er hatte auch ein wenig dessen feudal-arrogantes Selbstverständnis", erzählt ein Kenner der Familie.

Die gewisse Schnoddrigkeit, die sein jüngerer Bruder Andreas zum Schrecken seiner Umgebung manchmal geradezu zelebriert, war ihm immer fremd. In seinen Aussagen war Michael Treichl klar und präzise, in Wahrheit sogar konfliktfreudiger als sein Bruder Andreas.

Den Medien misstraute der Wahl-Brite tief – nicht immer hatte er mit ihnen gute Erfahrungen gemacht. Dem KURIER gab er im Oktober letzten Jahres dann doch ein Interview, in dem er – für einen Finanzmann ungewöhnlich – den Vorteil des Brexit herausstrich und die Skepsis der Österreicher gegen Eliten und Kapitalmärkte ansprach. Er fühle sich seinem Heimatland aber nach wie vor sehr verbunden, sagte er damals.

In einem früheren KURIER-Interview hatte Michael erklärt, dass Geld in seiner Branche zwar als Maßstab für den beruflichen Erfolg gelte, ihm persönlich jedoch wenig bedeute.

(kurier) Erstellt am