© APA/AFP/FRANCOIS GUILLOT

Reportage
10/19/2019

Richtig verhandeln: Geduld zählt mehr als Schnellschuss

Mehr noch als Manager müssen Politiker die Kunst des Verhandelns beherrschen.

von Bernhard Gaul

"Das Angebot ist ein bisschen eine Frotzelei." So sprach Rainer Wimmer, Metaller-Gewerkschafter, vor wenigen Tagen zu einem Angebot der Arbeitgeber bei der Herbstlohnrunde.

Berühmter ist der Spruch eines anderen Gewerkschafters: „Das Gansl wird erst zum Schluss richtig knusprig.“ Der stammt von Fritz Neugebauer, ehemals Chef der (schwarzen) Beamtengewerkschaft und über Jahrzehnte versierter Lohn-Verhandler für die Arbeitnehmer.

Gemeint ist: Das ganze Paket wird immer erst zum Schluss geschnürt, egal ob es ein Lohnplus betrifft, mehr Urlaub oder höhere Bezahlung von Überstunden. Und Neugebauer war jemand, der wusste, wann welche Karte am Verhandlungstisch ausgespielt werden soll.

100 Stunden verhandeln

Drohgebärden wie Streikandrohungen bleiben in den vergangenen Jahrzehnten in Österreich genau das: Drohungen. Tatsächlich gestreikt wird in Österreich nur selten. Verhandlungen und die Fähigkeit, Kompromisse zu schließen, gehören zur Grundausstattung jedes besseren Managers und noch mehr jedes Politikers. Der ehemalige deutsche Kanzler Helmut Schmidt hatte es einst auf den Punkt gebracht: „Lieber hundert Stunden umsonst verhandeln als eine Minute schießen.“ Alle heutigen Kriegshandlungen sind traurige Zeugen, dass das nicht immer klappt.

Es gibt aber auch unzählige Beispiele, wo sich nächtelange Verhandlungen letztlich ausgezahlt haben. Die EU etwa ist reich an Beispielen, wo sich die Staats- und Regierungschefs der zur Stunde 28 Mitgliedsstaaten in mühevollen Verhandlungsrunden auf weitreichende Ergebnisse einigen können. Etwa der Vertrag von Lissabon, der im Juni 2007 nach einem Verhandlungsmarathon frühmorgens präsentiert werden konnte.

Nervenaufreibend verliefen vor allem die Brüsseler Marathon-Gipfel rund um die Wirtschaftskrise ab 2009. Da ging es um viel Geld, um den möglichen Kollaps von Euro-Staaten und den Zusammenbruch der erst wenige Jahre alten gemeinsamen Euro-Währung.

Berühmt wurde auch das Foto vom „Busserl“ von Österreichs damaligem Außenminister Alois Mock für seine Co-Verhandlerin, SPÖ-Staatssekretärin Brigitte Ederer, am Ende der EU-Beitrittsverhandlungen.

Als zuletzt herausragend gilt, was der französischen Regierung im Dezember 2015 gelungen war: Das Klimaabkommen von Paris, unterzeichnet von 193 Staaten. Es wurde über ein Jahr lang minutiös vorbereitet, während der finalen zwei Wochen in Paris koordinierte der damalige französische Außenminister Laurent Fabius nicht nur sein Team vor Ort, sondern auch alle französischen Botschaftsangehörigen auf dem Globus, die mit den dortigen Regierungen verhandelten.

Wort für Wort und Zeile für Zeile des Abkommens mussten mit allen anderen UNO-Staaten akkordiert werden, ohne dabei den Fokus eines sinnvollen Vertrages aus den Augen zu verlieren. Kein Wunder, dass man nach dem finalen Beschluss auch Tränen bei den völlig ausgelaugten Verhandlern beobachten konnte.

Friedensnobelpreis

Glücklich endeten 2018 nach jahrelangen kriegerischen Auseinandersetzungen (zwischen 1998 und 2000 forderten diese 80.000 Todesopfer) die Verhandlungen des äthiopischen Premierministers Abiy Ahmed mit dem verfeindeten Nachbarland Eritrea. Das Foto von der herzlichen Umarmung Abiys mit Eritreas Präsident Isaias Afwerki vom Juni 2018 ging um die Welt. Vor wenigen Tagen wurde Äthiopiens Abiy deshalb der Friedensnobelpreis zuerkannt. Hätte man doch gleich auf Altkanzler Schmidt gehört.

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