Rothensteiner kauft bis zur Pension keine Aktien, weil er jedes Mal den Compliance Officer fragen müsste.

© ingo pertramer/RZB

Interview
11/16/2013

RZB-Chef: "Halte nichts davon, täglich zu mäkeln"

Walter Rothensteiner über die Hypo, Banken als Feindbild, Heini Staudinger und Elitedenken.

von Martina Salomon, Christine Klafl

KURIER: Sie gelten als Opern- und Weinkenner. Womit würden Sie Raiffeisen vergleichen?

Walter Rothensteiner: Na jedenfalls mit großer Oper! Und mit einem guten Wachauer Veltliner Smaragd – da ist alles drinnen: österreichisch, gesund, stark!

Sie sind dem machtbewussten Christian Konrad als Generalanwalt nachgefolgt. Wird nun das Verhältnis zwischen Raiffeisen und Politik neu geordnet?

Es gibt nichts zu ordnen. Raiffeisen hat 1,7 Millionen Mitglieder. Damit ergibt sich automatisch, dass nicht alle von derselben Farbe sind.

Dirigiert Raiffeisen nicht dennoch auch die Politik?

Politisch bin ich kein Dirigent.

Dann fragen wir Sie als Banker: Kann es sein, dass die Debatte der vergangenen Woche über das Budgetloch die Bonität Österreichs gefährdet?

So weit sind wir noch nicht. Die Bonität hängt ja auch davon ab, wie die Wirtschaft aufgestellt ist.

Kann die Regierung nicht rechnen?

Wichtig ist, dass es jetzt einmal lokalisiert ist. Das heißt aber, man muss in den nächsten Jahren mit Steuerzuckerln vorsichtig sein.

Hat Sie die Regierung eigentlich schon darauf angesprochen, bei der Hypo mitzuzahlen?

Bis dato habe ich nichts auf dem Tisch, aber es gibt Ideen. Was sicher nicht geht: Dass die Banken neben insgesamt 650 Millionen Euro Bankensteuer jährlich noch eine weitere Belastung auf sich nehmen. Das ist zu viel und führt zur Kreditklemme.

Vor einem halben Jahr gab es die Idee einer Beteiligung der Banken an einer Hypo-Abbaubank.

Die halte ich nach wie vor für nicht so schlecht: Man könnte das, was wir die nächsten zwei Jahre Banken-steuer zahlen müssen, als Stammkapital für eine Bad Bank nehmen. Die Republik hätte dann nur noch eine Minderheitsbeteiligung.

Banken sind durch die Krise zum Feindbild geworden ...

Die Hausbank ist beliebt. Insgesamt haben wir aber ein Image geerntet, das wir gar nicht verdienen. Wenn eine Londoner Investmentbank hohe Boni zahlt, dann steht in Boulevardmedien auf der Titelseite: „Banker kriegen schon wieder mehr Geld“ – das ist nicht fair.

Die Banken könnten natürlich wie das Fußball-Nationalteam einen offenen Brief an so ein Medium schreiben.

Wenn ich schaue, was Fußballer international verdienen, dann kann ich die nicht als Vorbild für die Banker hernehmen (lacht).

Was raten Sie den Sparern? Die werden gerade kalt enteignet.

Mit diesem Ausdruck tue ich mir schwer. Ich erinnere mich an Zeiten, da haben wir zehn Prozent Inflation und sieben Prozent Zinsen gehabt. Und jeder war happy über die sieben Prozent. Jetzt zahlen wir ein halbes bis ein Prozent Zinsen bei 1,7 Prozent Inflation. Real verliert der Sparer jetzt weniger.

Wir hatten das aber schon lange nicht mehr.

Weil keiner in Realzinsen rechnet.

Ziehen die Leute ihr Geld schon von Banken ab und investieren es in Immobilien?

Also bei uns nicht.

Eine Blase bildet sich hier nicht?

Nein, das ist derzeit kein Thema.

Wird es bei der Raiffeisen Bank International bald eine Kapitalerhöhung geben?

