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Anleitung
02/03/2014

Die Lehre muss besser werden

Das Image der dualen Ausbildung ist anhaltend schlecht. Handeln müssen alle: Betriebe, Lehrlinge, Eltern, Schule, Politik, Regierung, Gesellschaft

von Nicole Thurn

Schon vor dreißig Jahren sagte der Vater zum Sohn: „Wennst nix in der Schule lernst, musst in die Lehre gehen.“ Diese Drohung saß. Eifrig wandte sich der Bub seinen Büchern zu.

Daran habe sich wenig geändert, meint Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. „Die Lehre ist eine Reproduktionsanstalt für das untere Drittel der Gesellschaft.“ Womit der erste von sieben Akteuren genannt wäre, der in der Hand hat, wie es mit der Lehre weitergeht.

1. Die Gesellschaft

Das schlechte Image der Lehre sei „tief in der Sozialstruktur verankert“, meint Heinzlmaier. Auch der Facharbeiter will für seine Kinder sozialen Aufstieg – und der bedeute immer noch eine Abkehr von der Handarbeit: „Immer noch wird geistige Arbeit als privilegiert gesehen.“ Daran sei nur schwer zu rütteln. Doch auch wenn es die Österreicher kaum bemerken: Unser duales Bildungssystem wird weltweit mit bewundernden „Aahs“ und „Oohs“ bedacht. Sozialminister Rudolf Hundstorfer verhandelt mit Griechenland, Spanien, Kroatien und Frankreich über eine Modellregion zur dualen Ausbildung.

Die Lehre muss als das gesehen werden, was sie ist: Eine wertvolle Alternative zur höheren Schule.

2. Die Regierung.

Mit der ab 2016 in Kraft tretenden Ausbildungspflicht und -garantie will die Regierung dafür sorgen, dass Jugendliche bis 18 Jahre im Bildungssystem gehalten werden. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner kann sich vorstellen, dass sich eine Diskussion über eine mögliche Einstellungspflicht für Betriebe entwickelt - sollte das System nicht funktionieren. Die Arbeiterkammer kann der Einstellungspflicht etwas abgewinnen, befürchtet aber, dass viele Jugendliche auf den Lehrstellenmarkt drängen könnten und dann die Qualität der Ausbildung leide. Laut Kritikern reiche die Ausbildungspflicht nicht, es fehle an Fördermaßnahmen für Jugendliche.

Die Regierung muss mehr Maßnahmen setzen, um Jugendliche in der Ausbildung zu halten.

3. Die Unternehmen.

Österreichs Betriebe versuchen verzweifelt, dem Facharbeitermangel Herr zu werden. Da verwundert es schon, dass die Zahl der betrieblichen Lehrstellen von 2008 auf 2013 um 20 Prozent gesunken ist. 40.000 Lehrbetriebe gibt es, laut Wirtschaftsministerium könnten weitere 10.000 Lehrlinge einstellen – sie tun es aber nicht. Auch in der Qualität der Ausbildung gebe es Nachholbedarf, meint IHS-Experte Lorenz Lassnigg: „In Österreich läuft die Lehrausbildung in den Betrieben oft nur nebenbei mit.“ Kleinbetriebe hätten oft nicht die Ressourcen, um die nötige Ausbildungsqualität zu liefern. Und: Die Ausbilder in den Betrieben müssten selbst besser ausgebildet werden, meint Lassnigg. Vorreiter sei die Schweiz.

Im Herbst 2013 setzten die Sozialpartner die Qualität der Lehre auf ihre Agenda: Die Zusammenarbeit zwischen Betrieb und Berufsschule müsse verstärkt, die Firmen bei der Qualitätssicherung unterstützt werden. Auch in Sachen Imagepolitur seien die Betriebe gefragt, sagt Heinzlmaier: „Die Betriebe sollten sich überlegen, wie sie unattraktive Arbeitsplätze wegrationalisieren und attraktivere schaffen können.“

Die Unternehmen müssen mehr Lehrstellen schaffen und die Qualität der Lehrausbildung forcieren.

4. Die Politik.

Gerade österreichische Weltmarktführer monieren, dass es zu wenig gute Lehrberufe für ihren Bedarf gibt. Berufsbilder müssen marktgerecht entwickelt werden – zuständig ist das Ministerium. Heinzlmaier rät, die Lehre mit höheren Abschlüssen zu kombinieren. Die Lehre mit Matura gibt es bereits, sie wird aber zu wenig angenommen. Auch von den FH fühlen sich die Lehrabsolventen zu wenig angesprochen. Um die Lehre aufzuwerten, bietet die Wirtschaftskammer mit der neuen Berufsakademie Lehrgänge an.

Wir brauchen zeitgemäße, attraktive Lehrberufe.

5. Die Schule.

Die Betriebe klagen seit Jahren, dass die Lehrstellenbewerber nicht eins und eins zusammenzählen und keinen geraden Satz lesen können. Das Übel beginnt in der Pflichtschule. Experten fordern seit Jahren eine Schulreform, die auf die individuelle Förderung der Schüler setzt. So könnten fehlende Kompetenzen ausgemerzt und die Chance auf eine Lehrstelle erhöht werden.

Mehr individueller Unterricht und mehr Talentförderung sorgen für bessere Allgemeinbildung.

