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Deutschland
12/02/2014

Lufthansa-Piloten bestreiken jetzt Langstrecke

Bis Dienstagabend entfallen insgesamt 36 Österreich-Verbindungen. AUA hilft mit größeren Flugzeugen aus.

Annulliert, annulliert, annulliert: Am Lufthansa-Drehkreuz Frankfurt herrschte am Dienstagvormittag meist Stillstand. Wie auch in München hat die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) ihren Kurzstrecken-Streik vom Vortag auf alle Lufthansa-Flüge inklusive der Fernverbindungen ausgeweitet. Der Ausstand sollte bis Mitternacht andauern.

Die Frachtsparte Lufthansa Cargo reagierte insbesondere mit Flugverlegungen auf die Streikdrohung, komplett absagen musste sie nach Firmenangaben keinen Frachtflug.

AUA stellt größere Flugzeuge bereit

Die Lufthansa-Tochter Austrian Airlines (AUA) ist vom Streik der Lufthansa-Piloten zwar nicht direkt betroffen, der Konzernmutter wird aber mit größeren Flugzeugen unter die Flügel gegriffen. In Summe biete die AUA während der Streikwelle 3.200 zusätzliche Sitzplätze an, sagte AUA-Sprecher Peter Thier am Dienstag zurAPA. Für Dienstag seien auf 32 Rotationen größere Maschinen eingeplant worden, so Thier. Die Aufstockung betrifft vorwiegend die beiden Lufthansa-Drehkreuze Frankfurt und München. Frankfurt steuert die AUA heute fünfmal mit einem Airbus A321 an, der um 64 Sitzplätze größer ist als ein A320, der sonst auf dieser Strecke zum Einsatz kommt.

Auch auf zahlreichen anderen Verbindungen in Europa, darunter Bukarest, Barcelona, Kopenhagen und Berlin, hilft die AUA mit größeren Fliegern aus, damit die Lufthansa innerhalb des Konzerns umbuchen kann. Die Aufstockungen seien möglich, weil die AUA während der Wintersaison freie Kapazitäten habe, so Thier.

Streit um Pensionen

Bei der seit Monaten andauernden Auseinandersetzung geht es vordergründig unter anderem um die Übergangspensionen von 5.400 Piloten. Doch hinter den Kulissen schwelt ein Streit um den künftigen Kurs des Luftverkehrskonzerns, dem sein Chef Carsten Spohr eine starke Billigsparte hinzufügen will. Ein entsprechendes Konzept soll am Mittwoch im Aufsichtsrat beschlossen werden.

Neunte Runde

Die Piloten streiken in der mittlerweile neunten Runde. Vor allem an den Drehkreuzen München und Frankfurt fielen am Montag zunächst viele Zubringerflüge aus. Die Lufthansa hatte einen Ersatzflugplan in Kraft gesetzt. Flüge der Lufthansa-Tochter Germanwings sowie der Konzerngesellschaften Swiss, AUA und Brussels Airlines sind von dem Streik nicht betroffen.

Verhandlungen gescheitert

Die Verhandlungen zwischen der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) und der Fluglinie waren in der Nacht auf Samstag erneut gescheitert. Derzeit gehen die Piloten im Durchschnitt mit knapp 59 Jahren in den allein von der Firma bezahlten Vorruhestand. Lufthansa will diesen Schnitt für Bestandspiloten schrittweise auf 61 Jahre erhöhen. Die VC stört sich vor allem daran, dass für neu eingestellte Piloten bisher keinerlei finanzielle Unterstützung zum Vorruhestand vorgesehen ist.

Strittig sind zudem die Gehälter der Piloten und die künftige Billig-Strategie des neuen Konzernchefs, die aber nicht Gegenstand der Tarifverhandlungen ist. Das Konzept soll unter dem Titel "Wings" am Mittwoch vom Aufsichtsrat des Dax-Konzerns beschlossen werden.

"Sie bekommen das, was wir ihnen zugestehen, und nicht mehr"

Die Gewerkschaft Cockpit kritisierte unterdessen (VC) die Verhandlungsführung der Lufthansa im Tarifstreit. "Piloten sollen eingeschüchtert werden und Angst haben. Nach dem Motto: Sie bekommen das, was wir ihnen zugestehen, und nicht mehr", sagte Gewerkschafts-Vorstand Jörg Handwerg demTagesspiegel (Dienstag). Auch die Piloten wollten "ihren Beitrag zur gedeihlichen Entwicklung der Lufthansa leisten", fügte Handwerg hinzu. Das gehe aber nicht, wenn der Vorstand gegen das Personal agiere und "Tarifstrukturen zerschlagen will".

Eine Übersicht zu den gestrichenenen Flügen finden Sie hier.

"Wings" und "Jump" lassen Lufthansa-Piloten streiken

Die Pilotenstreiks bei der Lufthansa sind in die neunte Runde gegangen. Von einer Lösung scheinen die Streitparteien weiter entfernt zu sein denn je. In dieser Woche will Lufthansa-Chef Carsten Spohr sein umstrittenes Billigkonzept vom Aufsichtsrat genehmigen lassen. Zuvor zeigen die Piloten noch einmal ihre Muskeln.

