Wirtschaft 02.03.2013

Umtriebiges Schneiderlein aus Vorarlberg

KTC, Gerhard Flatz © Bild: KTC

Ein Österreicher will Mode "Made in China" zum Qualitätslabel machen.

Für den Vorarlberger Gerhard Flatz ist Mode „Made in China“ längst nicht mehr Ramsch, der billigst genäht wird. „2002 lag der gesetzliche Mindestlohn für Näherinnen in China bei 35 Euro im Monat, heute bei 140 Euro. Aber um das Geld bekommen Sie heute nicht einmal mehr eine Reinigungskraft“, betont er, dass längst über Tarif gezahlt wird.

Flatz ist seit 2001 Chef des Textilunternehmens KTC, das in der südchinesischen Provinz Guandong für große Marken wie Mammut oder Helly Hansen Funktionskleidung fertigt. 2500 Beschäftigte nähen im Akkord an 800 verschiedenen Modellen im Jahr. Ein Fünftel der Mitarbeiter ist männlich. „Die Ein-Kind-Politik hat uns die Frauen geraubt“, sagt Flatz. Wer kann, versucht seine Kinder gut auszubilden, an der Nähmaschine wollen immer weniger Junge sitzen. Acht von zehn Neuanfängern setzt Flatz nach zwei Wochen wieder vor die Tür, sagt er. Speziell Burschen würden sich am Arbeitsplatz oft mehr dem Handy als der Nähmaschine widmen. „Eine Lost-Generation. Oft Zweitgeborene, in deren Bildung die Eltern nicht mehr viel investieren konnten“, seufzt Flatz.

Karawane zieht weiter

Der 37-Jährige hält aber an seiner Fabrik im chinesischen Heshan fest und will „Made in China“ gar als Qualitätslabel etablieren. Premium-Marken würden nach wie vor in China fertigen lassen – im Gegensatz zu Textilketten, die auf billige Massenware setzen. Deren Karawane sei längst weitergezogen.

Flatz hat gerade das Betriebsgrundstück um zehn Millionen US-Dollar gekauft. „Alle haben gesagt, ich hab einen Klescher“, sagt er. „Es ist aber verrückt zu glauben, dass man wo anders in der selben Qualität produzieren kann“, so sein Standpunkt. Um gute Mitarbeiter zu halten, zahlt er über Tarif, bietet schöne Wohnheime und klimatisierte Fabriken. Die Fluktuationsrate bei den Mitarbeitern ist seit 2005 von 50 auf 20 Prozent gesunken, viele Mitarbeiter sind bereits seit 30 Jahren im Betrieb – eine Rarität, in einer Branche, die von Wanderarbeitern geprägt ist.

Flatz will mit KTC raus aus dem Schattendasein der Produzenten, „Made in China“ reinwaschen und zum Qualitätslabel machen. Seit 2011 arbeitet KTC mit der Fair Labor Association zusammen, die sich die Verbesserung der Produktionsbedingungen auf die Fahnen heftet. „Wir wollen so was wie Intel für Funktionsjacken werden“, schwebt Flatz vor. Künftig solle in seinen Funktionskleidungen „Made in China by KTC“ stehen. Die Marke Mountain Force hat damit bereits begonnen. China habe Potenzial, zur Qualitätsmarke für textile Handwerkskunst zu werden, meint Flatz. Gerade weil die Karawane der Billigproduzenten weiter wandert – auch wegen steigender Umweltstandards.

Allerdings ist auch KTC 1995 mit der Produktion von Massenware weitergezogen – nach Laos, wo das Lohnniveau etwa halb so hoch ist wie in China. Die Fabrik, die auf Arbeitskleidung spezialisiert ist, fertigt mit 3000 Näherinnen 150.000 Arbeitshosen im Monat.

Jacken: Um 153 Euro gefertigt und um 699 Euro in Europa verkauft

Der Vorarlberger Gerhard Flatz will mit seinen Textilfabriken zu den Guten gehören und Transparenz in die Branche bringen. „Eine Marken-Jacke, die ich um 153 Euro ab Hongkong verkaufe, wird in Europa im Geschäft um 699 Euro verkauft“, plaudert er aus dem Nähkästchen. Der Materialwert liege bei zehn Prozent des Kaufpreises, den Endkonsumenten zahlen, die Herstellungskosten inklusive Materialeinsatz bei rund 150 Euro. Im Schnitt verdiene KTC zehn Dollar an einer Jacke. „Bei der Marge gehe ich nicht unter zehn Prozent des Herstellerpreises.“

Eine durchschnittliche Funktionsjacke besteht laut Flatz aus bis zu 30 Materialien, 150 bis 200 Schnittteilen und werde in rund 300 Produktionsminuten gefertigt. Die Bestandteile kommen aus der ganzen Welt: Goretex-Membrane aus Schottland, Merino-Wolle aus Neuseeland, Jersey aus Italien und Frankreich, Reißverschlüsse aus der Schweiz, kann er die Liste scheinbar endlos fortsetzen.

Marken-Schneider KTC

KTC gehört zwei Vorarlberger Familien. Die Wurzeln reichen zurück in die Hochzeit der Textilmarke Mäser. Mitte der 1970er-Jahre starten die Vorarlberger mit der Produktion in Hongkong, 1981 gründeten sie mit Adidas ein Joint Venture und eröffneten eine Textilfabrik in China. Dort nähen heute 2500 Näherinnen für Marken wie Mammut und Mountain Force. Seit 1995 fertigt KTC auch in Laos. Umsatz: Knapp 100 Millionen US-Dollar im Jahr.

Erstellt am 02.03.2013