6. Die Lehrlinge.

40 Prozent der Pflichtschulabsolventen beginnen eine Lehre. Allerdings bricht jeder Fünfte die Ausbildung ab. Jeder Vierte überlegt, nicht zur Lehrabschlussprüfung anzutreten. Noch immer entscheiden sich die meisten Burschen und Mädchen für einen von fünf überlaufenen Lehrberufen. Viele würden einen ungeliebten Beruf ergreifen, weil der Verdienst stimmt oder das AMS dazu rät, meint Heinzlmaier.

Die Jugendlichen brauchen mehr Beratung, mehr Berufsinformation.

7. Die Eltern.

Noch immer sind die Eltern bei der Berufswahl der Kinder die maßgebliche Stimme. Eltern der Mittel- und Oberschicht schicken ihren Nachwuchs reflexartig ins Gymnasium und damit gen Universität. Sie sollten sich fragen, ob es nicht klüger ist, die Wahl der Ausbildung nach den Fähigkeiten des Kindes zu entscheiden. Hier sind auch Lehrer und Berufsberater gefragt.

Die Eltern sollten die Wahl der Ausbildung nach Fähigkeiten und Interessen des Kindes forcieren.

Handel, Heer und Banken suchen

Die Suche nach Lehrlingen ist in den österreichischen Konzernen voll angelaufen. Ab Herbst 2014 werden wieder viele Lehrstellen frei.

Der REWE-Konzern sucht 700 neue Lehrlinge. Zur Auswahl stehen 17 Lehrberufe bei Supermarkt- und Drogeriefachketten wie Billa, Merkur, Bipa, Adeg und Penny. Neben dem Beruf Einzelhandelskaufmann/ -frau werden auch Ausbildungen zum Großhandelskaufmann/-frau, Betriebslogistikkaufmann/-frau, zum Bürokaufmann/-frau oder EDV Systemtechniker/in angeboten. Mehr Infos gibt es unter www.rewe-group.at/karriere.

Die Wiener Industriebetriebe bieten 450 Lehrstellen in 50 Berufen, – von Bäcker/in über Spengler/in bis Verpackungstechniker/in. Bewerbungen sind ab sofort unter www.missionjob.at bis Anfang April möglich.

Für insgesamt 80 Lehrlinge offeriert die Multimedia-Handelskette Media Markt eine Ausbildung zum Multimedia-Fachberater mit Chance auf eine „Lehre mit Matura“. Jährlich werden die Lehrlinge im Multimedia-Seminar über die neuesten Produkttrends informiert. Bewerbung mit Motivationsschreiben und Lebenslauf an: lehrling@mediamarkt.at.

Friseurmeister Bundy Bundy sucht 45 Friseurlehrlinge an allen 18 Standorten. Das Unternehmen bietet die Lehre mit Matura und diverse Weiterbildungen an. Bewerbungen an: lehrling@bundy.at.

Die Wiener Stadtwerke werden mit September 120 neue Lehrlinge in zwölf Lehrberufen aufnehmen, Bewerbungen sind ab sofort möglich. Österreichs größter kommunaler Infrastrukturdienstleister zählt mit mehr als 450 Lehrlingen zu den Top 10 Ausbildungsbetrieben in Österreich. Besonders gesucht sind Lehrlinge für elektrotechnische Berufe und Mädchen in handwerklich/technischen Berufen. Die Lehrlinge kommen in den Konzernbereichen Wien Energie, Wiener Netze, Wiener Linien, Wiener Lokalbahnen, WIPARK, Bestattung und Friedhöfe Wien sowie in der Konzernleitung zum Einsatz. Bewerbungsfrist ist Ende Februar. Bewerbungen online auf: www.wienerstadtwerke.at.

Der größte touristische Lehrlingsausbildner Österreichs, die Verkehrsbüro Group, sucht österreichweit mehr als 40 neue Lehrlinge für die Lehrberufe Hotel- und Gastgewerbeassistent/in, Koch/Köchin, Restaurantfachmann/-frau, Konditor/in und Reisebüroassistent/in. Bis 15. Februar können sich Interessierte für das Lehrlingscasting in Wien bewerben. Weitere Infos: www.karrierevielfalt.at/lehre/castings

Das Österreichische Bundesheer vergibt derzeit rund 28 Lehrstellen in verschiedensten Berufen – darunter: Koch/Köchin, Mechatroniker/in, Kfz-Techniker/in oder Zahnärztliche/r Fachassistent/in. Bewerbungen bis 16. Februar unter lehrlinge.bundesheer.at möglich.

Die Erste Bank sucht aktuell 30 Lehrlinge für die Ausbildung zur Bank- und Bürokauffrau bzw. zum Bank- und Bürokaufmann, eine Doppellehre. In Seminaren werden Umgangsformen und das Ausdrucksvermögen trainiert, dazu gibt es Einzelcoachings, einen eigenen Laptop, die Chance auf den Computerführerschein ECDL und auf Bildungsreisen nach London oder Frankfurt. Bewerbungen an www.erstebank.at/lehre.

Auch Unternehmen sind aufgerufen: Die oberösterreichische Caritas will in Zusammenarbeit mit der Industrie neue Lehrstellen für beeinträchtigte Jugendliche schaffen. Ein erstes Projekt mit drei Betrieben (Rosenbauer, Bilfinger, Trumpf) und zehn Lehrlingen ist im November erfolgreich gestartet, nun sucht die Caritas weitere Lehrbetriebe, Kontaktdaten gibt es auf www.caritas-linz.at.

Wer in Wien partout keine Lehrstelle findet, dem hilft die Kümmer-Nummer weiter: Unter www.kuemmer-nummer.at wird telefonische Beratung zu Schulabbruch, Lehrstellensuche und Ausbildungsmöglichkeiten geboten.