Wie schmerzhaft sind die Streiks der Piloten für Lufthansa?

Sie nagen zumindest am Zuverlässigkeits-Nimbus der Fluggesellschaft, die es sich kaum leisten kann, dauerhaft als "Streikhansa" dazustehen. Innerhalb der Streikzeit fallen mindestens 60 Prozent der Flüge aus, wobei schon Verbindungen der gar nicht bestreikten Lufthansa-Töchter in der Gesamtheit enthalten sind. Der Einsatz von Managern mit Pilotenschein bringt etwas Linderung, aber schon nach einem Flug müssen auch sie gesetzlich vorgeschriebene Pausen einlegen. Der Sonderflugplan richtet sich daher auf das strategische Ziel, zum Streikende Mittwoch früh möglichst viele Jets und Crews dort zu haben, wo sie nach Flugplan sein müssen.

Warum kommen beide Seiten nicht zu einer Lösung?

Das lag zu Beginn wohl auch an der Vielzahl der strittigen Themen. Rund 15 unterschiedlich komplexe Gegenstände von den Gehältern und Übergangspensionen über die Rechte der Personalvertretung bis hin zur Anrechnung von Überstunden waren aufgelaufen. So weit liege man in vielen Details aber gar nicht mehr auseinander, heißt es im Unternehmen. Über allem schwebt allerdings der von Lufthansa-Chef Carsten Spohr forcierte Umbauplan für den Konzern, gegen den sich die Piloten mit Händen und Füßen wehren.

Was hat Lufthansa vor?

Der Konzern kann nach Spohrs Meinung nur noch bei den bisher schon weltweit erfolgreichen Servicetöchtern für Catering und Technik sowie im Billigsegment wachsen. Im Kampf gegen Ryanair und Co sollen die bereits vorhandenen Töchter Germanwings und Eurowings erweitert und um eine für die Langstrecke zuständige Schwester ergänzt werden. Diese "Wings-Familie" würde knapp ein Viertel der Konzernflotte ausmachen und soll über eine Holding gesteuert werden, die nicht zwingend in Deutschland sitzen müsste. In den Wings-Gesellschaften mit ihren rund 150 Jets sollen nach britischen Billigvorbild deutlich schlechtere Tarifbedingungen herrschen als bei der Lufthansa-Mutter.

Was haben die Piloten dagegen?

Die Vereinigung Cockpit (VC) wirft Spohr offenen Tarifbruch vor, weil sich Lufthansa bei der Integration der Germanwings im Jahr 2004 verpflichtet habe, auch im Low-cost-Bereich nur Piloten innerhalb des Konzerntarifvertrags (KTV) zu beschäftigen. "Der Konzerntarifvertrag soll ausgehöhlt werden", sagt VC-Sprecher Jörg Handwerg. Dafür gehört für ihn der Lufthansa-Plan, junge Piloten künftig mehr oder weniger allein für ihren Vorruhestand sparen zu lassen. Die Gruppe der KTV-Piloten würde immer kleiner. Schon heute stellen sie von gut 9.000 Piloten im Konzern nur noch knapp 5.400. Wenn zudem Wachstum nur noch bei den Billigtöchtern stattfände, schrumpften die Karrierechancen der KTV-Piloten. Sollte die Kerngesellschaft stagnieren, könnten junge Piloten erst sehr viel später Kapitän werden.

Kann die Lufthansa ihren Wings-Plan trotzdem durchziehen?

Spohr scheint dazu fest entschlossen und legt sein Konzept am Mittwoch dem Lufthansa-Aufsichtsrat zur Abstimmung vor. Das Management sieht keinen Tarifbruch, solange die neuen Billigflieger äußerlich nicht an die Mutter erinnern. Sie dürfen also weder Lufthansa-Schriftzug, Kranich-Logo oder LH-Flugnummer tragen. Tarifrechtlich kann die VC den Konzernumbau nicht verhindern, sondern höchstens wie bei den Übergangspensionen hinterher versuchen zu klagen.

Gibt es weitere Sparpläne bei der Lufthansa?

Innerhalb der Marke Lufthansa hat Spohr auch das Projekt "Jump" vorangebracht. Bis zu 14 geleaste Maschinen sollen künftig zu sogenannten Warmwasser-Zielen fliegen, die Lufthansa sonst nicht mehr im Programm hätte. Die angemieteten A340 verbrauchen zwar vergleichsweise viel Sprit, kommen aber mit weniger Kabinenpersonal aus und werden zudem von beim Leasinggeber beschäftigten Piloten zu dessen Tarifen geflogen. Innerhalb der Wings-Familie könnte zudem das aktuelle Tarifniveau weiter abgesenkt werden, fürchtet die VC. So setze der Konzern aktuell die Eurowings-Piloten massiv unter Druck, noch schlechtere Tarifbedingungen als bisher zu akzeptieren.

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