© Maximilian Meisse

Wirtschaft Immobiz
08/01/2020

Ludwig Mies van der Rohe: Ein Porträt über das Ausnahmetalent

Mies van der Rohe war ein wichtiger Gestalter der Moderne, sein Motto: „weniger ist mehr“. Ein Rückblick auf sein Werk.

von Claudia Elmer

Wer Großes vor hat, plant langfristig: Deshalb legte sich Ludwig Mies das „van der Rohe“ zu.    Er fügte den Mädchennamen seiner Mutter, Amalie Rohe, hinzu und verband die Teile mit einem eleganten „van der“. Denn, so meinte er, mit dem Namen „Mies“ würden „mieses Wetter“ und „miese Architektur“ assoziiert.
Doch diese Sorge war unbegründet. Schnell stieg er zum gefeierten Architekten auf und reihte sich unter namhaften Vertreter der Moderne wie Walter Gropius, Bruno Taut  oder Le Corbusier – ohne je ein Architekturstudium absolviert zu haben.  Mies, Jahrgang 1886, war der Sohn eines Maurers und Steinmetzes aus Aachen. 

Architekt ohne Studium

Im elterlichen Betrieb lernte er  das Steinmetzhandwerk und den Wert guter Materialien kennen. 1905  zog es ihn nach Berlin, wo er  als Zeichner in verschiedenen Architekturbüros arbeitete. 1912 eröffnete er sein  eigenes Büro mit Sitz in Berlin. Mies: „Ich hatte keine Architekturausbildung im herkömmlichen Sinne. Ich arbeitete für ein paar gute Architekten, ich las ein paar gute Bücher – das ist schon alles.“

Weniger ist mehr

Seine Karriere begann  in einer Zeit des Aufschwungs, den  Goldenen Zwanzigerjahren. Der technische Fortschritt war nicht zu stoppen, Frauen trugen Bubikopf und Josephine Baker tanzte nackt den Charleston. Auch neue Kunstrichtungen entstanden: Die sogenannte Neue Sachlichkeit gab mit ihren realistischen Darstellungen den Ton in Kunst, Design und Architektur an.
Weniger ist mehr – so lautete das Credo seines Schaffens.

Praktisch und schnörkellos

Mit  neuen Formen, Grundrissen und Materialien wollte er  auf die Herausforderungen der Moderne reagieren. Sein  Ziel war die praktische, schnörkellose Gestaltung von Räumen und Gebäuden. „Mich langweilt das Zeug, das ich um mich herum sehe. Es hat weder Logik noch Vernunft“, sagte er über die Architektur seiner Zeit. Also dachte er sie weiter.  

Mit Erfolg: Er entwickelte moderne Skelettbauten aus Stahl, die eine hohe Variabilität der Nutzflächen und eine großflächige Verglasung der Fassaden und damit unverhüllte Einblicke in seine Gebäude ermöglichten. Gläserne Ecken  und auf freien Grundrissen basierende  fließende Räume wurden Merkmale seiner Architektur.

Großes Aufsehen erregte er 1922 mit dem Entwurf für ein Glashochhaus mit Vorhangfassade an der Berliner Friedrichstraße. Darauf folgten bald weitere Aufträge: Zu seinen frühen Meisterwerken zählen  die Mehrfamilienhäuser der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung (1927), der deutsche Pavillon für die internationale Ausstellung in Barcelona (1928/29) und die Villa des Ehepaars Tugendhat im mährischen Brno (Brünn, 1930).  Für diese  Gebäude  entwarf er auch  eine Reihe von Möbeln.

Die bekanntesten sind die Freischwinger  der MR-Serie, der Barcelona-Sessel, der Brno-Stuhl, der Tugendhat-Sessel, die Palisanderliege mit Nackenrolle und das Glastischchen mit Kreuzgestell.
1930 leitete er für drei Jahre die Bauhaus-Schule und begann damit seine akademische Lehrtätigkeit. 1938 übersiedelte der dreifache Familienvater in die Vereinigten Staaten, wo er  fortan in Chicago lebte und lehrte.  

Einen weiteren Höhepunkt nahm seine Karriere in den 50er-Jahren: In dieser Zeit entwarf er  das Wochenendhaus einer befreundeten Ärztin: Farnsworth House (1951). Es wird als sein erstes Meisterwerk in den USA angesehen, wurde weltberühmt und befindet sich heute im Besitz des National Trust for Historic Preservation. 1954 erhielt er den Auftrag zur Planung seines ersten Bürohochhauses, des Seagram Building in New York. Es zählt auch zu den Meilensteinen der Architektur.

Kindergarten, Schule, Büro und Fitnessstudio: Während des Lock-Downs war das Zuhause für viele Menschen mehr als nur Wohnraum. Das  führt vor Augen, wie bedeutend guter Wohnbau, eine Stadt der kurzen Wege und großzügiger öffentlicher Raum sind.  Gelungene Beispiele liefert der  Mies van der Rohe Award: Er würdigt herausragende Verdienste im Bereich der Architektur innerhalb Europas.

Der mit 60.000 Euro dotierte Hauptpreis ging diesmal an ein Wohnbauprojekt in Frankreich: Eine radikale Transformation von drei Wohnblöcken aus den 1960er-Jahren in Bordeaux durch die Architekten Lacaton & Vassal gemeinsam mit Frédéric Druot und Christophe Hutin.  530 Sozialwohnungen erhielten durch davor gestellte „Instant-Wintergärten“ mehr Wohnraum. Zugleich dient der Anbau als Klimaschicht und ersetzt gängige Fassadenisolierungen.  So konnte der Plattenbau ressourcenschonend in das 21. Jahrhundert geführt, das Mietniveau beibehalten und die Energiekosten gesenkt werden.  

20.000 Euro für den  Nachwuchspreis erhielten BAST für den Anbau zu einer Dorfschule in Montbrun-Bocage, Frankreich. 

Die Ausstellung „Europas beste Bauten“, die alle zwei Jahre  im Architekturzentrum  in Wien stattfindet, stellt insgesamt 40 der nominierten Projekte vor. Darunter drei aus Österreich: die Bundesschule Aspern von fasch&fuchs.architekten und ein Wohnbau von StudioVlayStreeruwitz in Wien Floridsdorf sowie das Haus der Musik von Erich Strolz und Dietrich Untertrifaller in Innsbruck.

Bis 12. Oktober 2020 tgl. von 10 bis 19 Uhr. www.azw.at

In den letzten Jahren seines Lebens wurde Mies van der Rohe mit Auszeichnungen überhäuft. Ehrendoktortitel, Goldmedaillen von Architektenverbänden und die höchsten Zivilorden der Bundesrepublik Deutschland und der Vereinigten Staaten von Amerika gehören dazu. Die Aufträge für sein Büro wurden immer zahlreicher, vieles überließ er Mitarbeitern und seinem Enkelsohn Dirk Lohan, der Architekt war.  

Am Ende seines Lebens erkrankte er an Speiseröhrenkrebs und starb 1969 in Chicago im Alter von 83 Jahren. Schluss- und Höhepunkt seines Lebenswerks war die Neue Nationalgalerie in Berlin (1965 – 1968).  Sie wird derzeit  von David Chipperfield Architects  saniert und   für  den  modernen Museumsbetriebs adaptiert.