Kamen war als Starredner beim Pioneers Festival in Wien.

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Interview
05/26/2016

Segway-Erfinder: "Frustration ist mein Dauerzustand"

Der legendäre Visionär Dean Kamen will, dass junge Forscher die Sportstars des 21. Jahrhunderts werden.

von Hermann Sileitsch-Parzer

So viel Enthusiasmus wirkt ansteckend. Wer mit US-Erfinderlegende Dean Kamen spricht, sollte sich aber drauf einstellen, selten zu Wort zu kommen. Das galt nicht nur für den Interviewer, sondern auch für Staatssekretär Harald Mahrer, der interessierter Zuhörer war.

KURIER: Sie sind als Erfinder des Segway bekannt, dabei…

Dean Kamen (unterbricht): Stimmt, ich bin als der Segway-Typ bekannt. Aber ich hatte schon lange davor die erste tragbare Insulin-Pumpe für Diabetiker oder ein Dialysegerät für den Heimgebrauch entwickelt. Die Segway-Technologie kam übrigens von iBOT, einem Gerät, das es Menschen ohne Beine möglich macht, zu balancieren und Stufen zu steigen. Zeigen Sie das den Kindern, das ist viel cooler!

Beim iBOT ist Toyota soeben Ihr Partner geworden. Was versprechen Sie sich davon?

Das ist fantastisch. Toyota hat erkannt, dass Google bei selbstfahrenden Autos auf der Überholspur ist. Deshalb haben wir einen Deal geschlossen: "Ich helfe euch bei der Robotertechnologie. Ihr sorgt dafür, dass jede behinderte Person einen iBOT erhalten kann." Sie haben zugestimmt, ermöglichen jetzt die Produktion und bringen die Verteilungslogistik mit.

Warum braucht es so lange, bis Ihre Erfindungen realisiert werden? Sie haben Slingshot, ein Gerät, das Dritte-Welt-Ländern sauberes Wasser bringt, schon 2006 in Honduras getestet ...

… und vor wenigen Monaten nach dem Hurrikan drei in der Dominikanischen Republik aufgestellt. Jede davon säubert Tausende Liter Wasser am Tag.

Sie wollten aber einer Milliarde Menschen frisches Wasser bringen. Ist das nicht frustrierend?

Frustration ist mein Dauerzustand, aber ich gebe nicht auf. Die Technologie entwickelt sich schneller, schneller, schneller, unsere Gesellschaften werden bürokratischer und langsamer. Es gibt die Lösungen, aber sie landen im Regal. Wir glauben oft, die Menschen in den Entwicklungsländern haben keine Technologie, weil sie arm sind. Nein! Du bist arm, weil du die Technologie nicht hast. Statt diesen Menschen Wasser und Strom zu bringen und sie zu unseren Partnern zu machen, geben wir lieber Geld aus, um uns vor ihnen zu schützen. Das ist verrückt!

Thema Wassermangel: Viele Umweltschützer sehen Konzerne als die Schuldigen an. Sie haben Coca-Cola als Partner gewählt. Warum?

Ich war auch bei den NGOs, der Weltbank, der UNO. Alle haben gesagt: "Großartig, aber wir können deine Maschine nicht ausliefern." Es gibt 206 Länder auf der Welt – und eine Firma ist in jedem vertreten. Also habe ich Coca-Cola-Chef Muhtar Kent gesagt: "Muhtar, wenn die Menschen gesund sind, werden sie Geld haben und eure Produkte kaufen. Allein schon aus Loyalität." Er ließ vertraglich fixieren, dass Coca-Cola mit Slingshot keinen Gewinn macht.

Wie weit sind Sie gekommen?

Wir haben Maschinen in Ghana, Südafrika, Paraguay, Mexiko. Die ersten Geräte waren von Hand gebaut und haben 100.000 Dollar gekostet. Jetzt, dank der Coke-Millionen, konnten wir die Kosten auf 7000 bis 8000 Dollar senken. Wir haben rund hundert Geräte gebaut, die in Schulen und Spitälern stehen.

