Ministerin Heinisch-Hosek am Verhandlungstisch: Die von der SPÖ forcierte Schulreform zur Mittelschule wird immer öfter als unausgegoren kritisiert

© APA/HERBERT NEUBAUER

Schul-Gipfel
03/26/2014

Neue Mittelschule schaut alt aus

Nach einem KURIER-Bericht will die Ministerin Diskriminierung von NMS-Schülern überprüfen

von Ute Brühl, Bernhard Gaul

Alle neun österreichischen Landesschulratspräsidenten mussten am Dienstag zum Rapport. Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek wollte wissen, in welchem Ausmaß Schüler der Neuen Mittelschule (NMS) benachteiligt werden, wenn sie einen AHS-Platz suchen.
Hintergrund ist ein Bericht des KURIER, dass viele AHS-Direktoren Schüler aus der NMS grundsätzlich ablehnen. Und das, obwohl Ex-Unterrichtsministerin Claudia Schmied, die die NMS-Reform eingeleitet hatte, den Eltern einst genau das Gegenteil versprochen hatte, nämlich dass die Kinder nach vier Jahren mühelos ins Gymnasium wechseln könnten. Jetzt müssen die Eltern feststellen, dass sie betrogen wurden und ihren Kindern eben nicht alle Wege offenstehen.

Ohne Ergebnis

Die Landesschulräte konnten gegenüber der Ministerin dieses Problem offenbar nicht bestätigen. Es gäbe beim Wechsel von Schülern der NMS in eine AHS soweit bekannt keine Probleme. Wenn es zu Abweisungen von NMS-Schülern komme, wurde Heinisch berichtet, dann nur, weil in den fünften Klassen der Gymnasien einfach keine Plätze mehr verfügbar seien. Und das sei fast nur in den in Ballungsräumen beliebten AHS-Langformen der Fall. „Uns ist die Frage der Durchlässigkeit des Systems (die Möglichkeit zwischen den verschiedenen Schultypen zu wechseln) exorbitant wichtig“, erklärte die Sprecherin von Heinisch-Hosek nach dem Treffen. „Wir werden uns jetzt die Antworten der Landesschulratspräsidenten genau ansehen.“ Ob, und wenn ja welche Konsequenzen die Ministerin für das Reformprojekt Neuen Mittelschulen ziehen will, blieb am Dienstag offen.

S.O.S. der NMS: Lehrer klagen über Reformfehler

Während die Politik über die aktuellen Probleme diskutiert, stehen Tausende Lehrer in den Klassenzimmern und müssen das beste aus der Situation machen. Dass Schüler am Ende der NMS (Neue Mittelschule), also mit 14 in der achten Schulstufe, gegenüber AHS-Schülern diskriminiert werden, wird immer wieder bestätigt. Für die NMS-Lehrerin Alexandra Piringer ist das „ein unerträglich Zustand. Die Politik muss das ändern“, fordert sie. Piringer lehrt in der Lerngemeinschaft 15 (LG15) in Wien – einer Alternativschule, die Kinder von der 1. bis zur 8. Schulstufe unterrichtet. Sie hat in ihrem Berufsleben schon einige Schüler auf dem Weg in die Oberstufe begleitet: „Wir setzen auf den Markennamen LG15, denn mit einem reinen NMS-Zeugnis werden die Schüler bei der Anmeldung in höheren Schulen oft schlechter eingestuft als AHS-Schüler, obwohl sie genauso gut sind.“

Aufnahmeprüfungen

Besonders empöre sie, dass „unsere Schüler es sich nicht leisten können, einen pubertären Durchhänger zu haben. Wer einen Dreier oder Vierer im Zeugnis hat, hat kaum Chancen auf einen Platz in höheren Schulen. Dieses Sorgen muss sich ein AHS-Schüler, der lauter Vierer hat, nicht machen. Aufnahmeprüfungen für alle wären gerechter“, fordert die erfahrene Lehrerin.
Dubiose NotenskalaBenachteiligt werden die Schüler etwa durch die Notengebung an den NMS. Dort gibt es in den Hauptfächern eine siebenteilige Notenskala: „Sehr gut“ bis „ Genügend“ auf AHS-Niveau sowie „Befriedigend“ bis „Nicht Genügend“ auf Hauptschulniveau. Die Krux dabei: Während ein AHS-Kind mit einem Fünfer die Klasse wiederholen kann, wird ein NMS-Schüler auf Hauptschulniveau heruntergestuft. Der Weg in höhere Schulen bleibt ihm damit so gut wie sicher versperrt – auch wenn der Schüler nur ein momentanes Leistungstief hat.
„Das ganze Konzept funktioniert nicht so einfach wie manche Politiker das meinen“, stellt Sissi Nielson fest. Prinzipiell, erklärt sie, befürwortet sie die Idee einer gemeinsame Schule. Sie unterrichtet an der Wiener Theodor-Kramer-Straße – eine AHS, die als NMS geführt wird – und sieht darin eine „Chance für Kinder aus bildungsfernen Familien“.

Dennoch gebe es große Probleme bei der NMS: „Es wird zu viel von oben vorgegeben. Wenn die Gesamtschule gelingen soll, braucht es eine echte Autonomie für die Schulen. Denn wir Lehrer haben viele Ideen und würden diese auch gut umsetzen.“
Auch der soziale Mix stimme an vielen NMS-Standorten nicht. „Ehemalige Hauptschulen werden nicht besser, nur weil dort ein paar Professoren unterrichten.“ Das Problem sei, wie eine Klasse zusammengesetzt sei. „Die Schülergruppe hat einen größeren Einfluss auf den Lernerfolg als der Lehrer. Mehr als ein Drittel schwacher Schüler sollten in keiner Klasse sitzen“, sagt Nielson.
Aus diesen Schulen werden dann in der Praxis auch kaum Schüler aufgenommen, obwohl das theoretisch möglich ist. „Als Direktor weiß man bald, an welchen Mittelschulen das Niveau passt und wo nicht“, sagt der ehemalige BORG-Direktor Michael Jahn. „Als Schulleiter reagiert man darauf.“

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