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Wirtschaft
05/11/2019

So schneidet die islamische Welt ökonomisch ab

Im frühen Mittelalter war die Region weltweit führend – danach verlor sie den Anschluss. Forscher rätseln, warum.

Die christliche Welt schreibt das Jahr 1033, da erscheint in Isfahan (heute Iran) ein Medizinlehrbuch, das für Jahrhunderte zum Standardwerk werden soll. Und zwar im Orient ebenso wie im Abendland: der „Kanon“ von Ibn Sina, besser bekannt unter dem lateinischen Namen Avicenna.

Das Universalgenie befasst sich ganz nebenbei mit Mathematik, Astronomie, Poesie, Theologie. Und er ist nicht allein.

Islamische Wissenschaftler sind um die erste Jahrtausendwende dem Westen weit überlegen. In Spitälern werden Kranke gratis behandelt. Man führt – bereits unter Narkose – Augenoperationen durch.

- Der Rückfall

Wertet man innovative Forschung als Indiz für wirtschaftlichen Fortschritt, dann haben sich die Verhältnisse offenkundig umgekehrt.

Wobei: Die eine islamische Welt gibt es nicht – weder geografisch, noch politisch-religiös. Und schon gar nicht ökonomisch: Unter den rund 50 Staaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit finden sich unfassbar reiche Ölemirate wie Katar, aber auch bitterarme afrikanische Länder wie Niger. Ganz zu schweigen von Bürgerkriegsstaaten wie Libyen, Syrien oder Jemen.

Die Zahlen scheinen die These der Rückständigkeit zu untermauern: Die Wirtschaftsleistung (BIP) pro Kopf, die oft als ein Maß für den Wohlstand gesehen wird, liegt in islamischen Ländern (17.700 Euro) niedriger als im Rest der Welt (20.700 Euro).

- Der Stand heute

Das Bruttoinlandsprodukt ist aber nicht alles. Die Vereinten Nationen haben den „Human Development Index“ entworfen, der den Entwicklungsstand von Ländern besser vergleichbar machen soll. Deshalb fließen Faktoren wie die Lebenserwartung oder Alphabetisierungsrate mit ein.

Aber auch hier schafft die islamisch geprägte Region keine Spitzenplätze. Im Durchschnitt geht sich nur Platz 112 von 189 Nationen aus. Kein Land schneidet besser ab als Rang 34 (Vereinigte Arabische Emirate). Zum Vergleich: Österreich kommt auf Platz 20, Spitze ist Norwegen.

- Wachstum

Hat Religion eine hemmende Wirkung? Genau das hat der Forscher Marcus Noland untersucht, in dem er die Wirtschaftsentwicklung verschiedener Ländergruppen über den Zeitraum fast eines Jahrhunderts, von 1913 bis 1998, verglich.

Sein Fazit: Länder mit islamischer Mehrheitsbevölkerung schnitten auch nicht schlechter ab als andere schwach entwickelte Volkswirtschaften. Sie lagen hinter dem ostasiatischen Raum zurück, wuchsen aber rascher als das übrige Afrika – und Kopf an Kopf mit Südasien und Lateinamerika.

- Industrialisierung

Für den deutschen Wirtschaftshistoriker Alexander Flores war das Match Orient versus Westen bis etwa zum Jahr 1800 durchaus ausgeglichen. „Der Punkt, an dem Europa uneinholbar wurde, war die industrielle Revolution“, sagte er zum Magazin Spiegel.

Allerdings habe sich der Kapitalismus westlicher Prägung schon davor ausdifferenziert: Das moderne Bankwesen und frühe Formen der Globalisierung entstanden in italienischen Stadtstaaten wie Florenz, Genua, Pisa oder Venedig. Ähnlich autonome Städte fehlten im Islam.

- Wirtschaftsethik

Für Muslime sind die religiösen Texte, Koran und Sunna, zentral. Allerdings könnte man die daraus abgeleitete Wirtschaftsethik als „Variante einer sozialen Marktwirtschaft klassifizieren“, findet der Islamforscher Volker Nienhaus.

Der Einzelne solle nicht den persönlichen Vorteil verfolgen, das Gemeinwesen ist wichtiger. Gerechtigkeit, nicht Freiheit, ist das übergeordnete Ziel: Das könnte so ähnlich auch im Programm einer Grün-Partei stehen.

- Demokratie

Hängen Wohlstand und Demokratie zusammen? Hier führen die Zahlen in die Irre: Just die schlimmsten Autokratien wie Saudi-Arabien und Katar sind am reichsten – sie wären weit erfolgreicher als Länder mit viel höherem Demokratie-Index. Es ist natürlich andersherum.

Der Erdölreichtum ist der Grund für den Wohlstand und sichert repressiven Regimes den Thron. Was die Forschung sehr wohl belegt: Religion hemmt die Innovationskraft, nicht nur im Islam. In stark religiös geprägten Ländern werden weniger Patente angemeldet.

- Almosen

Islamisches Recht kennt ganz konkrete Vorschriften. Dazu zählt neben dem Ramadan auch die Almosensteuer (zakat), die auf Ernteerträge, Viehbestand und Handelswaren eingehoben wird – was die Verhältnisse des siebten Jahrhunderts widerspiegelt. In Staaten, die die Steuer noch einheben, bleiben Immobilien, Industrievermögen und Dienstleistungen ausgeklammert. Das belastet die Armen heute eher, als ihnen zu helfen.

- Zinsverbot

Wegen des Verbotes von Zinsen (riba) haben sich islamische Finanzprodukte etabliert, die stattdessen Gewinne und Risikoanteile ausschütten. Das betrifft etwa islamische Anleihen (sukuk) oder Versicherungen (takaful). Laut Studien ist deren Transparenz geringer, die Kosten sind etwas höher. In Summe sei die Wirkung aber ähnlich. Interessant: Islamische Banken sind weniger krisenanfällig, weil sie konservativer veranlagen.

- Eigentum

Als folgenschwere Bereiche nennt der Buchautor Rainer Hermann das Erb- und Gesellschaftsrecht. Weil eine große Personenzahl aus der Familie zur Nachfolge berechtigt war, wurden große Ländereien in immer winzigere Parzellen geteilt. Alternativ musste das Vermögen in eine Stiftung (waqf/vakif) gewandelt werden – beides ließ kein dynamisches Wirtschaften zu.

Ähnlich verhält es sich mit dem Gesellschaftsrecht: Für das Mittelalter war dieses hoch innovativ, weil es über die eigene Familie hinaus wirkte. Allerdings kannte der Islam keine Körperschaft; alle Firmenkonstruktionen blieben somit an die handelnden Personen gebunden und endeten mit dem Projekt. Oder mit dem Tod des Partners.

- Frauen

Ein simpler, aber zentraler Faktor: die weibliche Bevölkerung. Wenn für so viele Menschen die Bildungs-, Aufstiegs- und Beschäftigungsmöglichkeiten eingeengt werden, sind negative ökonomische Folgen nicht überraschend.

Tipp: Timur Kuran, Professor an der Duke University, hat im Vorjahr den Forschungsstand zum Thema Islam und wirtschaftliche Entwicklung zusammengetragen und ausgewertet (PDF, englisch, 96 Seiten)