Hartmut Thomsen ist bei SAP für 29 Länder in Mittel- und Osteuropa verantwortlich

© Kurier/Jeff Mangione

08/26/2021

SAP-Manager: „Wollen Apple-Store für die Industrie werden“

Mitteleuropa-Chef Hartmut Thomsen über die Neuausrichtung des Softwarekonzern, die Übermacht der amerikanischen Tech-Giganten und warum er nicht auf sie verzichten kann

von Anita Staudacher

Angetrieben vom Digitalisierungsschub während der Corona-Pandemie stellt Europas einziges Software-Unternehmen von Weltrang sein Geschäftsmodell um. Anstatt weiter Business-Software zu verkaufen und zu warten, setzt die deutsche SAP spät, aber doch voll auf Lösungen, die über die so genannte Cloud (Datenwolke) zum Mieten bereitgestellt werden.

„Wir wollen unseren Kunden ein Concierge-Service in Richtung Digitalisierung der Geschäftsprozesse bieten“, wirbt SAP-Regionsmanager Hartmut Thomsen für die SAP-Cloud. Als Mittel- und Osteuropa-Chef ist er für 29 Länder zuständig, darunter Österreich.

Für Unternehmen soll die Cloud nicht nur besser sein, sie würden damit auch Kosten (Personal, Infrastruktur, Strom) sparen sowie rascher und flexibler agieren können. Doch die Cloud-Strategie birgt für den Konzern auch Risiken.

Abhängigkeit

Beim Cloud-Computing befindet sich SAP aber in einer Zwickmühle. Mangels ausreichend eigener Cloud-Rechenzentren ist man auf Partnerschaften mit Google, Amazon, Microsoft und neuerdings auch Alibaba angewiesen. Die Tech-Giganten haben inzwischen die halbe Welt vernetzt und an ihre Cloud-Datenzentren angebunden.

„Wir haben im Cloud-Bereich Zukäufe getätigt, um unser Portfolio zu ergänzen“, sagt Thomsen zum KURIER. Rund 30 Mrd. Euro wurden dafür ausgegeben. Auf die Frage, warum es in Europa keine gleichwertige Konkurrenz zu den US-Tech-Riesen gibt, zuckt Thomsen mit den Schultern. „Das Potenzial wurde in Europa wahrscheinlich nicht erkannt, die Entwicklung daher verschlafen.“ Die US-Konzerne hätten auch weniger Regulierung, mehr Innovationsgeist und Milliarden an Investitionskapital.

SAP, Deutsche Telekom und Siemens sind Treiber für den Aufbau einer europäischen Cloud-Infrastruktur namens Gaia-X, doch das Projekt kommt wegen der US-Abhängigkeiten nicht in die Gänge. „Wir waren und sind als SAP immer sehr offen, weil unsere Business-Lösungen auf unterschiedliche Plattformen und Hardware laufen müssen. Auch wenn es keine einfache Beziehung ist: Wir können uns gar nicht erlauben, den einen oder anderen Hyperscaler (Google, Microsoft, Anm.) auszuschließen.“

Eigenes Ökosystem

Um sich von den US-Tech-Riesen zu emanzipieren, bietet SAP das gesamte Business-Portfolio inzwischen auf einer eigenen Plattform an.

„Um unsere Lösungen weiterzuentwickeln, wollen wir ein eigenes Ökosystem aufbauen“, erläutert Hartmut Thomsen. Man könne auch von einer Art „Apple-Store für die Industrie“ sprechen. Davon verspricht sich der Manager auch mehr Wachstum, das bei SAP zuletzt etwas unter den Branchen-Erwartungen lag.

1972 in Walldorf/D gegründet ist SAP heute ein führender Anbieter von Software zur Steuerung und Vernetzung von Geschäftsprozessen. Weltweit laufen 77 Prozent aller Transaktionen (Erlöse durch Geschäftsvorgänge) über SAP-Systeme.

100.000 Mitarbeiter
SAP hat 440.000  Firmenkunden  und beschäftigt weltweit 100.330 Mitarbeiter, davon 450 in Österreich. Hartmut Thomsen leitet seit 2018 die Region Mittel- und Osteuropa (MEE) mit 29 Ländern, darunter Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Der Strategieschwenk in das neue Wachstumsfeld birgt aber auch Risiken. Zum einen schrumpfen die Umsätze im bisher recht lukrativen Lizenz- und Wartungsgeschäft und müssen mit Neukunden kompensiert werden. Zum anderen scheuen viele Bestandskunden, insbesondere die öffentliche Verwaltung, die Cloud aus Gründen der Datensicherheit und beharren auf die eigene Infrastruktur.

Corona-Apps

Die Corona-Pandemie habe vielen Betrieben die Notwendigkeit von raschen Cloud-Lösungen vor Augen geführt und so „wie ein Katalysator gewirkt“, berichtet der Manager. Er verweist auf die Stopp-Corona-App oder die rasche Abwicklung der Corona-Hilfsgelder. „Ohne Cloud hätte so etwas erst nach Monaten funktioniert.“

Bei der Cloud-Nutzung sei Europa im Vergleich zu den USA generell noch hinten nach, insbesondere Deutschland, Österreich sowie Osteuropa. Einzig die Schweiz sei hier – auch dank ihrer vielen Global Player – ein Vorreiter. SAP-Österreich-Chefin Christina Wilfinger sieht hierzulande vor allem im Mittelstand noch Aufholbedarf: „Österreich hat eine große Zulieferindustrie. Wenn ich nicht ausreichend vernetzt bin und just in time liefern kann, hat das negative Auswirkungen auf das Geschäft.“ Die Pandemie habe aber auch in Österreich dazu geführt, dass einige IT-Projekte beschleunigt worden sind.

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