Wirtschaft
22.09.2017

Riesiger Schwarzmarkt mit gefälschten Pflegezertifikaten

Rumänische Pflegerin schlägt Alarm: Mafiöse Strukturen bei Vermittlungs-Agenturen, aber niemand kontrolliert.

Es gibt sie in fast allen Farben, Längen und Varianten, fast immer mit Behörden-Stempel, rumänischen Staatswappen und händischer Unterschrift: Die so genannten " Pflegezertifikate" bescheinigen eine mehrmonatige Ausbildung zur Heimhelferin und sind Voraussetzung, um in Österreich als selbstständige Personenbetreuerin arbeiten zu dürfen. Mehr als 20.000 Rumäninnen sind inzwischen in der 24-Stunden-Betreuung beschäftigt – Tausende davon mit gefälschten Zertifikaten.

"Die Frauen werden von rumänischen Vermittlungsagenturen gezwungen, Scheinzertifikate um 150 Euro zu kaufen, damit sie nach Österreich zum Arbeiten kommen können", schildert Elena Popa, die selbst Personenbetreuerin ist und sich gegen "mafiöse Strukturen" von Pflegeagenturen zur Wehr setzen will. Unseriöse Vermittler, die mit österreichischen Agenturen kooperieren, würden Frauen mit vielen Versprechungen "von der Straße weg" engagieren, egal welche Qualifikationen sie haben. "Offizielle Dokumente werden einfach mit dem Kartoffelstempel gemacht, in Österreich kontrolliert das dann niemand mehr", schildert Popa. Die Frauen hätten zumeist überhaupt keine Ahnung, was auf sie zukomme.

Abhängigkeits-Verhältnis

Genau das wird von den Agenturen ausgenutzt. Obwohl offiziell selbstständig, seien viele Pflegerinnen von ihren Vermittlern völlig abhängig. Diese übernehmen das Inkasso und ziehen ohne jeglichen Nachweis diverse Gebühren und Transportkosten vom Lohn ab. "Den Pflegerinnen bleibt da nicht mehr als 1000 Euro im Monat über", schildert Popa. Mitunter werde das Geld im Transportbus bar ausbezahlt. Wer auf eine offizielle Rechnung besteht oder sich von der Agentur trennen möchte, werde bedroht. Auch Popa, die eine eigene Facebook-Gruppe für rumänische Personenbetreuerinnen gründete, wurde schon von einer Agentur geklagt. Gemeinsam mit der Slowakin Katarina Staronova von Institut für Personenbetreuung kämpft sie für "für mehr Sicherheit und Qualität für alle Beteiligten in der 24-Stunden-Betreuung". So sollte nur eine zentrale Behörde in Rumänien offizielle Zertifikate ausstellen dürfen, die in Österreich anerkannt werden.

Gewerbeanmeldung

Unterstützt werden die Betreuerinnen von den Grünen, die Verschärfungen bei der Gewerbeanmeldung und mehr Kontrollen fordern. Betreuerinnen sollten schon bei der Gewerbeanmeldung die Qualifikation einer Heimhelferin nachweisen müssen. Bisher ist das erst nötig, wenn die Förderung der 24-Stunden-Betreuung in Anspruch genommen wird. Überprüft werde diese Qualifikation aber meist nicht.

Um unseriösen Geschäftemachern das Handwerk zu legen, wollen die Grünen das freie Gewerbe der Pflegevermittlung in ein reglementiertes umwandeln. "Derzeit darf jeder Mensch ohne Qualifizierung und Kontrolle Personenbetreuerinnen vermitteln, am Markt herrscht daher eine völlige Intransparenz", kritisiert Sozialsprecherin Judith Schwentner. Standesregeln allein würde da nicht reichen, es brauche ein staatliches Gütesiegel für Agenturen. Ferner brauche es für Menschen, die mit der 24-Stunden-Betreuung Probleme haben, eine eigene Anlaufstelle.

Burgenland zertifiziert

Als erstes Bundesland will übrigens das Burgenland die Qualitätsstandards steigern und im kommenden Jahr ein Landesgütesiegel für Agenturen einführen. Mittels Zertifizierung soll gesichert werden, dass die von den Agenturen vermittelten Personenbetreuerinnen über die geforderte Ausbildung verfügen.

Schon 62.000 selbstständige Personenbetreuerinnen

In Österreich sind rund 62.000 Personenbetreuerinnen in der 24-Stunden-Betreuung aktiv (Frauenanteil: 96 Prozent). 73 Prozent stammen aus der Slowakei und Rumänien, etwa zwei Prozent aus Österreich.

Rund 27.000 Menschen bzw. sieben Prozent aller Pflegegeld-Bezieher erhalten eine Bundes-Förderung für die 24-h-Betreuung (550 Euro im Monat). Die einzelnen Bundesländer gewähren zusätzliche Förderungen unter bestimmten Auflagen.

Im Vorjahr wurden im Auftrag des Sozialministeriums 4950 Kontrollen (Hausbesuche) durchgeführt. Die Ausgaben für Bund und Länder beliefen sich auf 150 Millionen Euro (plus acht Prozent zu 2015).