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Wirtschaft

Portisch: "Mehr Europa" als Weg aus der Krise

EU-Zukunft: Hugo Portisch fordert von Politikern, nicht vor Demagogen zurückzuweichen und den Menschen die Wahrheit zu sagen.

von Margaretha Kopeinig

12/05/2011, 07:42 AM

Das aktuelle Europa-Buch von Hugo Portisch "Was jetzt" stürmt die Charts. Es ist Nummer 1 auf der österreichischen Sachbuch-Liste. In vier Wochen wurden mehr als 40.000 Stück verkauft. "Das schlägt alle Rekorde", sagt sein Verleger. Soeben hat Portisch eine Lesereise durch Österreich beendet.

KURIER: Herr Portisch, wie kommt es, dass sich mehrheitlich EU-skeptische Österreicher für Ihr Buch, ein Plädoyer für Europa, interessieren?
Hugo Portisch:
Die Menschen sind verwirrt. Es wird viel über die EU und den Euro geredet, in Wirklichkeit aber ohne genaue Kenntnis der Europäischen Union. Die Menschen wurden auch im Stich gelassen, die Politik hat das Thema Europa gescheut. Genau diese Informationslücke haben die Populisten ausgenützt, um gegen die EU zu wettern. Aus Brüssel kommt gewiss nicht nur Gutes, einiges gehört repariert. Die Auseinandersetzung, was gut ist an der EU und was uns schadet, die fehlt.

Was ist gut an der EU, was ist schlecht an ihr?
Die EU ist das größte Gemeinschaftswerk Europas in zwei Jahrtausenden. Die EU ist eine Friedenszone. Unentwegt hat es Kriege in Europa gegeben. Große Kriege, oft zwischen Deutschland und Frankreich. Zwei Generationen sind jetzt in Frieden aufgewachsen. Dennoch ist Friede heute für viele kein Wert.




Was ist schlecht an der EU?
Sie drängen, ich bin noch beim Guten der EU.

Okay, was ist noch positiv?
Die EU ist die größte Wohlstandszone. Es geht uns sehr gut. Das haben wir nicht allein geschaffen, das war das Zusammenwirken Österreichs innerhalb der EU. Auch schon beim Marshall-Plan. Die Amerikaner haben gesagt, wir helfen niemandem, wenn er nicht mit den Nachbarn zusammenarbeitet. Da machten auch die Schweiz und die Schweden mit. Dort wurde der Keim gelegt. Heute muss die Schweiz sich bemühen, die Entwicklungen der EU nachzuvollziehen. Das dauert und kostet die Schweiz viel Geld (rund vier Milliarden pro Jahr, Anm.). Die Schweiz zahlt sich vieles selbst, etwa den Ausbau des Verkehrsnetzes mit den zwei Tunnels (Gotthard- und Lötschbergtunnel, Anm.), um den Transitverkehr auf die Schiene zu bekommen. Uns würde sogar die EU helfen, den Brennertunnel zu bauen, aber wir haben immer noch keinen Tunnel.

Und was sind jetzt die Nachteile an der EU?
Die EU ist nicht sehr transparent, auch nicht sehr kommunikativ. Aktuell wird ja mehr über die EU geredet. Aber wo blieben die Erklärungen über den Lissabon-Vertrag? Wo die unserer EU-Abgeordneten? Sie werden hier gewählt. Auch unsere nationalen Abgeordneten haben über den Vertrag abgestimmt, aber auch sie haben nicht informiert.

Was waren die häufigsten Fragen Ihrer Leser?
Es gab einen einzigen großen Bedarf: Bitte erklären Sie uns diese Union, erklären Sie uns den Euro. Es gibt einen Mangel an Transparenz und an Information. Das öffnet die Tür für jene, die nur schimpfen. Man kann den Menschen einreden, wie schlecht alles ist.

