Wirtschaft
15.06.2018

Kika/Leiner: Benkos Einstieg mit Ausstiegsklausel

Über dem Möbelhaus-Deal des Tiroler Investors René Benko schweben noch viele Fragezeichen

Die Übernahme der Möbelhandelskette Kika/Leiner durch die Signa-Gruppe ist das nächste Husarenstück, das der Tiroler Investor René Benko gemeistert hat. „Ich kann René Benko dazu nur gratulieren, er hat das toll gemacht“, sagt Frank Albert, Chef des unterlegenen Mitbieters und Einkaufszentren-Betreibers Supernova, zum KURIER. „Wir hoffen für die Mitarbeiter, dass das Ganze auch funktioniert.“

Zugleich räumt Albert ein, dass er – im Gegensatz zu Benko – keine Bestandsgarantie für Kika/Leiner angeben hätte können. Das wäre ein zu großes Risiko gewesen. Eine Bestandsgarantie bedeutet allerdings auch nicht per se, dass alle 5500 Arbeitsplätze erhalten werden, sondern nur das Unternehmen.

Kika/Leiner ist ein Sanierungsfall, Einsparungen wird es auch beim Personal geben. Zwar ist der Deal durch die Kika-Leiner-Mutter Steinhoff bereits unterzeichnet, die entsprechenden Verträge sollen aber erst am Montag fertig werden.

Hintertür bleibt offen

Da Steinhoff-Verantwortliche unter dem Verdacht stehen, Bilanzen gefälscht und Gelder illegal abgeschöpft zu haben, hat Signa eine Vorsichtsmaßnahme getroffen. Sollten sich beim Kika-Leiner-Immobilienportfolio etwaige Unregelmäßigkeiten ergeben, kann Benko noch bis Ende Juli aus dem Deal aussteigen. Eine solche Ausstiegsklausel ist bei Notverkäufen üblich.

Außerdem hat Benkos Team noch bis 19. Juni Zeit, eine vertiefte Prüfung der Bücher und Bilanzen von Kika/Leiner vorzunehmen. Bisher war keine Zeit dafür. Signa ist erst am 30. Mai ins Rennen um Kika/Leiner eingestiegen. Der neue Eigentümer hofft nun, dass sich die Nervosität bei Mannschaft und Lieferanten wieder legt.

Wie berichtet, hat Kika/Leiner am Freitag die fälligen Kommunalsteuern gezahlt, jedoch nicht die Lohnabgaben. Die Gebietskrankenkassen wurden um kurzfristige Stundungen ersucht, Signa hat zugleich aber eine Zahlungsgarantie abgegeben. In Sachen Lohnabgaben-Stundung soll auch Bundeskanzler Sebastian Kurz Signa zur Hilfe geeilt sein.

Erst der Beginn der Story

Kika/Leiner soll als Möbelhaus erhalten werden. Die Frage ist allerdings, in welcher Form. Zur Bestandsgarantie und zur Frage, für wie lange diese abgegeben wurde, sind bisher keine Details bekannt.

„Dass es eine österreichische Lösung gibt, ist natürlich begrüßenswert. Aber das ist erst der Beginn der Story. Man muss abwarten, wie es mit dem Unternehmen weitergeht“, sagt Christian Wimmer, Sprecher von 147 Möbelfachhändlern der Garant-Austria und von 129 Raumausstattern der Wohnunion.

Branchenkenner rechnen damit, dass der Immobilien-Tycoon Benko langfristig nicht alle Standorte halten wird. Wenn von den aktuell 46 Standorten in Österreich zehn geschlossen werden, bedeutet das auch die Streichung von ein paar Hundert Arbeitsplätzen. Die Frage ist auch, ob in einer zweiten Runde Konkurrent XXXLutz zum Zug kommt und ein paar Standorte übernimmt. Gegen dieses Szenario werden vermutlich auch die Wettbewerbshüter nicht viel einzuwenden haben, wird gemutmaßt. Die Lieferanten der Möbelhäuser atmen vorerst auf. Sie hatten befürchtet, dass die Marktkonzentration im Möbelhandel weiter steigt. Schon jetzt teilen sich drei Player zwei Drittel des Marktes untereinander auf.

