© Rafaela Pröll

Wirtschaft
01/07/2021

Susanne Riess: Warum Bausparen kein Auslaufmodell ist

Die Wüstenrot-Generaldirektorin erklärt, warum Bausparen nicht ausgedient hat und wie die Einlagensicherung reformiert werden sollte.

von Anita Kiefer

KURIER: Wie hat denn die Pandemie Ihr Kundenverhalten und Ihr Geschäftsjahr beeinflusst?

Susanne Riess: Wir sind mit einem ziemlich veränderten Geschäftsmodell gut aus der Krise gekommen. Wir werden am Ende des Jahres, was die Wohnraumfinanzierung betrifft, ein Plus von 15 Prozent zum Vorjahr haben.

Wie hat sich das Kundenverhalten in der Sparte Versicherungen verändert? Wird es noch weniger Lebensversicherungen geben?

Die Transformation im Bereich Lebensversicherung hat vor der Corona-Krise begonnen. Die Krise hat hier zu keinen dramatischen Veränderungen geführt.

Werden die Menschen in der Zukunft mehr in das Thema Vorsorge investieren?

Den Trend sehen wir noch nicht. Aber das kann natürlich sein. Vorsorge bzw. Veranlagung in sichere Werte wie zum Beispiel die Immobilien sind ein ganz großes Thema. Alle, die Ersparnisse haben, schauen, dass sie jetzt eine Immobilie kaufen.

Wie sieht es beim Sparen aus? Hatten Sie Kunden, die Sparverträge wegen Liquiditätsproblemen auflösen?

Das war weniger Thema. Es gab einen Rückgang in der ersten Lockdown-Phase und danach, aber im Prinzip sind wir auf dem Niveau des Vorjahres. In Zeiten von großer Unsicherheit sparen die Menschen einfach wieder mehr. Entscheidend wird aber das Jahr 2021 sein. Wenn die Arbeitslosigkeit sehr lang anhaltend ist, wird sich das noch einmal negativ auswirken, auch auf unseren Geschäftsbereich.

Die Anzahl der per Ende September abgeschlossenen Sparverträge bei Wüstenrot haben sich von 2010 auf 2020 fast halbiert. Braucht es in der Zukunft das Bausparen überhaupt noch?

Ja. Aufs Jahr gesehen werden wir das Vorjahresergebnis erreichen. Das Bausparen wird jetzt in dieser Phase, wo die Wohnraumfinanzierung so stark nachgefragt wird, wieder zusätzlich an Bedeutung gewinnen. Das Bausparen dient ja vordringlich der Wohnraumfinanzierung, nicht dem Sparen.

Sie sitzen im Aufsichtsrat der Einlagensicherung Österreich. Der Nationalbank-Gouverneur sieht bei diesem System einen dringlichen Reformbedarf. Sie auch?

Das ist ein äußerst schwieriges Thema. Die Diskussion über eine gemeinsame Einlagensicherung verfolge ich seit 20 Jahren. Eine Einigung war immer schwierig, auch bei der letzten Reform (Verschlankung von fünf auf zwei Systeme, Anm.). Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es Sinn macht, eine gemeinsame Einlagensicherung zu haben. Ich glaube auch nicht, dass man die Causa Commerzialbank zum Anlass nehmen sollte, das ganze System in Frage zu stellen.

Ausstieg aus Einlagensicherung wäre "falsche Reaktion“

Aber Reformbedarf gibt es?

Natürlich gibt es Verbesserungsmöglichkeiten. Die Diskussion jetzt geht ja leider in die andere Richtung, nämlich, dass es Sektoren gibt, die aus dem System wieder ausscheiden wollen. Das hielte ich für die falsche Reaktion.

Welche wäre die richtige?

Darüber nachzudenken, wie der Einlagensicherungsmechanismus selbst mehr Kontrollmöglichkeiten bekommt.

Kommen wir zum Thema Frauen in Führungspositionen. In einem Porträt einer Tageszeitung über Sie steht der Satz „Seit März schmückt die 59-jährige Juristin auf Vorschlag von Finanzminister Blümel den Generalrat der Nationalbank.“ Ärgert Sie das?

Da habe ich schon viel schlimmere Formulierungen über mich gelesen. Aber ich bedaure es für die Frauen insgesamt. Einen Mann würde man nie als „Schmuckwerk“ bezeichnen. Bei aller Bescheidenheit: Ich bin jetzt seit fast 20 Jahren in der Finanzwirtschaft tätig. Wenn ich in so ein Gremium komme, komme ich dort nicht als Schmuckwerk hinein, sondern weil ich Kompetenz einbringe.

"Quote als Anstoß oft notwendig“

Sie sehen Frauenquoten skeptisch. Warum?

