Wie viel Strom so ein Rechenzentrum frisst und woher er kommt
Zwei Personen an einem kleinen Teich vor der Baustelle des neuen Google-Rechenzentrums in Kronstorf.
Auf Google Maps ist klar erkennbar, warum Google schon vor 18 Jahren erkannt hat, dass das oberösterreichische Kronstorf ein guter Standort für ein Rechenzentrum wäre. Das Grundstück, das sich der US-Internetkonzern gesichert hat, liegt sehr nahe an der Enns. Der Fluss speist mehrere Wasserkraftwerke und soll künftig abfließendes Kühlwasser aufnehmen. Am anderen Ufer steht das Umspannwerk Ernsthofen, einer der größten Knotenpunkte im heimischen Stromnetz.
Rechenzentrums-Strombedarf verdoppelt
Strom und Wasser benötigt das Google-Rechenzentrum, das in zwei Jahren Realität sein soll, in rauen Mengen. Viele Anwohner sind deswegen sehr besorgt. 150 Megawatt Anschlussleistung soll das Projekt in einer ersten Ausbaustufe erhalten. Der jährliche Stromverbrauch wird mit 1,31 Terawattstunden prognostiziert – so viel wie 375.000 Haushalte verbrauchen. In einer zweiten Stufe soll die Leistung bei 500 MW betragen und der Stromverbrauch bei 4,4 TWh liegen.
Die Dimensionen des Projekts werden klarer, wenn man sich den Status quo ansieht. Alle derzeitigen Rechenzentren des Landes – es sind rund 50 – kommen auf eine Gesamtanschlussleistung von 100 MW, schildert Martin Madlo, Präsident der Austrian Data Center Association (ADCA). Im Jahr werden rund 1,4 TWh verbraucht, was weniger als zwei Prozent des gesamtösterreichischen Energiebedarfs entspreche. Das Google-Projekt würde den Strombedarf von heimischen Rechenzentren also zunächst verdoppeln und langfristig vervierfachen.
Im Umspannwerk Ernsthofen kommen mehrere große Stromleitungsstränge Österreichs zusammen.
Infrastruktur muss ausgebaut werden
Die Kapazitäten, um den Strom zu liefern, sind im heimischen Stromnetz vorhanden. Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid hält die notwendige Anschlussleistung für die erste Ausbaustufe bereit. Für die zweite Stufe sei ein Ausbau der Infrastruktur notwendig. Zum Rechenzentrum müsste laut APG eine 380-Kilovolt-Hochspannungsleitung gelegt werden, die frühestens 2032 in Betrieb gehen könnte. Sämtliche Kosten für den Ausbau übernimmt der Verursacher, also Google.
Lieferanten können überall in Europa sitzen
Woher kommt der Strom? Üblicherweise wird eine möglichst hohe Verwendung von Ökostrom angestrebt, sagt Madlo. „In Europa gibt es seit vielen Jahren den Climate Neutral Data Center Pact. Das ist eine freiwillige Regelung, der fast alle Betreiber beigetreten sind.“ Für die Versorgung eines Rechenzentrums werden üblicherweise langfristige Lieferverträge, so genannte Power Purchase Agreements (PPAs), mit Energielieferanten abgeschlossen. Da Ökostrom nicht jederzeit im gleichen Ausmaß vorhanden ist, der Stromverbrauch eines Rechenzentrums aber relativ gleichmäßig ist, kommt der Strom zeitweise auch aus anderen, z.B. kalorischen, Kraftwerken. Auch Speicher sind hilfreich. Bilanziell wird die Klimaneutralität angestrebt, weshalb etwa CO₂-Zertifikate zugekauft werden.
Für große Verbraucher wie Rechenzentren schließen Betreiber üblicherweise Lieferverträge mit mehreren Energieversorgern ab. Die müssen nicht unbedingt alle in einem Land sitzen. Österreich ist fest in das europäische Stromnetz eingebunden, ein Rechenzentrum könnte also auch von einem weit entfernten Anbieter mitversorgt werden.
Rendering des fertigen Google-Rechenzentrums in Kronstorf.
Abwärmenutzung oft nicht möglich
Abgesehen von der Belieferung mit Ökostrom wollen Rechenzentrumsbetreiber ihren Klimaneutralitätspakt auch mit der ständigen Verbesserung der Energieeffizienz und einem nachhaltigen Umgang mit Wasser erfüllen. Um große Mengen an abfließendem warmem Wasser zu vermeiden – das etwa Ökosysteme in Flüssen gefährden könnte – wird vor allem auf Abwärmenutzung gesetzt. Wärme aus dem Rechenzentrum wird also etwa in Fernwärmenetze für Haushalte eingespeist oder an benachbarte Unternehmen geliefert. Dazu wäre es sinnvoll, Rechenzentren in Ballungsräumen oder in Gewerbe- oder Industrieparks anzusiedeln. Das ist aber aus Platz- und Kostengründen schwierig.
Nationale Strategie würde helfen
Madlo vermisst dabei eine ganzheitliche Planung und plädiert für eine nationale Rechenzentrumsstrategie. „Es braucht digitale Infrastruktur, um eine digitale Gesellschaft am Leben zu erhalten. Gerade im Hinblick auf KI und Cloud-Nutzung wird es auch in Österreich notwendig sein, weitere Kapazitäten zu schaffen.“ Das Land sei im europäischen Vergleich ins Hintertreffen geraten. „Wien war bis Ende der 2010er-Jahre einer der digitalen Knotenpunkte in Zentral- und Osteuropa. Diesen Status haben wir leider verloren.“ Während es in anderen Ländern jährlich Zuwächse bei der Rechenkapazität im zweistelligen Prozentbereich gebe, sei der Fortschritt in Österreich sehr langsam. Die Nachfrage von Unternehmen und Behörden nach Rechenkapazität könne nicht bedient werden. „Viele Projekte sind abgesagt oder verschoben worden, oder sie wurden im Ausland realisiert.“
Dass es angesichts von Großprojekten wie jenem von Google Bedenken gebe, sei laut Madlo verständlich. Auch der Ruf nach einer Umweltverträglichkeitsprüfung ab einer bestimmten Projektgröße könne diskutiert werden. Notwendig sei einfach ein Dialog, der im besten Fall zu einer nationalen Rechenzentrumsstrategie führe. In anderen europäischen Ländern, etwa Portugal, gebe es so etwas bereits.
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