Wirtschaft
09.01.2018

"Meister" statt "Master" gegen die Fachkräfte-Lücke

Handwerk hofft auf neuen Bildungsplan der Regierung. Dieser wertet die Lehre massiv auf und gibt auch Studienabbrechern neue Chancen.

Vor dem Hintergrund eines sich zuspitzenden Fachkräftemangels will die neue Regierung die duale Ausbildung sowie fachlich erworbene Berufsabschlüsse massiv aufwerten. Unter dem Schlagwort "Land der Meister" finden sich im Regierungsprogramm gleich eine ganze Reihe von Vorschlägen für eine engere Verzahnung zwischen Schule und Wirtschaft. Das erklärte Ziel: "Die Ausbildung in den Betrieben soll gestärkt und prioritär gefördert werden."

Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die bereits eingeleitete Gleichstellung der beruflichen mit der akademischen Ausbildung im Rahmen eines EU-weit vergleichbaren Qualifikationsrahmens. Hier wird der österreichische HTL-Ingenieur und der Meister künftig dem Bachelor gleichgestellt. Das wertet einerseits das Handwerk auf und erleichtert mühsame Anerkennungsverfahren innerhalb der EU. Die Gleichstellung bedeutet jedoch keine Gleichwertigkeit im Sinne des Hochschulrechts und berechtigt auch nicht zur Zulassung eines Master-Studiums oder zur Führung des akademischen Titels "Bachelor".

Für eine bessere Durchlässigkeit zwischen beruflicher und schulischer Bildung ist aber die gegenseitige Anerkennung von bereits aufgebauten Kompetenzen und vorhandenem Wissen nötig. Hier will die Sparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer (WKO) ein eigenes Bewertungssystem erarbeiten. "Wir wollen die Meisterkompetenzen mit den schulischen oder hochschulischen objektiv vergleichen", kündigt Sparten-Geschäftsführer Reinhard Kainz eine "Bildungspartnerschaft" mit der Regierung an. "Wir wünschen uns ein ideales Matching aus Wirtschafts- und Bildungsinhalten mit den tatsächlichen Erfordernissen in den Betrieben, um die Fachkräfteausbildung zu stärken."

Studienanschluss

Deutsche Handwerksbetriebe sind schon einen Schritt weiter und versuchen bereits ganz gezielt, Studienabbrecher als Facharbeiter zu gewinnen. Mit Projekten wie "Meister statt Master" oder "Karriereprogramm Handwerk – Studienanschluss statt Studienabbruch" wird der Direkteinstieg ins Berufsleben schmackhaft gemacht. Besonders gefragt sind technisch-mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen. An manchen Berufsschulen wurde der Lehrplan eigens auf Studienabbrecher zugeschnitten und das schulische Vorwissen angerechnet. Letzteres findet sich auch im Regierungsprogramm wieder. Generell soll auch Älteren der Zugang zur Lehre erleichtert werden, wenn nötig mithilfe von AMS-Förderungen.

Bei den klassischen Lehranfängern wollen die Betriebe ihre Anforderung für eine neue "Ausbildungsreife" definieren. Dabei geht es laut Kainz vor allem um soziale Grundkompetenzen, die bisher vom Bildungssystem vernachlässigt wurden. Selbst gefordert sind die Wirtschaftsvertreter bei der Modernisierung bzw. Digitalisierung von Lehrinhalten und der Schaffung zeitgemäßer Begriffe.

Konjunktur zieht an

Der konjunkturelle Rückenwind kommt langsam auch bei den 200.000 Betrieben im heimischen Gewerbe & Handwerk an. Laut aktueller Konjunkturumfrage der KMU Forschung Austria meldeten im Schlussquartal des Vorjahres 27 Prozent der Unternehmen eine gute Geschäftslage, im Vergleichszeitraum 2016 waren es nur 21 Prozent. Im Gegenzug sank der Anteil der Betriebe mit schlechter Geschäftslage von 21 Prozent auf zwölf Prozent. Per Saldo lag das Stimmungsbarometer damit um 15 Prozentpunkte über dem Niveau des Vorjahres.

Beim Wachstum hinkt die Sparte aber der allgemeinen Konjunktur ebenso nach wie beim Personalbedarf. Zumindest für das erste Quartal 2018 sind laut Umfrage keine großen Personalaufnahmen geplant. „Der Ausschlag nach oben ist noch etwas verhalten, aber der Bedarf an Fachkräften nimmt deutlich zu“, fasst Sparten-Geschäftsführer Kain zusammen. Das Gewerbe & Handwerk beschäftigt in Österreich 730.000 Menschen, bis Jahresende 2018 sollten es um 10.000 mehr sein.

Um das Wachstum anzukurbeln, stellt Kainz gleich mehrere Forderungen an die neue Regierung. Nach dem vorzeitigen Aus für den Beschäftigungsbonus will er eine generelle Lohnnebenkostensenkung, etwa über einen geringeren Beitrag zum Insolvenzentgeltsicherungsfonds (IEF). Auch eine Neuauflage des Handwerkerbonus hält er für sinnvoll.