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Wirtschaft
06/26/2019

Nestlé führt farbige Nährwertampel auch in Österreich ein

Kennzeichnung kommt in Frankreich, Belgien und Schweiz, sukzessive auch in Österreich - sichtbar als erstes beim Frühstück.

In die Diskussion um ein Nährwert-Logo auf Lebensmitteln kommt Bewegung. Der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern Nestlé spricht sich für den Nutri Score aus: Der Branchenprimus lässt die Nährwert-Farbampel auf seine Produkte in Europa drucken.

Damit reiht sich Nestlé ein in Unternehmen wie Danone und Bofrost, die erste Verpackungen schon mit dem Nutri Score kennzeichnen. Dieser fasst die gesamte Nährwertqualität der Lebensmittel in einer fünfstufigen Farbskala von A bis E zusammen.

Österreich stellt sukzessive um

Nestle wolle das freiwillige System zunächst in Ländern Kontinentaleuropas an den Start bringen, in denen es offiziell unterstützt werde, hieß es. Das sind Frankreich, Belgien und die Schweiz, wo Gesundheitsbehörden den Nutri Score empfohlen haben.

Und Österreich? "In Österreich hat Nestlé keine eigene Produktion, wir übernehmen, was in anderen Ländern produziert wird", sagt Sprecherin Angela Teml zum KURIER. Demnach werde Nutri Score auch hierzulande "sukzessive" eingeführt. Einen Zeitplan für die Umstellung gibt es noch nicht, dieser soll im Herbst 2019 erarbeitet und bekannt gegeben werden.

Da manche Produkte aus Frankreich und der Schweiz übernommen werden, dürfte die Ampel aber schon bald für österreichische Konsumenten sichtbar werden: Das betrifft beispielsweise die Frühstücksceralien - Müsli, Flocken und Co. -, weil diese primär aus der Schweiz kommen. Aus Deutschland werden viele Süßwaren nach Österreich geliefert.

Als Vorteil des Nutriscore sieht Nestlé laut Teml, dass es hier die besten Chancen gebe, dass sich daraus ein EU-weit einheitliches Kennzeichnungssystem entwickelt, erklärt Teml. Was durch einen deutschen Sonderweg allerdings wieder konterkarikiert würde.

Obendrein sei es "durch die Farbskala leicht für den Konsumenten, auf einen Blick zu sehen, ob ein Lebensmittel gesünder - Kategorie A - oder weniger gesund - Kategorie E - ist." Im Rahmen einer ausgewogenen Nährung hätten freilich alle Lebensmittel einen Platz.

Umstrittene Modelle

In Deutschland wolle man die Farbskala "unverzüglich" einführen, "sofern die rechtlichen Voraussetzungen hierfür geschaffen werden". Hier steht nämlich eine eigenständige, deutsche Behördenvorgabe noch im Raum.

"Die Europäer sind immer interessierter daran, was in den Lebensmitteln und Getränken enthalten ist, die sie konsumieren", sagte Marco Settembri, Chef von Nestle für Europa, den Mittleren Osten und Nordafrika. Man befürworte den Nutri Score als einheitliche und transparente Kennzeichnung.

Der Nutri Score bezieht neben dem Gehalt an Zucker, Fett und Salz auch empfehlenswerte Bestandteile wie Ballaststoffe oder Proteine ein und gibt dann einen einzigen Wert an - auf einer fünfstufigen Skala von dunkelgrün bis rot. Verbraucherschützer und die SPD machen sich für das System stark. Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) plant aber noch eine Verbraucherbefragung im Sommer über ausgewählte Systeme. Am Donnerstag sollen die Modelle dafür festgelegt werden.

Der Nutri Score ist in der Lebensmittelindustrie umstritten, der Branchenverband BLL empfiehlt ein eigenes System. Es gibt auch andere Modelle wie schwarze Warnsymbole oder ein Siegel mit Sternen. Sie sollen Verbrauchern den Überblick erleichtern, da viele bei den gängigen Tabellenangaben zu Kalorien oder Zucker nicht durchblicken.

Dem Verein Foodwatch geht das Verfahren in Deutschland zu langsam. Der Nutri Score sei wissenschaftlich abgesichert und in der Praxis erprobt, kritisierte Foodwatch-Expertin Luise Molling. Die Verbraucherschützer werfen Klöckner zu große Nähe zur Lebensmittelbranche vor - gerade zu Nestle, nachdem die Politikerin in einem Video die Fortschritte des Konzerns beim Reduzieren etwa von Zucker in Lebensmitteln würdigte.

Nestle will nun mit dem Nährwert-Logo Signalwirkung erzielen. Man hoffe dazu beizutragen, "eine breitere Dynamik zugunsten von Nutri Score" zu schaffen, erklärte der Konzern. In Deutschland würde man es begrüßen, "wenn die Verbraucher sich klar für Nutri Score aussprechen." Der Schritt von Nestle hat in der Lebensmittelbranche Gewicht: 2018 erwirtschaftete der Konzern mit Marken wie Kitkat, Nespresso oder Maggi umgerechnet rund 82 Mrd. Euro Umsatz.

Danone vorgeprescht

Nestle steht aber auch unter Druck, da Konkurrenten wie der französische Konzern Danone das System schon eingeführt haben. Zugleich nehmen die Schweizer in Kauf, dass eigene Produkte wie Schokoriegel, Müsli oder Eistee auf dem Nutri Score durchwachsen abschneiden könnten. "Die Bandbreite der Nestle-Produkte ist groß, entsprechend wird alles dabei sein", sagte Annette Neubert, Ernährungswissenschafterin bei Nestle. Der Konzern unterstütze das System aber, da es "positive wie negative Stoffe" in Lebensmitteln berücksichtige. Zudem könne Nestle mit dem System "sichtbare Fortschritte" etwa bei Reduzierung von Zucker zeigen.

Die Lebensmittelbranche steht wegen ungesunder Produkte immer wieder in der Kritik. Nestle weist auf Anstrengungen hin: So soll unter anderem der Anteil von Zucker in Nestle-Produkten bis 2020 um 5 Prozent sinken und der von gesättigten Fettsäuren um 10 Prozent.

Bis der Nutri Score in Deutschland kommt, wird aber Zeit vergehen. Die Verbraucherminister der Länder haben sich dafür ausgesprochen, dass bis Jahresende ein einheitliches und möglichst standardisiertes Modell vorgelegt werden soll. Auch bei Nestle wird die Einführung der Nährwertampel in Europa nicht von heute auf morgen erfolgen. Die Verpackungen müssen im Handel schrittweise ausgetauscht werden - angesichts der weiten Verbreitung der Marken ist das komplex. Im Herbst will Nestle über die Umsetzung informieren.