Wirtschaft | Karriere
13.01.2018

Warum das Großraumbüro so schwierig ist

Naht das Ende des Großraumbüros? Ja, geht es nach Hirnforschern, Arbeitspsychologen und denen, die drinnen sitzen. Denn Lärm und die Ablenkung machen Mitarbeiter unproduktiv und krank. Experten fordern bessere Konzepte.

Großraumbüros basieren auf einer noblen Idee: Ohne Wände und Türen sollen Kommunikation und Kreativität besser fließen, neue Zusammenarbeit, etwa mit abteilungsfremden Kollegen, möglich werden. Man will Hierarchien aufheben, Personen und Informationen schneller und leichter zugänglicher machen. Im Silicon Valley schwört man auf Großraumbüros – nicht selten sitzt der CEO selbst mittendrin. Jedes Unternehmen, das heute etwas auf sich hält, entscheidet sich bei einem Neu- oder Umbau dafür. Manche gehen so weit, dass Mitarbeiter sogar keinen fixen Arbeitsplatz mehr haben – jeder kann und soll überall arbeiten. Nicht zuletzt spart so ein Büro Platz und Geld und bleibt Dank seiner offenen Struktur immer flexibel.

Herausforderung

So vielversprechend die Idee des offenen Büros sein mag, so herausfordernd ist ihre Umsetzung. Die Erfahrungswerte zeigen, dass viele mit der offenen Lösung unglücklich sind: Aktuell fühlen sich acht von zehn Mitarbeitern in heimischen Großraumbüros massiv vom Dauerlärm in ihrer Arbeitsleistung beeinflusst, wie eine Umfrage unter 501 Arbeitnehmern und 152 Arbeitgebern einer Job-Plattform zeigt. Mehr als jeder Zweite könne sich nur phasenweise fokussieren und ein Viertel sagt, dass die Konzentrationsfähig ständig eingeschränkt sei. Nur sieben Prozent genießen das Gewusel des Großraums. Einer anderen Studie unter 1062 erwerbstätigen Österreichern zufolge teilen sich zwei Drittel der Menschen, die in einem Büro arbeiten, dieses mit anderen. Im Schnitt mit sieben Kollegen, neun Prozent sitzen in einem echten Großraum. Die Umfrage, die das ideale Arbeitsumfeld erfragen wollte, zeigt aber auf, dass sich niemand aus freien Stücken für dieses Modell entschieden hätte. Jeder Zweite wünscht sich ein eigenes Büro.

Großraum verursacht Stress

Wenig verwunderlich. Denn Wissenschaftler halten Großraumbüro-Lärm für keine Lappalie, sondern für einen echten Stressfaktor. Wir werden alle drei Minuten gestört und brauchen 20 Minuten, um wieder in unseren Gedankengang zu finden, zeigen Untersuchungen. Störungen wie fremdes Telefonläuten, laute Kollegen und Vorbeigehende beeinträchtigen das vegetative Nervensystem und senken unsere Leistungsfähigkeit um bis zu zehn Prozent. Kopfschmerzen, Verspannungen und Schlafstörungen können folgen. Als größter Konzentrationskiller entpuppen sich laut des deutschen Mediziners und Psychologen Markus Meis Gespräche unter Kollegen. Man könne sich nur schwer gegen die Lausch-Versuchung schützen und sie ausblenden – das Gehirn sei automatisch auf Sprachverarbeitung ausgerichtet. Hinzu kommen eng beieinanderstehende Tische, die das Schallempfinden erhöhen.

"Das österreichische Arbeitsrecht sieht puncto Großraum vor, dass ein Raum, in dem Menschen am Computer arbeiten, 50 Dezibel nicht überschreiten darf", erklärt Hildegard Weinke von der Arbeiterkammer. Jedem Mitarbeiter müssten zudem mindestens fünf Quadratmeter Bodenfläche und zwei Quadratmeter freie Bodenfläche zustehen. Der freie Luftraum um einen Arbeitsplatz herum sollte mindestens zwölf Kubikmeter betragen. Auch, wenn Mitarbeitern dieser Platz zugesprochen wird, ist es nicht viel – und die Belastung ist hoch. Studien zeigen: Menschen, die in einem Großraum arbeiten, melden sich häufiger krank.

Umgebung beeinflusst Leistung

Welche Architektur wir zum gesunden und produktiven Arbeiten brauchen, wird gerade vielfach diskutiert. Experten fordern neue Impulse und ein Überdenken des Konzepts Großraumbüro. "Das ist eine Lösung in Einheitsgröße, die niemandem wirklich passt", sagte Zukunftsforscherin Nicola Millard auf der "New Scientist Live"-Konferenz im Oktober. Die Nachteile vom Großraum würden die Vorteile schlicht überwiegen.