Stephan Fanderl, Geschäftsführer von Signa Retail, gibt zunächst Entwarnung, was drohende Filialschließungen angeht: „Das Unternehmen ist werthaltig. Wir sind uns nach sorgfältiger Analyse absolut sicher, dass das Unternehmen wieder erfolgreich aufgestellt werden kann“, lässt er per Aussendung ausrichten.

Jedenfalls seien die hundert Millionen Euro, die Benko zuschießen will, sicher nicht ausreichend, um das Filialnetz auf den neuesten Stand zu bringen. Der neue Eigentümer muss sich mit dem Investitionsstau auseinandersetzen, der sich in den vergangenen 15 Jahren aufgebaut hat. „Es wird darüber diskutiert werden müssen, ob beide Marken fortgeführt werden“, heißt es aus dem Signa-Umfeld. Es könnte also durchaus sein, dass sich der neue Eigentümer auf die Marke Leiner konzentriert, deren Image weniger angekratzt ist als jenes von Kika.

Außerdem gibt es unter den Signa-Managern die Idee, dass die Karstadt-Standorte in Deutschland womöglich um „Kika/Leiner-Möbel“ erweitert werden. Entsprechende Flächen sind jedenfalls vorhanden. Bisher werden bei Karstadt nur Wohnaccessoires angeboten.

Bei Karstadt das Ruder herumgerissen

In Deutschland sind  Investor René Benko und seine Signa Retail-Gruppe bereits eine große Nummer. Im Dezember 2012/’13 hat Signa die Immobilien der deutschen Karstadt Warenhaus AG und das KaDeWe übernommen, im August 2014 ging dann die gesamte Karstadt-Kette an Benkos Konzern. Zuvor waren die Vorgänger an der Sanierung des angestaubten Handelshauses gescheitert.

Doch der Tiroler schließt keinen Deal ab, ohne ein entsprechendes Konzept zu haben. Dazu kommt, dass er für die operative Geschäfte durchwegs ausgewiesene Experten aus dem Handel an Bord holt. Heute werden Signa Retail und Karstadt vom früheren Rewe- und Metro-Manager Stephan Fanderl gelenkt. Er war Anfang der 2000er-Jahre auch für die Geschäfte von Eurobilla in Wiener Neustadt, der früheren Auslandssparte von Billa/Rewe, verantwortlich. Ihm stehen der Finanzexperte Wolfram Keil (Cerberus, Procter & Gamble) und Dieter Berninghaus (Migros, Rewe, Metro) zur Seite. Seit Herbst 2017 verantwortet Claudia Reinery, vormals Douglas und Galeria Kaufhof, das operative Geschäft von Karstadt.

2,18 Milliarden Euro Umsatz

Mehr als 80 der insgesamt 127 Signa-Retail-Stadtorte entfallen auf Karstadt und 28 auf Karstadt Sports. Im Jahr  2014/’15 setzte das Warenhaus  rund 2,32 Milliarden Euro um und schrieb  65 Millionen Euro Verlust.

In der Folge wurden einzelne Filialen geschlossen und insgesamt 2000 Jobs gestrichen. Seitdem geht es wieder bergauf. Die gröbsten Probleme hat Karstadt  hinter sich. Im Geschäftsjahr 2016/’17 (Stichtag: 30. September) konnte die Karstadt Warenhaus GmbH laut Creditreform das Ergebnis aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT) auf plus 4,6 Millionen Euro gedreht werden. Unter dem Strich wurde erstmals wieder Gewinn geschrieben – nämlich 1,38 Millionen Euro. Heute setzt Karstadt mit knapp 20.000 Mitarbeitern rund 2,186 Milliarden Euro um.