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Wirtschaft Karriere
10/26/2019

Matthias Strolz: Mit Plan und Kredit ins neue Leben

Matthias Strolz ist Politiker mit Leib und Seele. Trotzdem hat er seine Partei verlassen - es war Zeit für einen neuen Lebensabschnitt. Ein Gespräch über das schwierige erste Jahr danach.

von Sandra Baierl

Neos-Chef Matthias Strolz hat für seinen Rückzug aus der Politik ein zehnseitiges Drehbuch ausgearbeitet. Einen exakten Plan des Abschiednehmens. Diese Idee, nach ein paar Jahren auszusteigen, gab es von Anfang an. Dass er seinen Ausstieg so durchziehen würde, war dann doch verblüffend.

Der Politik folgte eine Phase der Erschöpfung, der Neufindung. Strolz wandte sich wieder stärker seiner Familie und den Kindern zu. Seine Frau baute ein Atelier auf, in dem er nun als Untermieter ein Büro hat. Nach einem Jahr Auszeit ist er seit Anfang 2019 unternehmerisch tätig, berät Firmen, arbeitet fürs Fernsehen. „Ich war ein Jahr lang finanziell nicht selbsttragend, bin ins Risiko gegangen, hab Kredite aufgenommen, aber immer in der Zuversicht, dass alles gut wird“, erzählt er.

Nicht sorgenfrei, aber angstfrei

Wie es ihm dabei gegangen ist? Ob er Existenzsorgen hatte? „Bei diesen Themen bin ich tatsächlich angstfrei. Nicht sorgenfrei, aber angstfrei“, so Strolz. Die Angst sei für ihn ein guter Berater, man müsse sie im Augenwinkel haben, dürfe sich aber nicht von ihr dominieren lassen.

Matthias Strolz spricht bei den NEW WORK SESSIONS von XING am 6. November in Wien. Wir verlosen zwei Karten. eMail bis 30.10. an: karriere@kurier.at, Betreff: XING.

KURIER: Herr Stolz, Sie haben gezeigt, dass man aufhören muss, wenn es noch schön ist, und wenn es genug ist ...

Matthias Strolz: Ja, unbedingt. Ein Blick nach Deutschland zeigt uns ganz klar: die Kanzlerin Merkel hat riesige Verdienste, hat fast Unmenschliches geleistet, aber sie hat das Alte-Männer-Syndrom. Sie weiß nicht, wann es genug ist. Sie weiß nicht, wann sie zu übergeben hat, sie erfüllt nicht eine der größten Verantwortungen, die man in der Politik und in jeder Führungsfunktion hat, nämlich, die Nachfolge gut zu regeln. Das ist einfach ein Job, der wichtig ist. Da wird in Deutschland ein Vakuum aufgehen, das sich gewaschen hat – und das ist tragisch für den ganzen Kontinent.

Merkel verliert also auf ihren letzten Metern.

Sie ist weit über dem Zenit. Dabei hat sie das doch gar nicht notwendig, dass sie jetzt ihr Lebenswerk zerstört. Das hat auch viel mit New Work zu tun, weil Deutschland könnte hier ein Taktgeber sein. Könnte ein Silicon Valley auf europäisch machen. Wir sind aktuell doch eine Lachnummer für China und Amerika, weil wir in Europa so wenig Verständnis dafür haben, den richtigen Rahmen zu setzen für das neue Arbeiten. Das beginnt beim legistischen Rahmen, wo der 12-Stunden-Tag reingehört und die neue Flexibilität. Wir müssen uns da besser aufstellen, Anpassungsleistung betreiben, sonst schlägt der Darwin zu: es überlebt der, der die bessere Anpassungsleistung erbringt auf die jeweiligen Veränderungen.

Ihr Abgang war gut geplant. Sie waren Unternehmer, dann Politiker, sind jetzt wieder Unternehmer. In welche Richtung ist der Wechsel schwieriger?

Es ist beides schwierig. Beides für mich aber schön und stimmig. Ich kann das nicht bewerten. Mein klarer Schritt war notwendig, weil man entschlossen zur Seite treten muss, wenn man das operative Geschäft abgibt. Wie der Altbauer: wenn der übergibt, soll er nicht sagen, die Schweinderl bleiben aber bei mir und einmal in der Woche gebe ich Kommandos aus. Das wäre falsch. Klarheit ist man sich selbst und dem Nachfolger schuldig.

Was gibt und was nimmt die Politik?

Sie gibt Möglichkeiten zur Gestaltung. Was wiederum eine Form der Selbstwirksamkeit ist. Sie nimmt Zeitsouveränität, als Spitzenpolitiker ist man extrem stark fremdbestimmt. Sie nimmt Freizeit, persönliche Intimität, und alle Chancen auf die Balancierung von Beruf und Familie.

