Wirtschaft
21.07.2018

Später in Pension: Warum sich länger arbeiten lohnt

Österreicher gehen im internationalen Vergleich früh in Pension. Der Verbleib im Berufsleben kann aber Vorteile haben.

Wer hat behauptet, Start-ups wären nur für junge Menschen interessant? Das Online-Portal Wisr konnte kürzlich bei Investoren eine Viertelmillion Euro einsammeln. Die Idee: Senioren, die nach der Pensionierung aktiv bleiben wollen, werden auf Teilzeit- oder Projektbasis an Unternehmen vermittelt.

Gar nicht so selten wollen ältere Menschen ihren Erfahrungsschatz und ihr Wissen mit Erreichen des Pensionsalters nicht einfach an den Nagel hängen.

Zugleich bleibt längeres Arbeiten im Alter ein politischer Dauerbrenner. Österreichs Männer treten die Pension im Schnitt mit 62 Jahren an – im OECD-Mittel sind es 65,1 Jahre. Zu teuer, zu unflexibel, zu unbequem: Unternehmen drängen Ältere mit Angeboten, die diese kaum ablehnen können, zum Rückzug. Der Anteil älterer Beschäftigter ist in Österreich – auch wegen des niedrigeren Frauen-Antrittsalters von (noch) 60 Jahren im ASVG-Recht – eher gering (Grafik). Was müsste passieren, damit beide Seiten Anreize haben, im Alter länger zu arbeiten?

Gesundheitsvorsorge

Damit Menschen länger im Job bleiben können, sind altersgerechte Arbeitsplätze nötig, sagt IHS-Experte Helmut Hofer: Es sei keine Frage, dass ein Mensch im höheren Alter mehr Ruhepausen brauche. Er denkt an Aussagen von Wiens Ex-Bürgermeister Häupl, wonach ein Feuerwehrmann rein körperlich nicht bis 65 arbeiten könne. „Ja, stimmt. Aber dann sollte mit 40 oder 45 Jahren mit Umschulungen für altersgerechte Beschäftigung begonnen werden. Das passiert aber nicht.“ Für den Pensionsexperten Bernd Marin ist längeres Arbeiten „aufgeklärter Eigennutz. Es hilft, gesund zu bleiben.“ Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass ein früher Pensionsantritt die Lebenserwartung reduziert, insbesondere bei Männern: „Arbeiten hält jung.“

Finanziell besser

Länger arbeiten macht sich laut Marin auch finanziell bezahlt. Seit Anfang 2014 erhält man für Weiterarbeiten im Korridor von 62 bis 68 deutlich mehr, bis zum Neunfachen, als zuvor. „Das beginnt sich langsam herumzusprechen“, so Marin. Zuvor sei Weiterarbeiten massiv bestraft worden, Frühpension hingegen hoch subventioniert. „Wir hinken aber anderen Ländern noch immer 5 bis 10 Jahre hinten nach, das faktische Pensionsalter steigt zu langsam an.“ Für Helmut Hofer und WIFO-Chef Christoph Badelt sind die Anreize eher noch zu gering: Über-65-Jährige dürften versicherungsmathematisch nicht schlechter gestellt sein.

Lebenslanges Lernen

Die Weiterbildung im Job darf nicht mit 40 Jahren enden: Das liege gleichermaßen in der Verantwortung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sagt Hofer.

Flachere Einkommen

Die Idee hat selbst etliche Jahre auf dem Buckel: Junge sollten mehr, Ältere weniger verdienen. Bisher kommen wegen der Gehaltsvorrückungen ältere Arbeitskräfte oft viel teurer als junge. Eine Umverteilung in den Lebenseinkommen würde das korrigieren. Allerdings ist die Kurve der Kollektivvertragslöhne heute ohnehin schon viel flacher als vor 20 Jahren, relativiert Hofer.

Unternehmen profitieren

„Das Humankapital in Betrieben wird immer wertvoller. Noch nie waren Mitarbeiter so gut ausgebildet und noch nie so gesund“, so Marin. Vor allem für KMU seien gut ausgebildete Beschäftigte überlebenswichtig, sie seien nicht leicht austauschbar, bei Pensionierungen geht viel Wissen verloren.

Austriakum

Viele denken, mit Erreichen des Pensionsalters müsse ein Beschäftigter gehen: Ein Irrtum bzw. „eine österreichische Urgewohnheit“, sagt Badelt. Hilfreich das zu ändern seien Vorbilder wie Nationalbankchef Ewald Nowotny, Präsident Alexander Van der Bellen (beide 74) oder Kollegen, die es im Betrieb vorleben. Wobei: Badelt sieht „keine klare Politik, ob es wirklich gewünscht ist, so lange wie möglich zu arbeiten.“ Bis zum Regel-Antrittsalter ja – darüber hinaus nicht unbedingt.

Reicht zum Leben

Ein positiver Faktor: In Österreich ist der finanzielle Druck für Pensionisten, weiter arbeiten zu müssen, geringer als etwa in Deutschland. Dadurch gibt es auch weniger Altersarmut. „Uns muss aber bewusst sein, dass das höhere Beitragszahlungen bedingt“, merkt Badelt an.

Weniger ältere Beschäftigte

Im Vorjahr waren in Österreich 138.400 Menschen zwischen 60 und 64 Jahren erwerbstätig. Das sind zwar fast drei Mal so viel wie 1994 (52.300). Gemessen an der gesamten Erwerbsbevölkerung ist der Anteil aber kaum gestiegen – von 1,4 auf 3,2 Prozent.

Die EU-Kommission warnt im Länderbericht 2018, die öffentlichen Ausgaben für Pensionen seien in Österreich mit 13,8 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP) „vergleichsweise hoch“ (EU-weit: 11,2 Prozent). Die Kosten stiegen auch rascher an, bis 2040 um 1,1 Prozent des BIP ( EU: 0,8 Prozent).

Wegen des hohen geschlechtsspezifischen Lohngefälles (40,5 Prozent) seien Frauen über 65 stärker armutsgefährdet als Männer. Österreichs recht geringe Beschäftigungsquote (siehe Grafik oben) liegt zum Teil am früheren Pensionsantritt der Frauen.