Pflegerin von gutbetreut.at mit einer 93-jähriger Pflegebedürftigen.

© /Victoria Schaffer

Wirtschaft
02/21/2017

24-Stunden-Betreuung wird österreichischer

Trendwende: Immer mehr Inländerinnen interessieren sich für den Sozialberuf. Tausende werden noch gebraucht.

Alexandra Leutner hat "einen Beruf mit Zukunft", wie sie selbst sagt. Die 47-jährige Niederösterreicherin arbeitet seit kurzem als selbstständige 24-Stunden-Betreuerin bei einer älteren Dame in ihrem Bezirk. "Ich wollte einfach einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen" verrät sie dem KURIER ihre Beweggründe. Die Mutter zweier Kinder erlebte im persönlichen Umfeld bereits selbst mit, "wie wichtig eine kompetente 24-Stunden-Betreuung ist und wie sehr dadurch das familiäre Umfeld entlastet wird".

Leutner ist nicht die Einzige, die sich für den bisher von Osteuropäerinnen dominierten Sozialberuf interessierte. "In den vergangenen sechs Monaten habe ich mehr Bewerbungen von Österreicherinnen bekommen als je zuvor", berichtet Margit Hermentin, Geschäftsführerin der Vermittlungsagentur gutbetreut.at. Schon in den nächsten Wochen werde sie weitere acht Österreicherinnen für die Pflege daheim vermitteln können. Gutbetreut.at zählt mit 300 Betreuerinnen – vorwiegend aus der Slowakei – zu den größten privaten Pflegeagenturen. Auch andere Anbieter berichten von steigendem Job-Interesse, insbesondere aus Wien und Niederösterreich.

Persönliche Erfahrung

Der Trend kommt nicht überraschend. Einerseits ist die Arbeitslosigkeit hoch, andererseits sind immer mehr Österreicher selbst mit dem Thema konfrontiert, weil sie für Oma oder Opa nicht rund um die Uhr da sein können. Der Beruf des Personenbetreuers ist quasi in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die rechtliche Form der Selbstständigkeit (Werkvertrag) statt Anstellung wird zwar immer wieder kritisiert, hat sich aber wegen der besseren Leistbarkeit für Pflegebedürftige bewährt.

Die Verdienstmöglichkeiten sind dafür bescheiden. In der Regel wechseln sich zwei Betreuerinnen alle 14 Tage ab, wobei das Einkommen für den Zwei-Wochen-Einsatz je nach Pflegebedarf und Qualifikation rund 800 bis 900 Euro netto beträgt. Die Verrechnung erfolgt direkt oder über eine Agentur, wobei letztere zur Preis-Transparenz verpflichtet ist. Durch die permanente Anwesenheit ist die Vereinbarkeit mit der Familie schwierig. "In meinem Fall kommt mir entgegen, dass meine Kinder bereits 19 bzw. 21 Jahre alt sind", erzählt Leutner. Die Entlohnung sei für soziale Berufe noch lange nicht so gut wie sie sein sollte, "man bekommt von den Patienten aber auch sehr viel zurück".

Gründerboom

Wie groß die Nachfrage nach Pflegerinnen inzwischen ist, zeigt die Statistik. Seit Einführung des Systems "24-Stunden-Betreuung" vor zehn Jahren schnellte die Zahl der Gewerbeberechtigungen auf mehr als 90.000 in die Höhe – der wahre Gründerboom in Österreich. Zugleich wurde der Schwarzmarkt trockengelegt.

Aktuell sind laut Wirtschaftskammer-Statistik 60.589 Personenbetreuerinnen aktiv (Frauenanteil: 96 Prozent). 73 Prozent davon entfallen auf Slowakinnen und Rumäninnen (siehe Grafik unten). Erst rund 1000 Österreicherinnen sind darunter, Tendenz steigend.

Andreas Herz vom Fachverband der Personenbetreuung in der Wirtschaftskammer spricht von einer "guten Entwicklung, die weiter ausbaufähig ist". Angesichts der demografischen Entwicklung werde der Betreuungs-Bedarf in den nächsten zehn Jahren stark steigen (siehe Artikel unten). Und es sei fraglich, ob die Personallücke weiter mit Fachkräften aus Osteuropa gedeckt werden könne. "Die Einkommensunterschiede etwa zur Slowakei werden kleiner." Dazu kommt, dass auch andere Länder wie die Schweiz oder Deutschland massiv Pflegepersonal aus Osteuropa anwerben und der Markt dort langsam leergefegt ist.

