© APA/dpa/Frank Rumpenhorst

Wirtschaft
02/29/2020

Coronavirus: Ein bisschen Panik nach den Börsenrekorden

Für Aktionäre war es eine Horrorwoche. Dennoch gibt es keinen Grund für Endzeitstimmung, sagt RBI-Chefökonom Peter Brezinschek

Der Autoindustrie bleibt momentan gar nichts erspart. Der wichtigste Termin im Jahreskalender, der Genfer Autosalon: abgesagt. Nur drei Tage vor der Eröffnung musste die Messegesellschaft die Reißleine ziehen. Die Schweizer Regierung hatte Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern untersagt.

Es ist eines von vielen Puzzleteilen, die derzeit ausfallen. Die Frage, die sich nun alle stellen: Wie schlimm können die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus werden? Für Börsianer ging am Freitag jedenfalls eine Horrorwoche zu Ende – mit den größten Verlusten seit der Finanzkrise vor 12 Jahren. Phasenweise machte sich regelrecht Panik breit.

In turbulenten Zeiten beobachten Börsenexperten  einen Wert, der oft „Angstbarometer“ genannt wird, den Volatility Index (kurz VIX). Sind die Anleger  verunsichert, schlägt  sich das in einem besonders nervösen Handel nieder. Der Volatility Index zeigt die erwarteten Schwankungsbreiten im US-Index S&P500 an. Je höher der Wert, desto unruhiger der Markt. Die aktuelle Corona-Verunsicherung ist vergleichbar mit den Turbulenzen durch den Handelskrieg zwischen USA und China oder mit der Euro-Griechenland-Krise, aber noch weit weg von der Krise 2008/09

Düstere Orakel

Maßlose Übertreibung? Oder eine ohnehin überfällige Kurskorrektur? Binnen einer Woche wurde ein Kurswert aller börsenotierten Firmen von fünf Billionen Dollar ausgelöscht. Dramatisch, oder? „Diese Zahl ist Quatsch“, tritt Peter Brezinschek, Chefökonom der Raiffeisen Bank International (RBI), kräftig auf die Bremse: „Das sind fiktive Werte, die ja nicht verloren sind.“ Und man müsse dazusagen, dass Indizes wie der deutsche DAX oder die US-amerikanischen S&P500 und Dow Jones just vor der Corona-Panik absolute Höchststände erreicht hatten. Da sei ein Rücksetzer von 15 Prozent kein allzu großes Drama.

Brezinschek warnt Privatanleger davor, sich jetzt abzuwenden. Er rät, in Aktien investiert zu bleiben und langfristig zu denken. Oder, wer das starke Vorjahr verpasst habe, könne jetzt einen Einstieg in den Aktienmarkt überlegen. Vom Zocken rät er ab: Brezinschek glaubt nicht, dass sich das perfekte Timing für einen Aus- und Wiedereinstieg erraten ließe.

Die aktuelle Panik rührt daher, dass die meisten Anleger das Virus unterschätzt und für ein auf China beschränktes Problem gehalten hatten. Somit wurden sie von der globalen Ausbreitung auf dem falschen Fuß erwischt.

Und obendrein überbieten Analysten einander derzeit mit düsteren Prognosen. Sogar der Economist, sonst eher auf der Seite der Relativierer zu finden, ließ sich anstecken: 25 bis 70 Prozent der Bevölkerung könnten sich mit Corona infizieren, orakelt das britische Wirtschaftsmagazin. Rivale Bloomberg Businessweek zitiert Prognosen, wonach die globale Wirtschaftsleistung heuer um zwei Prozentpunkte schwächer ausfallen werde.

Einbruch wird aufgeholt

„Ja, es wird zu Abwärtsrevisionen kommen“, sagt RBI-Ökonom Brezinschek. Was sich aber keiner zu sagen traue: „Wir tappen alle im Dunkeln.“ Offenkundig sei die Gefahr einer technischen Rezession – zwei negative Quartale in Folge –, die davor niemand auf dem Radar hatte, gestiegen. Europas Wirtschaft wird nicht mehr nur durch indirekte Effekte, etwa Lieferausfälle bei chinesischen Waren, getroffen. Einbußen durch Quarantäne-Maßnahmen oder Arbeitsausfälle ließen sich allerdings wieder aufholen, so Brezinschek. Und selbst wenn die geplante Kreuzfahrt abgeblasen ist, bleibt das gesparte Geld für anderweitigen Konsum übrig.

Die RBI war mit ihren Erwartungen für die Eurozone schon zuvor vorsichtig und hatte für heuer ein mageres Plus von 0,8 Prozent prognostiziert. Im Basisszenario ändert sich daran nichts. Bei einer flächendeckenden Ausbreitung des Coronavirus in Europa (berechnet auf Basis von Pandemie-Modellen der EU-Kommission) setzt die RBI das Wirtschaftswachstum im Euroraum für 2020 um 0,5 Prozentpunkte niedriger an. Ein Teil würde aber 2021 wieder aufgeholt, da zöge das Wachstum um 0,3 Prozentpunkte an.

KURIER: Wie ist der dramatische Börseneinbruch in dieser Woche zu erklären?