Meine Buben waren begeistert, dass ich den Segway-Erfinder treffe. Noch cooler hätten sie gefunden, würde ich Fußballstar Lionel Messi interviewen. Ich weiß, so etwas schmerzt Sie.

Nein, Kinder brauchen Vorbilder. Also, was tun wir? Wir machen eine Sportart aus Wissenschaft und Technologie und kreieren Superstars. Wie entwickelt ein Fünfjähriger die Leidenschaft für Fußball? Zeigen Sie ihm das Bild eines Balles. Dann lernt er, wie lang das Feld ist und wie Regel Nummer 27 lautet. Dann schreibt er über die Geschichte des Sports und wird benotet. Ja, Sie lachen. Aber so unterrichten wir Mathematik! Ein 18-Jähriger hat nie in seinem Leben Trigonometrie wirklich angewendet.

Also, was tun?

Ganz einfach. Wir geben den Kindern einen Haufen Material und sagen: Wenn ihr die Gesetze der Physik kennt, bringt ihr diesen Motor zum Laufen oder wisst, wie weit euer Roboter den Ball wirft. Und dann machen wir ein Sportspektakel draus: Das ist unser Wissenschaftswettbewerb FIRST (Story unten).

Was sollen Regierungen tun?

In jeder Schule ist das Geld für ein Fußballteam da. Wir wollen als Sportart des 21. Jahrhunderts anerkannt werden. Und dass auch die Mathe- und Physiklehrer zu Trainern werden können.

Ihr Vermächtnis sind Hunderttausende kleine Dean Kamens?

(lacht) Nicht nur Hunderttausende, es haben mehr als eine Million Kinder teilgenommen. Vielleicht ist jenes darunter, das den emissionsfreien Motor oder ein Krebsmedikament entwickelt. Österreich soll beim Sport des 21. Jahrhunderts eine Führungsrolle einnehmen. Oder wollen Sie sich sagen: Wir verlieren zwar bei der Technologie, Gesundheit, Wirtschaft und Sicherheit - aber, hey, immerhin unser Fußballteam ist super?

Sie wollen, dass Kinder Roboter bauen können. Vielen Menschen macht das aber Angst, sie bangen um ihren Job.

Wer sich davor fürchtet, soll nur einen Blick zurück in die Geschichte werfen. Okay, der Bagger hat den Menschen die Schaufel aus der Hand genommen. Gewisse Jobs - schmutzige, gefährliche, anstrengende - gehen tatsächlich verloren. Dafür brauchen wir Leute, die Roboter bauen und programmieren oder Sensoren entwickeln. Das einzige Risiko ist, dass die Menschen mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten können.

Genau das ist doch der Fall, oder?

Stimmt schon, es war ziemlich einfach, dem Mann mit der Schaufel das Baggerfahren beizubringen. Jetzt werden die benötigten Fähigkeiten immer aufwändiger und man muss ein Leben lang weiterlernen. Das ist der Preis dafür, dass alles so rasch immer besser wird. Tut mir leid, aber dafür werde ich mich nicht entschuldigen.

Warum sind Schulen so schwer reformierbar?

Kinder müssen heute lernen, wie man lernt. Lehrern, die das nicht ermöglichen, sollte der Umgang mit Kindern verboten werden. Zeigen Sie Henry Ford ein Auto der Gegenwart, er würde es kaum wiedererkennen. Stellen Sie hingegen Henry Fords Lehrer in eine Schulklasse von heute - er könnte nahtlos fortsetzen, wo er vor 150 Jahren aufgehört hat.

Woran forschen Sie gerade?

Regenerative Medizin ist ein Riesenthema. Allein in den USA warten 275.000 Menschen auf eine Niere. Wir wollen Biologen die Instrumente in die Hand geben, damit aus Zellen Organe wachsen können, die wir auf Bestellung liefern, so wie Amazon Ihnen ein Buch bringt.

