Der irische Autor James Joyce brauchte keinen Rettungsschirm, seine Landsleute auch nicht mehr.

© AP/Shawn Pogatchnik

Irland: Neuer Charme ohne Schirm
12/15/2013

Irland: Neuer Charme ohne Schirm

Als erster EU-Krisenstaat verließ die Republik den Rettungsschirm.

von Nicholas Bukovec

EU-Vertreter in Brüssel und die Regierung in Dublin bejubeln den „RiesenerfolgIrlands, das am Sonntag als erster EU-Krisenstaat aus dem Hilfsprogramm von EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds ausgestiegen ist. Die meisten Iren lässt dieser Schritt zurück in die finanzielle Unabhängigkeit ihres Landes jedoch kalt.

„Davon habe ich nichts“, klagt der Dubliner Derek Mahony, der seit drei Jahren arbeitslos ist. „Ich bin Vater dreier Kinder und weiß nicht, wie ich Weihnachtsgeschenke für sie bezahlen soll.“ Der ehemalige Warenhaus-Manager macht derzeit eine vom irischen Arbeitsmarktservice finanzierte Umschulung zum IT-Fachmann. „Darin liegt die Zukunft. Das sagen uns jedenfalls die Trainer“, sagt Mahony.

Der gelernte Elektriker Andrew Waters ist seit zwei Jahren arbeitslos. Der Ausstieg Irlands aus dem internationalen Hilfsprogramm kümmert auch ihn wenig. Waters glaubt aber zu spüren, dass es mit seiner Heimat wieder aufwärts geht. „Ich hatte diesen Herbst drei Vorstellungsgespräche, davor nur eines innerhalb von zwölf Monaten“, so der 25-Jährige.

Die Arbeitslosigkeit ist in Irland mit 13 Prozent immer noch vergleichsweise hoch. Seit einigen Monaten geht sie aber leicht zurück. Die weltweite Finanzkrise und eine gigantische Immobilienblase hatten den früheren „keltischen Tiger“ vor fünf Jahren in eine schwere Krise gestürzt. Im Dezember 2010 musste Irland als erster EU-Staat unter den Euro-Rettungsschirm flüchten. Danach folgten Griechenland und Spanien. Nun wird Irland als erster Krisenstaat das Hilfsprogramm verlassen. Es soll der EU damit eine Erfolgsgeschichte liefern.

„Schlimme Not“

„Auf die Gefühlslage der Nation wird sich das nicht auswirken“, meint der fünffache Vater Bruce Harley aus dem Dubliner Vorort Donabate. „Es gibt immer noch zu viele Iren in schlimmer finanzieller Not.“ Seine Frau habe vor einem Jahr ihren Job als Sprachlehrerin im Außenministerium verloren. Ihr Posten sei so wie Tausende weitere im Staatsdienst eingespart worden. „Wir haben schon vor der Krise genügsam gelebt. Daher mussten wir unseren Lebensstil nicht radikal ändern“, sagt Harley. Seine Familie ist eher die Ausnahme. Im Schnitt ist derzeit einer von fünf Immobilienbesitzern im Land, die einen Kredit aufnehmen mussten, mit den Ratenzahlungen im Rückstand.

Harley glaubt, dass die irische Bevölkerung ein kollektives schlechtes Gewissen habe. „Die Menschen wissen, dass sie in den Boom-Jahren über ihre Verhältnissen gelebt haben.“ Daher habe es so wenig Proteste gegen die vielen Sparpakete in den vergangenen Jahren gegeben.

Die Krisenjahre bekam auch Charlene Pigott aus dem nordwest-irischen Ashbourne zu spüren. Die zweifache Mutter arbeitet für eine Wohltätigkeitsorganisation, die Weihnachtsgeschenke für bedürftige Kinder aus osteuropäischen und afrikanischen Ländern organisiert. „Die Spenden brachen vor fünf Jahren total ein. Heuer gab es zum ersten Mal wieder eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr. Das zeigt, dass die Menschen zuversichtlicher geworden sind.“ Ob der Aufschwung von Dauer sein wird, wagt Pigott nicht vorherzusagen. „Wir müssen abwarten und hoffen.“

Irlands Weg

Absturz: Nach Platzen der Immobilienblase 2008: Krise.

Rettung : 2010 schlüpfte das Land unter Euro-Rettungsschirm, um Staatsbankrott abzuwehren.

Aufschwung: Sonntag verließ Irland als erster EU-Krisenstaat das Hilfsprogramm.

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