Wirtschaft
29.01.2015

Bauern sind für TTIP: "Neue Chancen für unsere Produkte"

Eine Freihandelszone mit den USA würde der heimischen Wirtschaft nutzen, meint Hermann Schultes im Interview.

KURIER: Wie interessant ist der US-Markt für die heimische Landwirtschaft? Die Lebensmittelindustrie wünscht sich ja eine Freihandelszone.

Hermann Schultes: Wir haben in Österreich mit der Gentechnikfreiheit am Acker ein Alternativprogramm zu amerikanischen Waren. Ich denke, es gibt sehr viele US-Konsumenten, die genau das schätzen.

Gemüse in erster Linie?

Die Palette ist groß: Wir exportieren zum Beispiel biologisch produzierte Erbsen als Tiefkühlware nach Amerika. Und auch bei Käse werben wir als "Alpenland" und "gentechnikfrei gefüttert".

Sind unsere Tiere denn wirklich alle gentechnikfrei gefüttert?

Die gesamte Milch aus österreichischer Produktion ist gentechnikfrei, das ist Standard und ein gutes Abgrenzungskriterium gegen Importe ungeklärter Herkunft.

Und bei den Schweinen?

Da gibt es alles, was der Kunde bestellt. Die gentechnikfreie Fütterung verursacht natürlich zusätzliche Kosten, die bei den momentan extrem niedrigen Schweinepreisen niemand honoriert. Beim Handel zählt nur das Preisargument. Das ist sehr schwierig, obwohl wir einige gute Markenprogramme haben, etwa das Tullnerfelder Schwein.

Unter welchen Bedingungen wären Sie für TTIP?

Entscheidend ist der Kopierschutz für Herkunftsbezeichnungen. Der Grüne Veltliner soll auch am amerikanischen Markt nur aus Österreich kommen.

Also prinzipiell eine Chance für die Landwirtschaft?

Ja. Europa braucht die Weiterentwicklung seiner Wirtschaft, und da ist der amerikanische Wirtschaftsraum ein wichtiger verwandter Markt für unsere hochwertigen Produkte.

Was ändert sich im Handel mit den USA durch den Vertrag?

Jetzt brauchen heimische Exporteure Jahre für die Zeugnisse und Zertifikate. Den Unternehmen werden Knüppel zwischen die Beine geworfen, weil in Amerika das Prinzip "US first" gilt. Die Spielregeln werden damit durchsichtiger. Derzeit tun sich nur jene Firmen leicht, die – wie etwa BMW – Standorte in Europa und den USA haben.

Und was kriegen die Amerikaner als Gegenleistung? Könnten Billigprodukte, gentechnisch veränderte Lebensmittel sowie Antibiotika-Fleisch unseren Markt überschwemmen?

Diese Gefahr sehe ich nicht, weil die Verhandler der Europäischen Union da mittlerweile ausreichend gebrieft sind. Es wird Auflagen geben, die das verhindern. Hormonbehandeltes amerikanisches Rindfleisch wird nicht neben österreichischem Rindfleisch in der Vitrine liegen.

Das ist natürlich auch eine Kennzeichnungsfrage.

Wir haben ab Frühjahr in Europa die Verpflichtung, dass alles Fleisch – ob tiefgekühlt oder frisch – herkunftsmäßig gekennzeichnet werden muss. Das AMA-Gütesiegel garantiert jedenfalls, dass das Tier in Österreich geboren, gemästet und geschlachtet ist.

Warum sind heimische Lebensmittel eigentlich um 20 Prozent teurer als deutsche?

In erster Linie kommt der Preisunterschied vom Qualitätsunterschied. Außerdem gibt es steuerlich unterschiedliche Tarife.

Liegt’s vielleicht auch am Wettbewerbsmangel, weil bei uns sehr hohe Handelskonzentration herrscht?

Das höre ich aus Arbeiterkammer-Mund immer wieder.

Was ist aus der Saatgutbeize geworden, die angeblich die Bienenvölker gefährdet und daher verboten wurde?

Wir hatten im letzten Jahr massive Schäden bei Raps und Mais durch das Fehlen dieser Insektenbekämpfungsmittel. Weniger Raps hat auch weniger Honig für die Imker bedeutet. Und trotz allem gab es heuer hohe Bienenverluste, die sicher nicht landwirtschaftsbedingt waren, sondern eher an der Varroamilbe lagen. Ich hoffe, dass die Imker ihre Probleme endlich in den Griff bekommen und diese nicht mehr bei Dritten suchen.

Spürt die Landwirtschaft die Russland-Krise?

Bei Schweinen noch immer. Nur ein Teil der Menge hat neue Abnehmer gefunden.

Sie kritisieren oft die verniedlichende Darstellung der Bauern in der Werbung. Was stört Sie denn dabei?

Bei jeder Bauernversammlung höre ich, dass man sich dadurch gering geschätzt fühlt. Ich verstehe das: Wenn ein Märchenprinz mit einem Zauberschweinchen die Landwirtschaft erklärt, dann hat das mit der Wirklichkeit wenig zu tun.

Aber der Bauer im TV-Spot gilt doch als sexy! Was ist daran schlecht?

Frau Salomon, da kann ich jetzt nicht mitreden.

Hermann Schultes

Der Weinviertler Bauer ist ÖVP-Abgeordneter und Präsident der Landwirtschaftskammer. Er kämpft für faire Preise für die Bauern und hofft auf noch mehr österreichische Produkte im heimischen Handel. Weil der Preiskampf dort oft über Fleischwaren ausgetragen wird, wird in diesem Bereich viel Importiertes, besonders Geflügel, verkauft.

Handel mit den USA: Der Export heimischer Produkte in die USA entwickelt sich gut. Vor allem alkoholfreie Getränke und österreichischer Käse werden bei Amerikanern immer beliebter. Seit dem EU-Beitritt hat sich Österreichs Agrar-Außenhandel insgesamt mehr als verfünffacht. Dabei hatten die Bauern den EU-Beitritt seinerzeit durchaus skeptisch betrachtet. Und es kursierten, so wie heute bei TTIP, Gerüchte, dass dann Ekelhaftes wie „Schildlauslimonade“ und „Blutschokolade“ importiert würde.