Peter Brezinschek: Das muss man zurechtrücken. Noch vor einer Woche haben wir historische Höchstkurse in Deutschland und Amerika gefeiert. Natürlich werden da immer Gründe gesucht, ob es so weitergehen kann oder Gewinne realisiert werden sollten. Wir hatten in den USA im Vorjahr Zugewinne von 37 Prozent beispielsweise im Technologieindex Nasdaq, der heuer zu Jahresbeginn noch einmal zugelegt hatte. Wenn dann also bei einer Performance von zirka 40 Prozent binnen 13 Monaten kurzfristig wieder mehr als 10 Prozent abgelegt werden, ist das nicht allzu dramatisch. Überraschend sind das Tempo und die Einförmigkeit.

Was ist der Grund für diese Überreaktion?

Was an den Risikomärkten, vor allem den Aktienmärkten, derzeit gespielt wird, ist die Angst vor einer Rezession. Selbst wenn es sich nur eine sogenannte technische Rezession handeln sollte, also zwei Quartale mit einem Minus hintereinander. Das hat man bisher für unwahrscheinlich gehalten. Jetzt wird vereinzelt sogar schon darüber gerätselt, ob es sich um eine neue Bedrohung wie die Pest im Mittelalter handelt. Also bitte, da muss man schon die Kirche im Dorf lassen. Manche tun, als wäre das die größte Bedrohung der Menschheit. Dabei halten wir außerhalb von China aktuell bei ungefähr 5.000 Infektionen.

Die Prognose des Währungsfonds aus der Vorwoche, dass die globale Wirtschaftsleistung um 0,1 Prozentpunkte sinkt, wird aber dennoch vermutlich nicht halten, oder?

Der IWF ist immer der Letzte in der Reihe. Nichts gegen die Ökonomen aus der akademischen Schule, aber die haben wenig Bezug zum Geschehen an den Märkten. Sie argumentieren mit ihren Modellen, mit Input-Output-Rechnungen, aber nicht mit den psychologischen Sentiments oder der Feinfühligkeit von Unternehmen und Märkten. Deshalb sind sie meistens wahnsinnig spät dran.

Also wird es doch stärker abwärts gehen?

Ja, es wird wohl zu Revisionen kommen, aber fairerweise muss man dazusagen: Jeder tappt im Dunkeln. Wir wissen noch nicht, wie viele Produktionsausfälle uns in den nächsten Wochen bevorstehen. Das kann keiner seriös sagen.
Wir fühlen uns derzeit mit unserer Prognose eines Wachstums für die Eurozone von 0,8 Prozent für 2020 noch durchaus komfortabel. Zum Vergleich: Die EZB geht von 1,1 Prozent Plus aus, die EU-Kommission schätzt 1,2 Prozent, der  Konsensus für die Eurozone liegt bei 1,0 Prozent. Falls es tatsächlich zu einer europaweiten Pandemie kommen sollte, würde das die Wachstumszahlen für die nächsten zwei Quartale erfassen. Dann sehen wir eine negative Auswirkung von 0,5 Prozentpunkten für das BIP der Eurozone im Jahr 2020. Danach würde es aber eine starke V-förmige Erholung geben, also ein um rund 0,3 Prozentpunkte höheres Wachstum für 2021. Das basiert auf einem Modellszenario der EU-Kommission für eine Pandemie. Ich gehe aber nicht davon aus, dass wir eine unkontrollierte Entwicklung haben, wie es die letzten Tage befürchtet wurde.

Der ökonomische Schaden passiert aber auch durch überzogene Reaktionen, Quarantäne-Maßnahmen oder Produktionsstillstände, die Ausfälle in den Lieferketten verursachen.

Ja, eines ist schon richtig: Eine geplante Schiffsreise wird man wohl nicht im kommenden Jahr doppelt nachholen. Aber das Geld ist nicht weg, das wird dann vielleicht für dauerhafte Güter ausgegeben. Wichtig ist, dass die Angebotsseite aufholt: Denn aus der Produktion entsteht das Einkommen, sei es als Gewinn oder als Lohneinkommen. Hier sollten sich die Ausfälle wieder kompensieren lassen. Das ist vergleichbar mit einem japanischen Erdbeben: Natürlich müssen erst Aufräumarbeiten erfolgen, damit die Produktion und Infrastruktur wieder hergestellt werden. Aber wenn das passiert ist, ist die Produktivität der neuen Anlagen womöglich sogar höher als zuvor.

Könnte ein längerfristiger Stillstand von Produktionsanlagen bedrohlich werden, weil Unternehmen in Insolvenzen schlittern? Sollte die Europäische Zentralbank dann aktiv werden?

Wenn, dann wäre das keine Frage von Zinssenkungen, sondern von Liquiditätsbereitstellung. Und da wird mit dem Quantitative Easing ohnehin jetzt schon sehr viel gemacht. Aus psychologischen Gründen könnte es Ankündigungen der Zentralbank geben, um zu signalisieren, es ziehen alle an einem Strang. Bei der US-Notenbank, der Federal Reserve, könnte ich mir hingegen schon eine Zinssenkung als Signal vorstellen. Wenn, dann müsste die auch jetzt recht bald erfolgen, denn knapp vor der Präsidentschaftswahl im November in den USA könnte sie nicht mehr aktiv werden: Dann wäre sie in einer politischen Abhängigkeit.

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