Pflege: Vier Wochen für Angehörige

Wenn Angehörige Pflege brauchen, kommen viele in eine schwierige Lage. Wer soll sich um die Liebsten kümmern? Microsoft meint: Die Mitarbeiter, so sie das wollen. Deshalb bekommen alle 114.000 Mitarbeiter weltweit nun vier Wochen zusätzlichen Pflegeurlaub – bezahlt. Wieso? Das beantwortet die HR-Chefin von Österreich, Nina Schmidt.

Mitarbeiter bekommen mehr Pflegeurlaub. Nina Schmidt ist HR-Chefin von Microsoft Österreich

KURIER: 114.000 Microsoft Mitarbeiter weltweit bekommen vier zusätzliche Wochen bezahlten Pflegeurlaub für nahe Angehörige. Wieso?

Nina Schmidt: Microsoft will damit die Mitarbeiter unterstützen, wenn es privat mal eng wird. Bisher hat man sich das immer am Einzelfall angesehen. Aber ich glaube, wenn man diese Pflegewochen explizit anbietet, wenn das geregelt ist, werden mehr Anfragen kommen. Bisher haben sich Mitarbeiter vielleicht nicht getraut zu fragen, weil sie sich gedacht haben, dass das kein Berufsthema ist.

Was kostet diese Maßnahme?

Ich gehe davon aus, dass eine Rechnung aufgestellt wurde, aber ich kenne keine Zahl. Ich denke, man geht davon aus, dass es mehr bringt, als es kostet. Ein Mitarbeiter, der dazu motiviert ist, sein Bestes zu leisten, ist viel wert.

Ist es auch ein Mittel, um die besten Köpfe zu halten und als Arbeitgeber attraktiv zu sein?

Natürlich. Unser CEO Satya Nadella und die globale HR-Chefin Kathleen Hogan sehen hier auch stark die soziale Komponente. Man investiert damit in die Gesellschaft, übernimmt gesellschaftliche Verantwortung.

Die Pflege von Angehörigen ist in der Gesellschaft hauptsächlich als Frauensache verankert. Gehen Sie davon aus, dass sich nun Männer melden werden?

Ich bin gespannt, wie das Verhältnis sein wird. Das ist noch offen. Das war auch so, als wir vor Jahren die Papawochen eingeführt haben, also zwei Wochen bezahlte Väterkarenz. Das wurde gut angenommen. Das Angebot steuert eben die Nachfrage. Die Papawochen haben das Bewusstsein geschärft, dass Vereinbarkeit eine Sache beider Geschlechter ist.

Was kann sich ein Unternehmen erwarten, wenn es solche Zugeständnisse macht?

Natürlich wollen wir ein attraktiver Arbeitgeber sein. Aber Microsoft ist ein sehr leistungsorientiertes Unternehmen. Wir fordern das Beste von den Mitarbeitern, geben ihnen aber auch das Beste. In einer Situation, in der sich Mitarbeiter um die Familie kümmern müssen, können sie nicht das Beste geben. Daher wollen wir ein Umfeld schaffen, wo sie sich für eine schwierige Situation Zeit nehmen können, um danach auch in der Berufswelt wieder ihr Bestes geben zu können.

Sind das Benefits, die Mitarbeiter heute fordern? Sind Incentives wie Dienstautos obsolet?

Ich glaube, was gefordert wird, ist die Flexibilisierung der Benefits. Die Bedürfnisse heute sind sehr individuell. In der idealen Welt würde es einen gewissen Betrag geben und der Mitarbeiter kann sich aussuchen, wie er ihn wann investieren will. Firmen, die das anbieten können, werden in Zukunft klar im Vorteil sein.

Wird so etwas auch von Konkurrenten angeboten?

Mir ist nicht bekannt, dass andere Unternehmen das anbieten.

Welche Bedingungen müssen vorliegen, damit ein Mitarbeiter diese vier Wochen nützen kann?

Die vier Wochen stehen allen zu. Nachdem wir die Pflegewochen gerade erst einführen, ist noch nicht ganz klar, was hineinfällt. Jedenfalls alle serious health issues von nahen Angehörigen – die Grippe vom Freund zählt nicht dazu. Wir verlangen aber keine medizinischen Zertifikate.

Wie kontrollieren Sie, dass Mitarbeiter das Angebot nicht ausnutzen?

Das ist Teil unserer Vertrauenskultur. Wir haben auch ein flexibles Arbeitskonzept. Es geht Microsoft darum, die Mitarbeiter wertzuschätzen. Der Mitarbeiter sollte die Pflegewochen natürlich so früh wie möglich anmelden und dann schaut man, wer die Vertretung übernehmen kann. Denn das Tagesgeschäft läuft nun einmal weiter.

Microsoft hat in den vergangenen Jahren tausende Mitarbeiter weltweit gekündigt. Wie passt das mit so einer Maßnahme zusammen?

Wir haben stark reorganisiert. Das war relevant, um die Besten zu bleiben. Das tut dem Einzelnen weh, aber es schafft die Zukunft und viele neue Arbeitsplätze für viele andere.

(kurier) Erstellt am
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