Weil sie zur Wahrnehmung führen, dass Frauen wegen einer Quote in eine Position geholt werden. Ich konstatiere aber auch, dass eine Quote als Anstoß oft notwendig ist. So etwas hat einen Pull-Effekt. Ich würde eine Frauenquote nur nicht als Dauerlösung sehen wollen, und sie ist auch nicht für alle Bereiche sinnvoll.

Müssen sich Frauen in Österreich noch zwischen Kind und Karriere entscheiden?

Ich würde sagen es hängt stark davon ab, welchen Partner sie haben. Wenn sie einen Partner haben, der gewillt ist, seinen Teil der Verantwortung mit zu tragen, dann ist das kein Widerspruch. Extrem schwierig ist es natürlich für Alleinerzieherinnen.

Wie lang wird es dauern, bis es Gleichstellung von Männern und Frauen im beruflichen Kontext gibt?

Das ist ein Prozess. Es ist aber auch so, dass Frauen in diesem Bereich mehr Druck machen müssen. Je mehr Frauen in Führungspositionen sind, desto mehr Selbstverständlichkeit wird es hier geben. Als ich ins Unternehmen kam, gab es nur eine Frau in einer Führungsposition. Heute haben wir an die 40 Prozent Frauen in Führungspositionen.

Sie sind seit 2004 bei Wüstenrot. Warum sind Sie so lange geblieben?

Ich bin vor 16 Jahren in einen völlig neuen Bereich hineingegangen. Früher war das Bausparen in sich geschlossen, später kam die Versicherung dazu. Nun sind wir eine mittelgroße Finanzgruppe. Jetzt sind wir am Sprung in eine neue digitale Welt. Nachdem ich die ersten 20 Jahre meines Berufslebens mit fast täglicher Veränderung verbracht habe, war es für mich sehr schön, hier einen evolutionären Prozess gestalten zu können.

Sehen Sie Parallelen der Finanzkrise zur jetzigen Krise?

Es ist die Kunst des Managements, sich auf solche Veränderungen einzustellen. Die Finanzwirtschaft steht heute viel besser da als damals und ist auch für diese Krise sehr viel besser gewappnet gewesen. Wenn wir jetzt die Banken nicht als Finanzierungsmotor in der Krise hätten, würde die Welt ganz anders aussehen. Aus solchen Krisen muss man die positiven Veränderungen ableiten.

Welche?

Neue Geschäftsmodelle im digitalen Bereich wie Telemedizin. So etwas hätte ohne Krise viel länger gedauert.

"Einer in der Politik genügt vollkommen“

Rückblickend auf Ihre Karriere in der Finanzbranche - würden Sie noch einmal den Umweg über die Politik gehen?

Ich habe eine spannende Karriere in der Politik gemacht. Ich habe aber auch den Punkt gefunden, wo klar war, jetzt ist es genug. Das habe ich nie bedauert. Ich bedauere aber auch nicht, dass ich diesen Weg gewählt habe.

Sie haben bereits klargestellt, dass es keinen Weg zurück in die Politik geben wird. Eine politische Nähe gibt es aber nach wie vor. Sie haben im Vorjahr die ÖVP im Nationalratswahlkampf unterstützt, und sind mit einem ÖVP-Politiker, EU- Kommissar Johannes Hahn, liiert. Gibt es doch Überlegungen zu einem Comeback?

Nein. Mir war immer klar, dass es keinen zweiten Versuch geben wird. Ich kenne auch kein Beispiel, wo ein zweiter Versuch erfolgreich war. Und privat gesehen sage ich: Einer in der Politik genügt auch vollkommen. Ich bewundere was mein Partner in der internationalen Politik leistet und genieße die Beobachterrolle.

  • Die Politik

Dr. Susanne Riess ist studierte Juristin und war von 2000 bis 2003 die erste Vizekanzlerin Österreichs (FPÖ). Davor hatte sie andere politische Funktionen inne, etwa als Abgeordnete zum Europäischen Parlament und als Nationalratsabgeordnete.

  • Die Finanzwirtschaft

Seit 2004 ist Riess Vorstandsvorsitzende der Bausparkassen Wüstenrot AG. Sie ist Aufsichtsratsvorsitzende der Wüstenrot Versicherungs AG und Aufsichtsratsvorsitzende bzw. -mitglied der  Töchter in Kroatien, der Slowakei und der Beteiligung an der ungarischen Bausparkasse Fundamenta-Lakáskassza Zrt. Außerdem ist sie Generalrätin der Österreichischen Nationalbank und Präsidentin der Sporthilfe.

  • Bausparkasse Wüstenrot AG

2019 lagen die  Bauspareinlagen bei 5,4 Milliarden Euro, das EGT bei 21,5 Millionen Euro, die Bilanzsumme bei 6,6 Milliarden Euro.  Mitarbeiter: 490

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