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Wirtschaft
01/21/2022

RBI-Analysten erwarten Schwenk der EZB bei Inflationsthema

Aktien weiter alternativlos, aber geringere Renditen. Zinserhöhungen werden auch für den Euroraum erwartet.

von Anita Kiefer

2022 wird wohl ein Übergangsjahr werden. Darin sind sich die Analysten Gunter Deuber (Leitung Raiffeisen Research), Peter Brezinschek (RBI-Chefanalyst) und Christian Hinterwallner (Leiter Equity Research) einig.

Der ATX, der im Vorjahr unter den global bestperformenden Aktienmärkten war, sei heuer auch gut durch die schwierige Jahresanfangszeit gekommen, so Deuber. Er dürfte auch heuer wieder zu den Outperformern zählen, wie Christian Hinterwallner ergänzte. Man sehe weiteres Aufwärtspotenzial für den ATX.

Außerdem sehe man, dass die Sektorkomposition - viele Finanztitel, relativ großer Energiesektor - dem ATX "in die Karten spielen" sollte. Nicht zuletzt haben sich die Unternehmensgewinne der ATX-Unternehmen im Vorjahr sehr positiv entwickelt und dürften auch heuer nochmal zulegen.

Inflation und Konjunktur

Die Kapitalmärkte seien geprägt von den Themen Inflation und Konjunktur. Nachdem die US-amerikanische Notenbank  FED bereits die Inflationsbekämpfung im Fokus habe, erwartet man auch von der EZB im Verlauf des Jahres 2022 eine Anpassung der Strategie. Eine "komplette Entkopplung der Geldpolitik in der Eurozone von der in den USA" halte man für "nicht notwendig und nicht angezeigt", so Deuber.

"Wir erwarten für die Eurozone eine Inflation im Schnitt von 3,6 Prozent" - also über der Schätzung der EZB von aktuell 3,2 Prozent. Jedenfalls ist man damit auch im zweiten Jahr "mit der Gesamtinflation in der Eurozone deutlich über dem Zielwert der EZB", erklärt Deuber. Dieser liegt mittelfristig bei zwei Prozent.

Zinsschritte ab März bei Fed

So gut wie alle Notenbanken hätten das Thema Inflation zuerst als kurzfristig eingeschätzt, erklärte Peter Brezinschek. Während die amerikanische Fed mittlerweile aber bereits kommuniziert hat, dass die Teuerung eine Gefahr für das Ziel Vollbeschäftigung darstellt und man entsprechend reagiert, hat die EZB bisher mittel- bis längerfristig mit eher unterdurchschnittlichen Preissteigerungsraten im Euroraum gerechnet. Wiewohl "das Meinungsspektrum im EZB-Rat" recht breit ist, so Peter Brezinschek.

"Wir gehen davon aus, dass wir ab März mit Zinsschritten rechnen müssen. Diese Entwicklung wird sich auch 2023 fortsetzen", so Brezinschek in Hinblick auf die Fed." Die Entwicklung pendle sich erst 2024 auf das langfristige Niveau ein."Das ist der Weg zur Normalisierung."

Auch Anleiheverkäufe stünden übrigens am Instrumentenzettel der amerikanischen Notenbank, nämlich bald nach den ersten Zinserhöhungen - möglicherweise in der zweiten Jahreshälfte, bald nach den Zinserhöhungen, würde "die Liquidität aus den Finanzmärkten herausgenommen". Das sei eine deutliche Veränderung des Umfelds für die Finanzmärkte.

Zinserhöhungen erwartet

Die EZB jedenfalls müsse spätestens im Herbst Farbe bekennen. Brezinschek könne sich auch vorstellen, dass es eventuell doch bereits Ende dieses Jahres Zinserhöhungen geben könnte. Im ersten Schritt werde man wohl vom negativen Einlagesatz abgehen. Er argumentiert gegen das häufige Argument, dass die Höhe der Staatsschulden die Zinserhöhungen hemmen: Nicht die Höhe der Staatsschulden sei interessant, nur die Abreifungspolitik.

Aktien jedenfalls seien auch 2022 alternativlos, betonte Brezinschek. Auch, wenn die Inflation den Ertragsraten natürlich zusetzt. Zweistellige Renditen seien nicht mehr zu erwarten.

Unsicherheitsfaktor

Geopolitisch interessant ist aktuell natürlich auch der Ukraine-Konflikt. Im Raum stehen drastische Sanktionen gegen Russland, unter anderem der Ausschluss aus dem Bankennetzwerk Swift, wenn Russland die Ukraine überfällt.

"Letztendlich wird es davon abhängen, in welches Szenario wir reinrutschen", sagt Gunter Deuber auf Nachfrage. "Ich glaube, wir sehen einen gewissen Konzessionswillen auch von der US-Seite und der Europäer, wenn man sich auf eine Zukunft der Ukraine einigen kann." Russland habe aber viel weitergehende Forderungen auf dem Tisch liegen.

Andere Konstellation

Es sei klar, dass dieses Mal deutlich umfassendere Sanktionen im Raum stünden, als 2014 im Zuge der Krim-Thematik. "Damit wäre es ein globales Thema. "In diesem Kontext sollten wir nicht unterschätzen, dass wir diesmal eine leicht andere Konstellation haben", so Deuber weiter. Nämlich drei Player - USA - UK - EU. UK ist nicht Mitglied der EU, und "USA und UK sind Signaturstaaten des Budapester Abkommens für die Ukraine".

Hier sehe man eine gewisse bilaterale Koordination, beide Länder würden mit sehr einschneidenden Maßnahmen reagieren - egal, wie sich die EU positioniere. "Damit ist ein erhebliches Risiko für die globalen Finanzmärkte verbunden und natürlich auch für einen positiven Ausblick, den wir eigentlich fürs erste Halbjahr haben." Er stellt klar: "Das wäre eine Komplettänderung unserer Finanzmarktannahmen und ist derzeit nicht Teil unserer Überlegungen."

"Vernünftiges Mittel"

Brezinschek ergänzte: "Was die entsprechenden Sanktionen realistischer macht ist, dass sich Russland in den vergangenen Jahren, insbesondere seit 2014, auch wirtschaftlich von Europa, insbesondere Deutschland, mehr abgekoppelt hat." Russland sei nur mehr auf Rohstoff-, Erdöl- und Erdgasseite als Lieferant tätig. Die Exporte in den russischen Raum hätten auch radikal abgenommen.

"Es ist zwar am Anfang ein großer Schock für die Finanzmärkte", so Brezinschek, aber "wenn man dann die ökonomischen Konsequenzen ansieht, wenn man die Inflations-Aussicht nicht als dauerhaft sieht, sondern als vorübergehenden Schock, dann sind Sanktionen durchaus in diesem Zusammenhang ein vernünftiges Mittel." Die Rückkoppelungen auf die europäische Wirtschaft erschienen nämlich "manageable".

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