Dazu darf ich aus börsenrechtlicher Sicht nicht einmal mit den Augen zwinkern. Es wäre eine Möglichkeit – irgendwann, wann es passt. Mehr kann ich dazu nicht sagen, sonst kriege ich Probleme mit der Finanzmarktaufsicht.

Apropos FMA: Ärgern sich die Leute nicht zu Recht über die Finanzmarktaufsicht, die Heini Staudingers Crowd-Funding-Modell unerbittlich verfolgt, während sie die Hypo Alpe- Adria leider übersah?

Ich halte die Staudinger-Geschichte für eine ausgezeichnete Marketing-Kampagne. Er hätte ja eine Genossenschaft gründen können, dann könnte die FMA nicht eingreifen. Staudinger müsste dafür eine Bilanz erstellen und eine Revision einsetzen. Dieses Modell will er aber offenbar nicht.

Schießt die Regulierung der Banken aus Ihrer Sicht übers Ziel hinaus?

Ich verstehe natürlich, dass die Regulatoren nach der Krise meinen, so etwas dürfe ihnen nicht noch einmal passieren. Aber meine Sorge ist, dass wir in Administration untergehen. Wir liefern monatlich automatisch circa 5000 Seiten Statistiken in 17 Ländern ab. Das kann niemand mehr lesen. Ich bin nicht gegen Prüfungen, aber das muss verdaubar sein. Denn niemand kann wollen, dass Banken teurer werden.

Manche Experten meinen, Raiffeisen sei in Osteuropa zu schnell gewachsen.

Ja, andere sagen aber auch: Wenn sie es nicht gemacht hätten, würden sie dort gar nicht vorkommen. Man darf nicht übersehen, dass wir in den letzten 25 Jahren dort ein gutes Geschäft gemacht haben.

Die Koalitionsverhandler diskutieren eine Aufnahmsprüfung für das Gymnasium. Was halten Sie davon?

Ich habe eine solche Prüfung auch gemacht. Ein gewisses Elitedenken mit dem Ziel, der Durchschnitt der österreichischen Kinder sollte besser sein als der Durchschnitt Europas, schadet, glaube ich, nicht. Da kann man nicht früh genug anfangen, gewisse Anforderungen zu stellen.

Der frühere RBI-Chef Herbert Stepic musste gehen, weil seine Veranlagungen nicht mit dem Raiffeisen-Gedanken vereinbar waren. Wie sind denn Sie veranlagt?

Ich habe Sparbücher, bedauerlicherweise nicht hoch verzinst, ein paar Aktien der Raiffeisen Bank International und ein paar Fonds. Ich habe mich nie sonderlich damit beschäftigt, wie man das ausreizen kann. Aktien rühre ich bis zu meiner Pension nicht mehr an, weil ich davor jedes Mal einen Compliance Officer fragen müsste. Wobei es natürlich schädlich ist, wenn Leute aus der Branche keine Aktien mehr kaufen, die eigentlich dafür sorgen sollten, dass der Aktienmarkt funktioniert.

ÖIAG-Chef Kemler sagt, der Wirtschaftsstandort Österreich habe einen „schleichenden Patschen“ und der „Abgesandelt“-Sager des WKO-Chefs Leitl ist schon fast legendär. Sehen Sie das auch so?

Heutzutage gibt es schon Autos, die trotz Patschen im Reifen weiterfahren können (lacht). Ich erlebe es derzeit nicht so negativ. Die heimische Konjunktur ist zwar flau, aber noch immer positiv. Wir leiden auf hohem Niveau. Ich halte nichts davon, täglich an etwas Neuem zu mäkeln.

Walter Rothensteiner

Karriere

Walter Rothensteiner (60) hat sein gesamtes Berufsleben im Raiffeisen-Reich verbracht. Seit 1995 ist er Generaldirektor der RZB, Mitte 2012 folgte er zudem Christian Konrad als Generalanwalt des Raiffeisenverbandes nach. Bereits seit 16 Jahren ist der Banker Obmann der Sparte Kredit und Versicherung in der WKO. Weitere Aufgaben des gebürtigen St. Pölteners: Generalrat der Nationalbank, Vize-Präsident des Roten Kreuzes, Aufsichtsrat der Wiener Staatsoper, Honorarkonsul von Singapur, etc.

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