Wirtschaft
07.05.2017

Jetzt greifen Chinas Online-Riesen an

Die Asiaten kamen ihren US-Vorbildern Facebook & Co. bisher kaum in die Quere – das ändert sich gerade.

"Hast du den Schweinereiter und Königsriesen im Deck?" – "Nein, der Lavahund ist viel besser!" Wenn Jugendliche derzeit über seltsame Wesen fantasieren, sollten Sie sich nicht wundern. In Schulhöfen, Wohnzimmern und auf Fußballplätzen grassiert eine Seuche. Der Auslöser ist "Clash Royale", ein Handyspiel mit akutem Suchtfaktor.

Kinderkram? Aus wirtschaftlicher Sicht ganz und gar nicht. Der Entwickler, die finnische Supercell, wird auf 10,2 Milliarden Dollar Firmenwert taxiert. Und: Er gehört seit 2016 dem IT-Giganten Tencent mit Sitz in Shenzhen. Spielziel von "Clash Royale" ist es übrigens, die Türme des Gegners zum Einsturz zu bringen – passt gut zur tobenden Wirtschaftsschlacht.

300 Milliarden wert

Denn chinesische Firmen sorgen nicht nur mit Megadeals für Schlagzeilen – wie der Übernahme des Schweizer Chemiekonzerns Syngenta um sagenhafte 43 Milliarden Dollar. Sie fordern jetzt die USA auf einer Spielweise heraus, die als uramerikanische Domäne galt: Internet und IT.

Tencent ist nämlich nicht nur der weltgrößte Spieleentwickler. Firmenchef Pony Ma Huateng will, dass " China die Technologie-Revolution anführt". Das ist weniger anmaßend, als es klingt: Tencent spielt mit 300 Milliarden Dollar Börsenwert schon in der Liga von Facebook (siehe Grafik) und Co. Und ist wesentlich breiter aufgestellt.

Auch wenn bei uns kaum jemand das Freunde-Netzwerk Renren, Nachrichtendienste wie Weibo und WeChat, die Suchmaschine Baidu oder den Taxiservice Didi Chuxing kennt: Das britische Magazin Economist bezeichnet Chinas Internetfirmen als "Monster mit kräftigen internationalen Ambitionen".

Einige Beispiele: Online-Händler Alibaba wickelt bereits mehr Einkäufe ab als seine US-Rivalen Amazon und eBay zusammen. Wer die aufwändig inszenierten Verkaufsshows mit US-Stars wie Kobe Bryant sieht, ahnt, auf welchen Markt Konzernchef Jack Ma es abgesehen hat.

Der Höhenflug der Asiaten hat mehrere Gründe:

Mit 1,4 Milliarden Einwohnern und steigendem Wohlstand haben sie den größten Konsumenten-Markt der Welt vor der Tür.

ZensurChinas Regierung überwacht den Austausch in sozialen Medien und blockiert unliebige Seiten, sagt China-Expertin Chun-yi Lee von der Uni Nottingham. Einheimische Anbieter können damit umgehen, Google hingegen hat 2010 entnervt den Stecker gezogen und den chinesischen Markt aufgegeben.

FörderungDie Inhalte lässt die Kommunistische Partei nicht aus den Augen, aber den wirtschaftlichen Höhenflug sieht sie mit Wohlwollen – es passt zur Vision "Made in China 2025", mit der die Volksrepublik zur führenden Innovationsnation aufsteigen soll.

Gegenseitiges Belauern

Ein Duell ist entschieden: Der erfolgsverwöhnte Taxiservice Uber trat 2016 sein verlustträchtiges China-Geschäft an den Lokalrivalen Didi Chuxing ab – und sicherte sich eine Beteiligung. Didi-Chef Cheng Wei will mehr: Er hat soeben 5,5 Milliarden Dollar bei Investoren geholt – für die internationale Expansion und Entwicklung von Roboterautos. Andere belauern sich ähnlich: Tencent tat sich in Indiens Onlinehandel mit eBay und Microsoft zusammen ("Flipkart") und kaufte sich Ende März mit 1,8 Milliarden Dollar bei US-Autopionier Tesla ein. Die Ruhe vor dem Sturm? Der Angriff auf den US-Markt scheint nur eine Frage der Zeit.