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Wirtschaftsbericht
07/14/2015

OECD: Österreichs Männer an den Herd

Experten: Traditionelle Geschlechterrollen senken Zufriedenheit und Wirtschaftswachstum.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Österreich, ein Land der Machos? Gabalier und Konsorten sollten sich warm anziehen. Das traditionelle Rollenbild - der Mann arbeitet, die Frau ist für Kinder und Küche zuständig - hemmt nämlich das Wirtschaftswachstum und vermindert die Zufriedenheit, schreiben die Experten der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Paris, in ihrem jüngsten Wirtschaftsbericht 2015. Sie empfehlen Österreich, schleunigst gegenzusteuern.

Der Befund

- Die Arbeitsbelastung sei schlecht zwischen Männern und Frauen aufgeteilt. Männer schieben mehr Überstunden als in anderen Ländern, beteiligen sich aber weniger an der unbezahlten Arbeit im Haushalt oder an der Pflege von Angehörigen.

- Frauen arbeiten nach der Geburt des ersten Kindes oftmals nur Teilzeit, das verringert ihre Karrierechancen. Ein Grund sind auch zu wenige ganztägige Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

- Die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen ist in Österreich größer als anderswo. Der Stundenlohn liege 23 Prozent unter dem der Männer, eine der größten Einkommenslücken im OECD-Raum.

- Das Bildungssystem verstärkt die Unterschiede noch. Weibliche Lehrlinge und Studentinnen entscheiden sich häufiger als männliche Kommilitonen für Ausbildungswege, die geringere Aufstiegschancen und Einkommen ermöglichen.

- Die Betriebe seien in der Gestaltung der Arbeitszeiten zu wenig flexibel.

- Auch die Gesundheit würde sich verbessern, wenn Männer weniger Zeit in der Arbeit und mehr mit ihrer Familie verbringen würden, schreibt die OECD. Ob mehr beruflicher Arbeitsstress den Frauen gesundheitlich eher schaden würde oder aber die Entlastung von Pflege und Erziehung eine bessere Balance ermöglichen könnte, halten die OECD-Experten für ungewiss.

- Wenn die finanziellen staatlichen Anreize besser gestaltet würden, könnte das auch die Geburtenrate erhöhen, glauben die Autoren des Berichts. 20 Prozent der heute erwachsenen Frauen würden derzeit in Österreich keine Kinder kriegen - die Hälfte, obwohl sie eigentlich gerne würde.

Die Empfehlungen

Der Bericht empfiehlt gravierende Reformen bei Steuern, Bildungs- und Pflegeeinrichtungen, damit falsche Anreize umgemodelt werden.

- Das Steuersystem benachteilige Familien, in denen beide Partner arbeiten. Die OECD empfiehlt, den Absetzbetrag für Alleinverdiener abzuschaffen und stattdessen gezielt bedürftige Familien zu fördern.

- Der (auch nach der Steuerreform) hohe Eingangssteuersatz ab einem Jahresgehalt von 13.000 Euro mache es unattraktiv, dass beide Partner Vollzeit arbeiten.

- Die Kinderbetreuungsmodelle sollten noch flexibler werden, sodass die Elternzeit über mehrere Jahre verteilt genommen werden kann. So könnten Frauen und Männer besser den Kontakt zum Arbeitsmarkt halten. Mindestens ein Drittel der Ansprüche sollte den Männern vorbehalten bleiben.

- Österreich brauche mehr Betreuungsstätten für Kinder bis zwei Jahren, mehr Kindergärten sollten ganztags öffnen.

- Die Unternehmen sollten variable Arbeitszeiten umsetzen, es sollte einen Anspruch auf bezahlten Vaterschaftsurlaub geben.

- Die steuerliche Begünstigung von Überstunden ist für Familien kontraproduktiv.

Die OECD glaubt sogar, berechnen zu können, was das bringen würde: Die bessere Nutzung von Talenten und höhere Geburtenrate könne die Wirtschaftsleistung (BIP) bis 2060 um 13 Prozent steigern.

Die OECD ist eine Art Denkfabrik für die reichen Industriestaaten - momentan gehören der Organisation mit Sitz in Paris 34 Länder an.

Der Wirtschaftsbericht erscheint alle zwei Jahre und analysiert, wo ein Land ökonomisch steht und wie es sich verbessern kann. Österreich schneidet zwar relativ gut ab, hat aber gegenüber seiner Vergleichsgruppe (Deutschland, Niederlande, Dänemark, Schweden, Schweiz) stark an Boden eingebüßt. Die Wirtschaftsentwicklung stagniere seit drei Jahren, die Arbeitslosigkeit und die Inflation sind seit 2012 schneller gewachsen.

Wiederkehrende Rügen erntet Österreich für seine komplizierte Aufgaben- und Geldaufteilung zwischen Bund und Ländern, für die hohe Steuerquote (auch nach der Steuerreform, die ab 2016 greifen wird) sowie für das frühe Pensionsantrittsalter und die geringe Beschäftigungsquote älterer Arbeitnehmer.

Im Bildungsbereich kritisiert die OECD seit vielen, vielen Jahren die geringen Aufstiegschancen für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien. Die Gemeindereformen und -zusammenlegungen in der Steiermark könnten laut Wirtschaftsbericht als Vorbild für ganz Österreich gelten.

Eltern brauchen keinen Vormund

Das Zauberwort fiel bei der OECD-Präsentation spät, aber doch: Wahlmöglichkeit. Ein Staat soll Familien nicht vorschreiben, wie sie ihre Kinder betreuen und die Hausarbeit aufteilen. Noch weniger soll er bewerten, was richtig oder falsch ist – oder gar das Beste für die Kinder. Das eine ideale Modell gibt es nämlich nicht: Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wird vernachlässigte Kids in prekären Verhältnissen ebenso finden wie wohlstandsverwahrloste Zöglinge aus "besseren" Verhältnissen.

Ein Staat soll wertfrei dafür sorgen, dass Mütter und Väter entscheiden können, was für sie passt. Es ist nicht Aufgabe der Regierung oder OECD, vorzuschreiben, wer am Herd steht. Bei uns übrigens meistens meine Frau – und glauben Sie mir, das ist besser so. Für alle Beteiligten.

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