... und damit Panik auch erzeugen ...
Das geht so weit, dass sich die Politiker nicht mehr trauen, über Europa zu reden. Das ist falsch. Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar, wie Ingeborg Bachmann sagte. Nur mit der Wahrheit kann man die Menschen überzeugen und für sich gewinnen. Es ist falsch, einem Thema auszuweichen oder vor den Demagogen zurückzuweichen, gar mit Demagogen mitzuschimpfen, was auch schon geschehen ist. Die Leute waren dankbar zu erfahren, wie die EU entstanden ist, weshalb es den Euro gibt, was wir davon haben , und welche Gefahren uns durch die jetzige Krise drohen.

Welche, zum Beispiel?
Die größte Sorge ist die Zukunft des Euro. Merkel hat erklärt, geht der Euro kaputt, geht Europa kaputt. Besorgt sind viele über die Auswirkungen der Pleiten: Griechenland, Italien, vielleicht sogar Frankreich. Bricht dadurch die Wirtschaft zusammen? Droht eine Massenarbeitslosigkeit? Die EU war ja schon einige Male in größeren Krisen. Jetzt ist die Krise einmalig schwer. Die EU hat aber immer ihre Krisen überwinden können, in dem sie die europäische Zusammenarbeit verstärkt hat.

Wie kann man den Menschen Sicherheit geben?
Es wäre nicht gut, ihnen falsche Sicherheiten zu geben. Man muss ihnen sagen, der Weg aus der Krise war immer mehr Europa, und das gilt auch für den Euro.

Jetzt gibt es wieder Deutschland-Angst in der EU. Britische Blätter sind voll davon. Warum?
Die Ressentiments haben nie aufgehört. In Großbritannien ist es jahrhundertealte Tradition, die stärkste Macht am Kontinent als Bedrohung zu betrachten.

Können die Rettungsschirme das Ärgste verhindern?
Wenn wir nur mit Rettungsschirmen gebunden an strenge Sparprogramme helfen, besteht die Gefahr, dass die Schuldenländer sozial zusammenbrechen. Das würde nicht gut ausgehen. Es braucht auch Konjunkturprogramme, etwa eine Art von Marshall-Plan.

Was ist der Weg aus der Krise?
Mehr Europa. Es ist der Geburtsfehler des Euro, dass mit ihm nicht auch die Wirtschaftsunion errichtet wurde. Das muss jetzt nachgeholt werden. Und die EU hat eine große Schwäche. Der Lissabon-Vertrag sah erstmals eine starke Führung für die Union vor, einen Mister Europa und einen europäischen Außenminister. Wen aber haben die Regierungschefs gewählt? Die Schwächsten, die sie finden konnten: Van Rompuy und Lady Ashton, weil die Regierungen starke Persönlichkeiten über sich nicht dulden. Was die EU braucht, ist mehr Solidarität und gemeinschaftliches Handeln.

Zur Person: Hugo Portisch

Biografie Geboren am 19. Februar 1927 in Pressburg (Bratislava). Verheiratet mit Gertraude Portisch.

Journalist Hugo Portisch kam 1954 zum KURIER und war von 1958 bis 1967 KURIER-Chefredakteur, danach Chefkommentator des ORF. Maßstäbe setzte er mit zeithistorischen TV-Produktionen wie "Österreich I" und "Österreich II". Außerdem ist er Autor zahlreicher Bücher.

Politik Portisch war 1964 Initiator des Rundfunk-Volksbegehrens für die Unabhängigkeit des ORF. 1991 lehnte er das Angebot ab, parteiunabhängiger Präsidentschaftskandidat zu werden (Nachfolge Waldheim).

Buch Hugo Portisch: Was jetzt. 80 Seiten, Ecowin-Verlag, 14,90 Euro. Ein schmaler Band, aber gespickt mit vielen historischen Fakten. Portisch bietet fundierte Antworten auf die Frage: Ist Europa noch zu retten?

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