Philosoph Christoph Quarch findet: unterschiedliche Jobs und Aufgaben bräuchten unterschiedliche Arbeits-Umgebungen. Im KURIER-Gespräch macht er deutlich, wie sehr unsere Arbeitsumgebung unsere Leistung beeinflusst: "Mehr, als wir uns das ausmalen können." Der Keynote-Speaker und Autor mehrerer Bücher hat sich in seinem neuesten Werk – "Officina Humana – Das Büro als Lebensraum für Potentialentfaltung" – Gedanken über die Zukunft des Arbeitens gemacht. Er sagt: "95 Prozent aller heutigen Büros sind völlig ungeeignet für die zukünftige Arbeitsweise zwischen kreativem Mensch und rechnender Maschine." Profitabilität, Produktivität und Effizienz seien Kriterien, nach denen Unternehmen sich und ihre Gebäude bis jetzt organisiert hätten. "Menschliche Kreativität und Innovationsfähigkeit vertragen aber kein rein funktionales Ambiente mehr. Eine Überdominanz der Funktionalität führt dazu, dass die Menschen immer unglücklicher werden, keinen Sinn mehr erkennen und innerlich kündigen." Wie sollen Büros von morgen also aussehen?

Neue Raumkonzepte

"Wir brauchen mehr Intim- und Privatsphäre, Ruhepole für Rückzug als auch Räume für informelle Gespräche, so etwas wie Kaffeehäuser. Die besten Ideen kommen uns im Gespräch und nicht, wenn wir am leeren Schreibtisch sitzen und von uns eine Idee gebraucht wird – nur funktionieren, das können Roboter viel besser als wir", sagt der Philosoph. "Für kreative Arbeit braucht es keine Legebatterien für kanalisierte Prozesse, sondern mäandernde Flusslandschaften, wo Lebendigkeit gedeiht."

Einige Unternehmen gehen bereits mit diesem Strom und ziehen mitten in ihren Großraumbüros wieder Wände für mehr Ruhe ein. ProSiebenSat.1 PULS 4 etwa, die in Wien im Media Quarter Marx sitzen. "Wir hatten fünf Jahre lang ein sehr großraumbürolastiges Konzept, es gab wenige Einzelbüros. Der Vorteil war, wir waren sehr flexibel. Der Nachteil, dass alles sehr hellhörig war." Man hat also Mitarbeiter-Wünsche eingesammelt und einen Umbau eingeleitet. "Es gibt jetzt neue Arbeits-Bereiche und Meetingräume, wir bauen viele getönte Glaswände ein, schaffen Fokus- und Ruhe-Bereiche und haben sogar eigene Telefonzellen", sagt die Geschäftsleitung Human Resources und Umzugsbeauftragte Birgit Moser-Kadlac. Jeder Bereich hat spezielle Akustik- und Licht-Lösungen. Die rund 500 Mitarbeiter des Hauses sollen ab März 2018 "die ideale Mischform zwischen Offenheit und Rückzug" haben. "Das geht in eine gute Richtung", beurteilt Philosoph Christoph Quarch. Das Bürokonzept der Zukunft wird im besten Fall tatsächlich ein Spannungsfeld sein zwischen Intimität und Kollektivität. "Unternehmen müssen heute mehr als monetäre Anreize bieten. Sie müssen möglich machen, dass sich Menschen wohl fühlen."

Was Mitarbeiter für mehr Ruhe tun

Sie gehören zum Großraum, wie das tägliche Gewusel darin: Kopfhörer. Sie sitzen auf den Köpfen vieler Mitarbeiter, die im Open Space arbeiten.Das Signal an die Kollegen ist ganz klar: Bitte nicht stören, hier wird konzentriert gearbeitet. Kopfhörer und Ohrstöpsel stehen ganz oben auf der Tipp-Liste der Klinischen- und Gesundheits- und Arbeitspsychologin Diana Daphne Bischoff, die helfen, den Alltag in einem Großraumbüro konzentriert zu meistern.

Eine andere Methode, Kollegen seine vorübergehende Unansprechbarkeit zu signalisieren und kürzlich in einem sehr modernen, neuen Großraum gesichtet: eine kleine elektrische Ampel, die am Tischrand steht. Leuchtet sie grün, ist man im zugänglichen Modus, rot heißt „Ruhe, bitte“. Arbeitspsychologin Bischoff hat weitere Tipps, wie man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen kann. Etwa: Sich vorstellen, dass man unter einer Glasglocke sitzt, sich durch innere Bilder und autogenes Training selbst wegdenken. Firmen sollten weiters für echten Sicht- und Schallschutz sorgen, etwa mit Pflanzen oder Glaselementen. Zur Not helfe auch tatsächlich ein „Bitte-nicht-stören-Schild.“

Ein Muss ist im Großraum die gute Kommunikation mit Kollegen. Raumtemperatur, Lautstärke und Lichtverhältnisse sollten mit den umliegenden Kollegen abgesprochen werden, neue Kollegen in den Modus eingewiesen werden. Eine persönliche Tageslichtlampe stört aber sicher niemanden. Sollte sich der Großraum langfristig negativ schlecht auf Stimmung und Leistung auswirken, sei eine regelmäßige Supervision notwendig, um die Konflikte auszuräumen und damit bessere Bedingungen zu schaffen.