Gezielte Förderung

Um den Job im Inland attraktiver zu machen, brauche es noch mehr politisches Bewusstsein und Engagement sowie mehr gezielte Förderungen zur Qualitätssteigerung, meint Herz. Dadurch würden die Einkommen der Betreuerinnen steigen und zugleich bliebe die Betreuung zu Hause leistbar. Für den Staat sei dies in Summe immer noch billiger als der teure Ausbau der stationären Pflege. Verbesserungen könnte es aus Sicht Leutners bei den Pflege-Kursen für Job-Umsteiger sowie bei der Weiterbildung geben.

So viel kostet die Betreuung zu Hause

Werkvertrag
Selbstständige Personenbetreuer müssen eine Ausbildung nachweisen, die jener einer Heimhilfe entspricht. Sie werden von Agenturen vermittelt, schließen mit der Pflegeperson einen Betreuungsvertrag (Werkvertrag) ab und sind unfall-, pensions- und krankenversichert. Sie helfen im Haushalt und führen pflegerische Tätigkeiten aus.

Kosten

Je nach Qualifikation und Schwere der Tätigkeit zwischen 40 und 100 Euro pro Tag plus Kost und Logis. Dazu kommen Vermittlungs- bzw. monatliche Fixgebühren an eine Agentur. Die monatlichen Gesamtkosten liegen je nach Leistung zwischen 1800 und 3000 Euro.

Staatliche Förderungen
Monatliches Pflegegeld (z.B. 451,80 Euro für Stufe 3) und eigene Förderung für 24-Stunden-Betreuung mit 275 Euro pro Betreuungskraft.

Tipps

Das Sozialministerium hat alle wichtigen Fragen rund um die 24-Stunden-Betreuung in einer Broschüre zusammengefasst. Das pdf-Dokument zum kostenlosen Download finden Sie hier

Demenz: Betreuungsbedarf wird sich verdoppeln

115.000 bis 130.000 Menschen leben derzeit mit einer Demenzerkrankung in Österreich. Bis 2050 wird sich die Zahl der Betroffenen – wegen der steigenden Lebenserwartung – auf mehr als 260.000 Menschen verdoppeln. So die bisherigen Prognosen.

Zwar zeigten manche Untersuchungen, dass die Anstiegskurve möglicherweise etwas flacher ausfallen könnte, sagt der Neurologe und Alzheimer-Spezialist Univ.-Prof. Peter Dal-Bianco, Präsident der Österreichischen Alzheimergesellschaft. „Trotzdem wird es zwischen 2030 und 2050 aufgrund der Alterung der Babyboomer-Generation eine Welle an Neuerkrankungen geben und zumindest eine Verdopplung – wenn nicht sogar Verdreifachung – der Erkrankungszahlen zu erwarten sein. Außer es wird bis dahin ein Mittel gefunden, welches das Auftreten von Demenz-Symptomen deutlich hinausschiebt.“

Mindestens verdoppeln werde sich in den kommenden 20 Jahren auch der Bedarf an 24-Stunden-Betreuung, betont Dal-Bianco. Ebenso wie der Bedarf an stundenweiser Hilfe: „Es steigt zum Glück auch das Bewusstsein, dass man sich als betreuender Angehöriger schon in der Anfangsphase der Erkrankung Unterstützung organisieren muss: „Damit es nicht zu einem Burn-out kommt und man auch bei akuten Erkrankungen abgesichert ist.“

Auch ambulante Angebote – Stichwort Tageskliniken – werde man ausbauen müssen. „Und wir werden neue Modelle für den Einsatz Ehrenamtlicher benötigen.“ Hier sei die Solidarität innerhalb einer und zwischen den Generationen gefragt: „Dass sich gesunde Senioren in ihrer Nachbarschaft um kranke ältere Menschen kümmern, und auch jüngere Menschen ältere betreuen.“ Dafür werde es aber mehr öffentlicher Anerkennung und auch bestimmter Anreizsysteme bedürfen.

- Ernst Mauritz