Innovationsexpertin: "Europa arbeitet mit altem Werkzeugkasten"
Sylvia Schwaag Serger
Alte Gewissheiten gelten nicht erst seit Donald Trump wieder zum US-Präsidenten gewählt wurde nicht mehr. „Die Zeit, in der wir leben, ist fundamental anders als das, was wir bisher erlebt haben“, sagt Sylvia Schwaag Serger. Vorangetrieben werden die Veränderungen vor allem durch Technologie, so die schwedische Expertin. Der KURIER hat mit Schwaag Serger über die Rolle Europas und die Chancen Österreichs gesprochen.
KURIER: Wir steuern auf eine neue Weltordnung zu. Was bedeutet das konkret?
Sylvia Schwaag Serger: Wir sehen ein Zusammenwirken zwischen technologischer Disruption, dem Klimawandel und geopolitischer Instabilität. Alles geht miteinander einher. Dazu kommt die Schwächung der Demokratie. Das alles führt dazu, dass wir es mit einer neuen Art von Instabilität zu tun haben und einer neuen Weltordnung, die keiner von uns bisher so richtig begriffen hat.
Der Technologie schreiben Sie eine zentrale Rolle zu?
Künstliche Intelligenz hat auf viele Bereiche unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft großen Einfluss. Sie verbreitet sich schnell. Angeführt wird die Entwicklung der Technologie von China und den USA. Zwei Länder mit unterschiedlichen politischen Systemen, die voll aufeinanderprallen. Das hat weitreichende Konsequenzen.
Wo steht Europa?
Bei Künstlicher Intelligenz geht es um massive Investitionen und Datenmengen, auch der Energiebedarf ist enorm. Europa besteht aus mittelgroßen bis kleinen Ländern. Es ist nicht einfach mitzuhalten. Wir stehen in der KI-Forschung nicht schlecht da. Aber wenn es darum geht, die Technologie zu kommerzialisieren, sind Größe und Investitionsstärke entscheidend. Da hat Europa zu kämpfen.
Sylvia Schwaag Serger ist Vorsitzende des schwedischen Forschungsrates und ist seit 2023 stellvertretende Vorsitzende des österreichischen Rates für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung (FORWIT). Das Gremium berät die österreichische Bundesregierung in Forschungs- und Technologiefragen. Der Vorgängerorganisation RFTE gehörte die Wissenschafterin seit 2015 an.
Die Wirtschaftshistorikerin mit amerikanischen, chinesischen und deutschen Wurzeln ist Hauptautorin des Heitor-Reports für die Europäische Kommission, der untersuchte, wie Forschung, Technologie und Innovation die europäische Wettbewerbsfähigkeit steigern können. Als technische und wissenschaftliche Beraterin der schwedischen Botschaft war sie in Peking tätig. Als China-Expertin beriet sie auch die EU-Kommission, die OECD und die Weltbank.
Man hat versucht, die Technologie zu regulieren.
Es gibt ein Dilemma, das Collingridge-Dillema genannt wird. Es besagt, dass der Staat ganz am Anfang den größten Einfluss auf neue Technologien hat. Zu dem Zeitpunkt, wo er sie am wenigsten versteht. In der EU wurde versucht, KI zu regulieren, bevor begriffen wurde, was sie leisten kann. Man war sich auch nicht bewusst, wie markant sich die Welt verändert. Die USA und China lassen der Technologie hingegen auf unterschiedliche Weise freien Lauf.
Ist Europa strukturell überhaupt in der Lage, den Herausforderungen einer neuen Weltordnung zu begegnen?
Ich sehe Europa als das einzige Konstrukt, das eine glaubwürdige Antwort auf eine Weltordnung bieten kann, in der Rechtssicherheit nicht mehr zählt und einzelne Staaten das Weltgeschehen diktieren können. Europa kann zeigen, dass Kapitalismus nachhaltig sein und mit Demokratie einhergehen kann. Das ist unsere Verantwortung. Aber wir müssen viele Dinge fundamental überdenken.
Was zum Beispiel?
Ein Beispiel ist das Einstimmigkeitsverfahren der EU. Man muss es Mitgliedsstaaten oder Gruppierungen von Mitgliedsstaaten ermöglichen, Dinge auszuprobieren, bei denen man gemeinsam zu langsam wäre.
Was braucht es, damit Europa bei Technologie wettbewerbsfähig wird?