Was fehlt Ihnen vom politischen Leben?

Im ersten Moment würde ich antworten: die Möglichkeit zu gestalten. Aber das stimmt nicht, weil ich als Vortragender und Unternehmer und in der Bildungsstiftung und in vielen anderen Bereichen aktiv bin und sehr gestaltend unterwegs bin. Anders als früher, aber immer noch wirkungsvoll.

Wie schnell haben Sie den Ausstieg aus der Politik verkraftet?

Verkraftet hab ich das schnell, weil ich das ja auch sehr selbstgesteuert gemacht habe. Also Pilot war, nicht Passagier. Das hilft in der Verarbeitung sehr. Andererseits muss ich gestehen, ich bin immer noch drin, das Ding ist noch nicht abgeschlossen. Der Wahltag war ganz wichtig, für meine emotionale Abrundung. Ich war zu Hause auf der Couch und bin um 20 Uhr spontan zur Neos-Wahlparty gefahren.

Sie beraten zur Selbstfindung, zu Neuanfang. Wann ist so was notwendig, gibt es dafür Signale?

Da gibt es multiple Signale, aber man muss sie sehen wollen. Der Körper etwa ist ein guter Ratgeber. Bei mir war’s die Bandscheibe. Die ist heute mein Verbündeter fürs Neinsagen, weil ich bin ein Dilettant im Neinsagen.

Das Loslassen ist für viele der schwierigste Teil am Neuanfang. Warum?

Weil die Angst kommt. Was sagt mein Partner, die Mama, der Nachbar, von was werde ich leben? Da kommen viele Ängste. Und die verhaften uns dann im Status quo.

Was ist das Beste an Ihrem neuen Leben?

Dass ich freudvoller und tatsächlicher Pilot meines Lebens bin. Und das Gefühl habe, nur noch Dinge zu machen, die auf meiner Amplitude der Lebensfreude 80 Prozent erreichen. Das ist ein Fortschritt für mich.

Über New Work reden

Matthias Strolz glaubt, dass es künftig noch stärker um den Sinn in der Arbeit gehen wird. Die Generationen Y und Z seien prototypisch dafür, es sei aber allgemein ein gesellschaftlicher Megatrend, der kommen wird. Viele monotone Arbeiten würden  Maschinen übernehmen, mehr Raum für den Menschen also, das zu tun, was Freude bereitet. Wobei: „Die Arbeitsverdichtung wird weiter zunehmen. Es ist nicht die brave new world in rosarot, die da ausbricht. Die Herausforderungen ändern sich, aber auch die Annehmlichkeiten“, so Strolz.

Wir verlosen Tickets

Wer kennt die Spielregeln der neuen Arbeitswelt?  New Work gilt als Megatrend – Paradigmenwechsel, Digitalisierung, War of Talents heute schon permanent präsent. Was das für das Arbeiten und Leben   bedeutet, wird im  Rahmen der NEW WORK SESSIONS von XING am  6. November in Wien diskutiert.  Wer die Top-Speaker, unter anderen auch Matthias Strolz,  erleben will,  kann noch Last-Minute-Tickets kaufen: https://nwx.new-work.se/sessions. Wir verlosen zwei Karten. eMail  bis 30.10. an: karriere@kurier.at, Betreff: XING.

Der Vorarlberger Matthias Strolz (Jahrgang 1973) studierte Internationale Wirtschaftswissenschaften und Politikwissenschaft an der Uni Innsbruck. Schon während des Studiums engagierte er sich politisch. 2000 Trainee in der Industriellenvereinigung, er  arbeitete auch als Unternehmensberater und Moderator.

2003 schrieb er seine Dissertation zum Thema Organisationsentwicklung, 2001 gründete er  ic2 Consulting, ab 2008 war Strolz Geschäftsführer der promitto GmbH. 2012 erfolgte der Wechsel in die Politik: Strolz  gründete die Partei Neos.   2018 stieg er aus der Politik aus, es folgte ein Jahr der Abkühlung und Neufindung. Heute ist Strolz systemischer  Organisationsentwickler, Vortragender, Autor und macht eine TV-Sendung namens „Strolz trifft...“.  

Sein 2019 erschienenes Buch: „Sei Pilot deines Lebens. 5 Schritte zur persönlichen Entfaltung“ (Brandstätter Verlag, Euro 22.-) macht Neuorientierung und Neuanfang zum Thema. Es ist eine Anleitung, den richtigen Weg zu finden.