Faszinierend, aber sehr ferne Zukunftsmusik, oder?

Überhaupt nicht. Wir werden innerhalb eines Jahres Organe aus Zellen heranwachsen sehen. Sie können noch nicht transplantiert werden, aber sie funktionieren. Wir sind ziemlich aufgeregt.

Zeit ist Ihnen sehr wichtig, Sie scheinen ständig in Eile, Dinge zu erledigen. Woher diese Rastlosigkeit?

Das Einzige, das wir nicht vermehren können, ist die zeit. 14 Milliarden Jahre des Universums vor mir habe ich schon verpasst. Bald werde ich auch noch den ganzen Rest versäumen. Ich bin nur so ein winziger Punkt in dieser Zeitreihe.

Genau das macht den Punkt aber so wertvoll.

Richtig. Und deshalb bin ich auch ungeduldig und will keine Zeit verschwenden. Als ich mich als Kind über irgendwas beklagt habe, hat mein Vater gesagt: "Dean, wenn's nicht wichtig ist, beschwer dich nicht. Und wenn's wichtig ist, dann ändere es."

Dean Kamen hält insgesamt 440 Patente. Die wichtigsten davon:

Segway

Den 2001 vorgestellten zweirädrigen Elektroroller hat Kamen längst verkauft und abgehakt. Um eine verbreitete Legende auszuräumen: Es war nicht der Erfinder, sondern der damalige Segway-Eigentümer, der 2010 über eine Klippe gestürzt und gestorben ist. Heute gehört Segway der chinesischen Roboterfirma Ninebot.

iBOT

Der Rollstuhl-Roboter klettert Stiegen hoch und richtet Menschen auf, sodass sie auf Augenhöhe kommunizieren können.Das Gerät enthält laut Kamen 16 Computer, die zur Absicherung dreifach redundant arbeiten wie in einer Boeing 747. Die Produktion wurde 2009 wegen hoher Kosten eingestellt, wird jetzt aber dank Toyota neu aufgenommen.

Deka-Arm Luke

Die innovative Armprothese, die nach einem Auftrag des US-Verteidigungsministeriums entwickelt wurde, erhielt ihren Namen in Anlehnung an die Star-Wars-Figur Luke Skywalker, die ebenfalls einen mechanischen Arm erhält.

Slingshot

Das Gerät macht verschmutztes Wasser durch Destillation trinkbar und recyclet dabei 98 Prozent der eingesetzten Energie. Es ist nach der Steinschleuder benannt, mit der David Goliath besiegt hat - kleine Ursache, große Wirkung.

Autosyringe

Dean Kamens erste Großtat: Für seinen älteren Bruder, einen Krebsmediziner, entwickelte er eine Spritze, die Medikamente für Kinder besonders fein dosieren kann. Daraus wurde später die erste tragbare Insulin-Pumpe für Diabetiker.

FIRST

Kamens größter Stolz: Der Roboterbau-Wettbewerb FIRST (For inspiration and recognition of science and technology). Er wurde schon 1989 ins Leben gerufen, zuletzt nahmen daran 400.000 Kinder im Alter von 6 bis 18 Jahren in 86 Ländern teil – ein Mega-Spektakel wie Olympia oder die Superbowl, mit Filmgrößen wie Morgan Freeman oder Hiphopstar Will.i.am als prominenten Unterstützern.
Begeistert ist auch Staatssekretär Harald Mahrer: "Österreich soll wieder zu einem der führenden Innovationsländer werden. Ein Land, in dem Ideen groß werden können." Dean Kamens FIRST-Initiative sieht er als "absolut state-of-the-art, um den Kreativgeist der Kids zu wecken". Projekte wie dieses soll künftig die Innovationsstiftung direkt und unbürokratisch fördern, die mit der Bildungsreform geschaffen wurde und 2017 startet.
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