Infrastruktur ist ein Thema. Ein anderes ist die Nachfrage. Das betrifft auch die öffentliche Beschaffung. Da arbeiten die USA und China effektiv. China hat die öffentliche Nachfrage und eine langfristige strategische technologische Entwicklung mit einem dynamischen internen Wettbewerb verbunden.
Ist die Beschaffungs- und Beihilfenpolitik in der EU noch zeitgemäß?
Wir befinden uns in einer neuen Weltordnung, arbeiten aber immer noch mit dem alten Werkzeugkasten. Wir müssen uns neue Instrumente überlegen. Es bringt nichts, wenn jedes einzelne Land das für sich macht, dann wird es ein Wettbewerb zwischen EU–Mitgliedsstaaten. Ein stärkerer Binnenmarkt würde helfen.
In der EU ist viel von digitaler Souveränität die Rede.
Es ist nicht immer ein Problem, wenn man von ausländischen Firmen abhängig ist. Schweden hat viele Unicorns (Anm.: Start-ups, die mehr als eine Mrd. Dollar wert sind). Viele bauen auf Technologie auf, die in den USA entwickelt wurde, aber in Schweden erfolgreich umgesetzt wurde. Man muss unterscheiden, von welchen Abhängigkeiten man redet und wann sie problematisch werden.
Wie können problematische Abhängigkeiten bewältigt werden?
Mit Handelsabkommen oder Partnerschaften mit anderen Ländern, die ähnliche Interessen verfolgen. Es geht auch darum, unentbehrlich zu sein. Europa ist bei Produktionstechnologie stark und in einigen Bereichen führend. Da können wir uns auch mit KI einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.
Eigentlich hätte der Forschungs-, Innovations- und Technologiepakt (FTI–Pakt) für die Jahre 2027 bis 2029 bereits bis zum Ende des Vorjahres geschnürt werden sollen. Die im Forschungsfinanzierungsgesetz vorgesehene Deadline für den Pakt, der den heimischen Forschungseinrichtungen Planungssicherheit geben soll, wurde aber bereits um mehr als einen Monat überschritten.
Zuständig sind neben dem Wissenschaftsministerium das Wirtschafts- und Infrastrukturministerium. Zumindest das Wissenschaftsministerium gab vergangene Woche grünes Licht für die Forschungsgelder. Der Grundlagenforschungsbereich werde in den drei Jahren ab 2027 drei Mrd. Euro erhalten, gab Ressortchefin Eva–Maria Holzleitner (SPÖ) bekannt. Gegenüber dem aktuellen Pakt entspricht das einem Plus von 375 Mio. Euro.
Befürchtungen aus der Forschungsgemeinde, dass es zu Kürzungen komme, haben sich zumindest für den Bereich nicht bewahrheitet. Ein Minus hätte die Arbeitsplätze von rund 500 Nachwuchsforschenden gefährdet, hieß es aus dem Wissenschaftsfonds FWF. Thomas Henzinger, Vorsitzender des Forschungsrats (FORWIT) sprach von einem starken Signal, mahnte aber den schnellstmöglichen Abschluss des Gesamtpakets ein. Das befindet sich laut Wissenschaftsministerin Holzinger auf der Zielgeraden. Die Verzögerung führt sie auf die „besonders schwierigen“ Umstände unter budgetärem Sparzwang zurück.
Österreich hat eine Industriestrategie verabschiedet und 9 Schlüsseltechnologien definiert. Bricht man die Summe herunter, stehen für jede über 4 Jahre jährlich rund 70 Millionen Euro zur Verfügung. Reicht das?
Es reicht nicht, einfach nur zu sagen, es gibt ein neues Budget. Es muss die gesamte Regierungsstrategie beeinflussen. Es geht auch um öffentliche Beschaffung, Ausbildung und um Partnerschaften. Asiatische Länder waren mit ihren Technologieentwicklungsplänen sehr erfolgreich. Da haben die Wissenschafts- und Technologieministerien Pläne gemacht und das Finanzministerium hat danach die Budgets ausgerichtet. Österreich macht das umgekehrt.
In Österreich sind Investitionen in Start-ups eingebrochen. In Schweden war das nicht der Fall. Warum?
In Schweden wird der Großteil der Pensionsgelder in Firmen investiert. Es gibt auch eine kritische Masse an Industrieunternehmen, die die Nachfrage ankurbeln. Das Ökosystem ist entscheidend.
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