Wirtschaft
04.07.2017

Nach Mindestlohn-Kompromiss: Jetzt will das Gewerbe auch flexible Arbeitszeit

Trotz Vereinbarung dürften manche Branchen 2020 noch immer weniger als 1500 Euro zahlen.

Trotz der Einigung der Sozialpartner beim Mindestlohn dürften 1500 Euro brutto im Monat für etliche Beschäftigte vorerst ein Wunschtraumbleiben. In Berufen wie Friseur, Gebäudereinigung, Florist oder Konditor sei das "ein enormer Rucksack für die Betriebe", erklärt Renate Scheichelbauer-Schuster, Obfrau der Bundesparte Gewerbe/Handwerk der Wirtschaftskammer. Schließlich müssten Lohn- und Gehaltssteigerungen von bis zu 30 Prozent in zweieinhalb Jahren realisiert werden.

In Zahlen: Derzeit liegt der Mindestlohn für Floristen bei mageren 1217 Euro, gelernte Textilreiniger bringen es mit 1347,5 Euro nur auf etwas mehr. Sie liegen aber ebenso wie KleidermacherInnen mit Lehrabschluss (1387,83 Euro) deutlich unter 1500 Euro. Die konsequente Umsetzung des Mindestlohns würde in solchen Branchen "dann Arbeitsplätze kosten".

Die Vereinbarung sieht vor, dass 2020 eine Evaluierungskommission aus je einem Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter sowie einem Wifo-Experten die Situation in der jeweiligen Branche bewertet und dann etwa mehr Zeit für das Erreichen der 1500 Euro einräumt.

Für Kleinstbetriebe kann der Mindestlohn – rechnet Walter Bornett von der KMU-Forschung Austria vor – existenzbedrohend sein. Ein typischer Dienstleistungsbetrieb mit 300.000 bis 400.000 Euro Jahresumsatz und einem Mitarbeiter mit Mindestlohn erwirtschafte eine Umsatzrendite von zwei Prozent, sprich 6000 bis 8000 Euro vor Steuern. Werde der Lohn des Mitarbeiters um 400 Euro pro Monat erhöht, "ist dieser Gewinn weg".

Flexible Arbeitszeit

Nach dem Kompromiss auf den Mindestlohn sehen die Arbeitgeber jetzt die Gewerkschaften bei der vorerst gescheiterten Flexibilisierung der Arbeitszeit am Zug. Die Flexibilisierung – Arbeitgeberwunsch: 12-Stunden-Tag, 60-Stundenwoche – müsse, fordern Scheichelbauer-Schuster und die Bundesobleute fünf weiterer Branchen in einem offenen Brief – ein zentrales Verhandlungsthema mit der künftigen Regierung sowie mit Arbeiterkammer und ÖGB bleiben.

Im Gewerbe generell stellt KMU-Forscher Bornett ein Auseinanderdriften fest: Während klassische KMU mit 20 und mehr Mitarbeitern von der angesprungenen Konjunktur profitieren, geht es Kleinstbetrieben deutlich schlechter. Vor allem für sie fordert Scheichelbauer-Schuster einmal mehr eine Neuauflage des Handwerkerbonus mit einem Fördervolumen von 20 Millionen Euro. Weitere Maßnahmen fordert die Branche gegen Lohn- und Sozialdumping, durch höhere Mindestlöhne werde das Problem verschärft.