Wirtschaft
22.06.2017

Stellenabbau beim Pharmakonzern Shire: Bittere Pille für bis zu 650 Mitarbeiter

Der britisch-amerikanische Pharma-Konzern Shire wird die Produktion großteils von Österreich nach Irland und in die USA verlagern.

Ende des Vorjahres wurde bereits der Standort in Krems geschlossen, am Mittwoch gab es für die heimische Belegschaft des britischen Pharma-Riesen Shire und dessen österreichischen Bio-Science-Ableger, vormals Baxalta Österreich, die nächste Hiobsbotschaft. Die Mitarbeiter wurden in Betriebsversammlungen darüber informiert, dass an den Standorten Orth an der Donau, NÖ, und Wien 500 Arbeitsplätze gestrichen werden. Beim Frühwarnsystem des Arbeitsmarktservice (AMS) wurden sogar 650 Beschäftigte zur Kündigung angemeldet.

Noch vor drei Wochen war eine Wirtschaftsdelegation in Orth an der Donau. Von einer Teil-Schließung der Produktion soll damals noch keine Rede gewesen sein. Laut Informationen der Arbeiterkammer Niederösterreich will der britische Konzern die Herstellung von Medikamenten von Österreich nach Irland verlegen.

Massives Unverständnis

"Es ist keine wirtschaftliche Notwendigkeit zu erkennen, den Standort innerhalb der Europäischen Union nach Irland zu verlegen", sagt Markus Wieser, Präsident der Arbeiterkammer Niederösterreich, zum KURIER.

Dazu muss man wissen, dass Shire "steuerschonend" aufgestellt ist. Registriert ist der börsennotierte Konzern auf der britischen Kanalinsel Jersey, das Headquarter für das internationale Geschäft befindet sich in der Schweizer Briefkastenfirmen-Hochburg Zug und die Konzernzentrale in der irischen Hauptstadt Dublin. Letztere wurde neu errichtet und erst Ende April 2017 bezogen. Der Hauptsitz der Bio-Pharma-Sparte (früher Baxalta), die im Vorjahr für umgerechnet rund 29 Milliarden Euro zugekauft wurde, befindet sich im US-Bundesstaat Illinois.

Sozialplan ausgehandelt

"Die Entscheidung über den Mitarbeiterabbau ist in der Konzernzentrale für die USA gefallen", sagt Barbara Teiber von der Gewerkschaft der Privatangestellten ( GPA) zum KURIER. "Grund ist eine Redimensionierung beziehungsweise eine Restrukturierung des Unternehmens. Betroffen sind vor allem gut qualifierzierte Angestellte."

Am Donnerstag werden sich die Betriebsräte von Shire Österreich zu einer Lagebesprechung treffen. Bei der Gewerkschaft stößt der geplante Jobabbau auf sehr großes Unverständnis.

"Der Standort ist gut und auch profitabel", sagt GPA-Sprecherin Teiber. "Es sind ein Sozialplan , vorerst bis Ende 2018, und eine Arbeitsstiftung ausverhandelt worden. Für Mitarbeiter, die älter als 50 Jahre sind, soll es eine Sonderregelung geben."

Shire-Stellungnahme

Indes bestätigt Shire-Österreich-Sprecherin Monika Wiesner, dass in einem Jahr am Standort Wien 3200 und in Orth nur noch 300 Mitarbeiter beschäftigt werden. In Orth bleiben die Bereiche Gentherapie und Hämatologie als Innovations-Drehkreuz erhalten und alles, was zu diesen Bereichen dazugehört. Der Standort Wien wird zum Kompetenzzentrum für die Plasma-Qualitätskontrolle und die Abfüllung aufgewertet.

"Die Produktion wird nach Irland und in die USA verlagert", sagt Wiesner. Die klinische Forschung wird künftig in Cambridge, Großbritannien, gebündelt. Es handle sich bei diesen Maßnahmen um eine klassische Konsolidierung nach einer Übernahme. Grundlage dafür ist das Ergebnis einer Studie, für die alle Geschäftsbereiche durchleuchtet wurden. Detail am Rande: Mit dem US-Pharma-Riesen Pfizer teilt sich Shire bloß den Standort in Orth an der Donau, ansonsten gibt es keine Gemeinsamkeiten.

Das Erbe von Baxter

Bis 2015 ist Österreich mit 4100 Mitarbeitern der größte Standort des US-Pharmakonzerns Baxter außerhalb der USA. 2015 spaltet der Konzern die Biotech-Tochter Baxalta ab, die Impfstoff- Sparte (ehemals Immuno) mit 250 Mitarbeitern in Orth geht an Pfizer. 2016 fusioniert Baxalta mit dem britischen Pharmariesen Shire, Marktführer im Bereich seltener Erkrankungen. Im Oktober 2016 gibt Shire den Standort Krems auf und streicht 130 Stellen, 80 weitere Forschungsstellen wandern nach Boston.

Der Pharmastandort Österreich: Von Antibiotika bis Hyaluron

Mit dem Teilrückzug der Biotech-Firma Shire in Orth an der Donau wandert wieder ein Stück Pharma-Produktion aus Österreich ab. Die Pharmig, der Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs, bedauert den Schritt, wollte aber inhaltlich noch nichts dazu sagen.

Shire (Baxalta) zählt mit aktuell noch rund 4000 Beschäftigten zu den größten Arbeitgebern in der heimischen Pharmaproduktion. Größer ist nur noch Novartis mit mehr als 5000 Mitarbeitern an vier Standorten in Österreich, allen voran am zentralen Entwicklungs- und Produktionsstandort von Sandoz in Kundl/Tirol.

Das Werk in Kundl zählt zu den führenden Herstellern von Antibiotika weltweit und ist ein Pionier auf dem Gebiet moderner Biopharmazeutika (Biosimilars). Auch am zweiten Tiroler Standort Schaftenau werden Biosimilars hergestellt. Novartis stellt mehr als ein Viertel der Arbeitsplätze sowie etwa ein Drittel des Umsatzes der gesamten Pharmaindustrie.

120 Unternehmen

Laut einer Umfrage im Auftrag der Pharmig beschäftigen die in Österreich tätigen 120 Pharmaunternehmen 18.000 Mitarbeiter direkt sowie weitere 63.000 indirekt über Partnerbetriebe. Etwa 15.000 sind an knapp 100 Produktionsstandorten tätig, die zumeist eng mit der Forschung vernetzt sind. Dass in Österreich nicht nur gekürzt, sondern auch investiert wird, beweist unter anderen Boehringer Ingelheim in Wien-Meidling. Der Forschungs- und Produktionsstandort mit aktuell 1500 Mitarbeitern wird um 700 Mio. Euro erweitert, bis zu 500 zusätzliche Jobs sollen dadurch entstehen.

Der Wiener Arzneimittelhersteller Sigmapharm zieht nach Hornstein ins Nordburgenland und will dort bis zu 100 Arbeitsplätze schaffen. Ihren Firmenstandort in Wels kräftig ausbauen will die Welser Richter Pharma. Und Hyaluron-Spezialist Croma Pharma hat erst kürzlich die Produktionskapazität seines Stammwerkes in Leobendorf/NÖ verdoppelt.