Fachkräfte-Mangel hemmt Betriebe

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Foto: Industrie 40

Der Industrie-Motor brummt wieder, in den nächsten Monaten werden 5000 zusätzliche Jobs geschaffen. Doch für die anstehenden Aufgaben fehlen fachlich qualifizierte Mitarbeiter, in erster Linie Techniker im Softwarebereich.

Österreich war und ist ein Industrieland. Der Anteil der Industrie an der gesamten Wirtschaftsleistung liegt hierzulande mit mehr als 20 Prozent deutlich über dem EU-Schnitt. Während in den meisten westeuropäischen Ländern die Bedeutung des verarbeitenden Gewerbes in den vergangenen zwanzig Jahren zum Teil stark zurückgegangen ist, ist Österreich von diesem Strukturwandel bisher weitgehend verschont geblieben. Heuer ist nach ein paar Jahren der Stagnation ein Aufschwung der Industrie absehbar. Die heimischen Betriebe haben wieder mehr Vertrauen in den Standort. "Wir haben jetzt ein positives Momentum", sagte Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung, bei der Präsentation des aktuellen Konjunkturbarometers für das erste Quartal 2017. Er prognostiziert eine gute Entwicklung bis in den Sommer hinein. Gleichzeitig rechnet er mit einer deutlich steigenden Nachfrage am Arbeitsmarkt: Die Industriebetriebe werden in den nächsten Monaten 5000 zusätzliche Jobs schaffen. Facharbeiter werden teils händeringend gesucht, besonders Techniker im Softwarebereich. "Es wird eine Herausforderung sein, diese Jobs zu besetzen", sagte Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung. Knapp jedes dritte befragte Unternehmen plant, zusätzliche Beschäftigte aufzunehmen. Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen bzw. abwerben?

Mehr Ausbildungen im MINT-Bereich

Um die Lücke zu füllen, muss die Mitarbeiterqualifikation – insbesondere im MINT-Bereich als Absolventen der Studienrichtungen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – verstärkt werden. Rund 1000 derart ausgebildete Leute könnte die Industrie in Österreich sofort aufnehmen bzw. sogar deutlich mehr, denn viele HTL-Absolventen übernehmen bereits Jobs, die für Akademiker vorgesehen sind. Dazu zählen technische Berufe in der Industrie und Ingenieur-Berufe. Gerade in der industriellen Fertigung veränderten sich in den vergangenen Jahren viele Tätigkeiten, vor allem durch Digitalisierungsprozesse. Daher werden vor allem höher qualifizierte Mitarbeiter gesucht. Laut einer Studie des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) steigt dadurch in der Praxis allerdings nicht vorrangig der Bedarf nach Akademikern, sondern auch nach höher qualifizierten Lehr-, Fachschul- und BHS-Absolventen. Gebraucht werden zum Beispiel HTL-Absolventen mit entsprechenden Spezialisierungen.

Einer Befragung des ibw unter Mitgliedsbetrieben der Industriellenvereinigung zufolge, haben derzeit viele Unternehmen das Gefühl, dass ihre Mitarbeiter in Hinblick auf den Einsatz intelligent vernetzter Technologien hinterherhinken. Daher müssen neue Mitarbeiter für diesen Bereich gefunden werden. Doch zwei von drei Unternehmen klagen über erhebliche Rekrutierungsschwierigkeiten. Je höher das gewünschte Qualifikationsniveau, desto schwieriger. Besonders groß ist die Techniker-Lücke in Österreichs Industriebetrieben. Das hat unter anderem damit zu tun, dass etwa die Hälfte der Technik-Absolventen nicht im Produktionssektor landen, sondern in anderen Branchen.

In diesem Zusammenhang kritisiert die Industrie die im Sommer 2016 eingeführte Einschränkung der Studienplätze an der Uni Wien und der TU Wien. Das habe den Fachkräftemangel noch verschärft. Aktuell seien zum Beispiel rund 5000 IT-Stellen unbesetzt. Alfred Harl, Obmann des Fachverbandes für Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie (UBIT) ergänzt: "Die Tatsache, dass sich IT-Berufe wie der Programmierer auf der Liste der Mangelberufe wiederfinden und gleichzeitig Studienplätze reduziert werden, sollte alle Alarmglocken schrillen lassen." Außerdem müsse dringend die Zahl der Studienabbrecher reduziert werden. Derzeit würde rund jeder Zweite nach den beiden ersten Semestern das Informatikstudium abbrechen.

Chronischer Fachkräftemangel

grafik… Foto: /Grafik Die Folge: Österreichs Unternehmen leiden unter chronischem Fachkräftemangel bei Technikern und Informatikern. Nur eine von vier offenen Stellen kann besetzt werden. Bis 2020 könnten im MINT-Bereich 40.000 neue Arbeitsplätze entstehen, schätzte die Bundesvorsitzende der Jungen Industrie, Therese Niss. Doch in dieser kurzen Zeit können in Österreich nicht die benötigten Fachkräfte ausgebildet werden. Daher blicken die heimischen Unternehmen bei der Personalsuche immer öfter über die Grenzen. "Der Fachkräftemangel sorgt zunehmend für Kopfschmerzen", fasste Helmut Maukner, Managing Partner von EY Österreich zusammen. "Nicht nur die Rekrutierung ist mehr als zeit- und kostenaufwendig, sondern knapp zwei Drittel der Mittelständler sehen die Vakanzen auch als direkten Grund für Umsatzeinbußen." Hinzu kommt: Den Technikern muss einiges geboten werden, um sie für ein Unternehmen zu gewinnen. Für sie muss ein Paket aus hohem Verdienst, flexiblem Arbeiten, Eigenverantwortlichkeit und Mitgestaltungsmöglichkeiten sowie interessanter Arbeit geschnürt werden – um sie auch längerfristig zu halten.

Die heuer verbesserte Auftragslage und die höhere Produktionsauslastung hat die Forderung der Industriebetriebe nach mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit neu belebt. Um bei guter Auftragslage keinen Auftrag ablehnen zu müssen, soll es möglich sein, bis zu 12 Stunden am Tag und 60 Stunden in der Woche zu arbeiten, so die Forderung. Konkret wünschen sich die Betriebe Gleitzeitvereinbarungen mit Zwölf-Stunden-Tagen und längeren Freizeitblöcken. "Mit restriktiven, den heutigen Arbeitswelten nicht mehr entsprechenden Regeln werden wir nicht vorne mit dabei sein", sagt Wirtschaftskammer-Generalsekretärin Anna Maria Hochhauser. Laut Industriellenvereinigung geht es nur darum, "betriebliche Realitäten endlich auch rechtlich abzubilden". Schon jetzt werde oft länger als zehn Stunden am Tag gearbeitet, auch wenn das offiziell nicht erlaubt sei. Doch die Wirtschaftskammer will nicht nur bis zu zwölf Stunden am Tag arbeiten lassen, sondern auch die Normalarbeitszeit auf zehn Stunden erhöhen. Das heißt nicht, dass dann alle Mitarbeiter zehn Stunden am Tag arbeiten müssen. Es hieße aber, dass erst ab der elften Stunde Überstunden zu zahlen sind, was in dieser Form einer Kürzung der Löhne gleichkommen würde. Und da spießt es sich. Zu einer Einigung wird man erst dann kommen, wenn beide Seiten etwas von der Änderung der Arbeitszeiten haben. Im Ausgleich für die höhere Flexibilität der Mitarbeiter zum Beispiel einen zusätzlicher freier Tag.

(kurier) Erstellt am
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