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Wirtschaft Immobiz
11/30/2019

Faszination für verlassene Orte: Sieben leer stehende Bauikonen

Warum keine Menschen mehr darin wohnen und was in Zukunft mit ihnen geschieht.

von Barbara Nothegger

Die Suche nach verlassenen Orten ist für Thomas Windisch eine Sucht geworden. Mehr als 600 Plätze quer durch Europa hat der Fotograf besucht und mit der Kamera dokumentiert. Darunter etwa ein ehemaliges Thermalhotel in Österreich, eine frühere TBC-Heilanstalt in Italien und ein stillgelegtes Bergwerk in Großbritannien. „Wenn ich in ein leeres Haus hineingehe, weiß ich vorher nie, was mich drinnen erwartet. Es ist immer eine Überraschung“, sagt Windisch.

Derzeit ist der Fotograf in der Obersteiermark unterwegs und stößt dort immer wieder auf Abenteuer – zumindest im eigenen Kopf: „Gestern war ich in einem verfallenen Haus. Am Tisch lag ein Brief mit einem Stempel aus dem Jahr 1993, daneben eine Broschüre mit dem Titel ‘Auswandern nach Paraguay’“.

Aus den Streifzügen durch halb verfallene Häuser ist nun ein Buch entstanden, das nun unter dem Titel „Wer hat hier gelebt?“ im Brandstätter Verlag erschienen ist. Es muss aber keine Reise quer durch den Kontinent sein, um der Magie von leeren Gebäuden und den Geschichten der Menschen darin nachzuspüren: Auch in Österreich befinden sich eine Reihe an verlassenen Orten. Wir haben die sieben interessantesten ausgewählt.

1. Postsparkasse von Otto Wagner

Einer dieser faszinierenden Orte ist die ehemalige Postsparkasse, die von Otto Wagner entworfen wurde. Derzeit ist das Gebäude offen für Besichtigungen, weil die Bankangestellten der Bawag im Frühjahr 2018 auszogen und mit dem Umbau erst im neuen Jahr begonnen wird. Und Besuchern tut sich ein wahrer Schatz auf: Die acht Gouverneursräume, sind besonders wertvoll. Die Holzvertäfelungen wurden aus seltenen Hölzern geschnitzt. Lampen, Tische, Sessel und sogar die Schirmständer stammen aus Otto Wagners Feder persönlich. „Die Räume stehen als Ganzes samt dem Mobilar unter Denkmalschutz“, sagt Friedrich Dahm vom Bundesdenkmalamt. „Verkauft werden können die Gegenstände also nicht.“

Diese Woche gab der Eigentümer Signa-Gruppe bekannt, dass aus der Postsparkasse ein Standort für Wissenschaft, Kunst und Forschung wird. Mit 2020 übernimmt die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) die Liegenschaft im Baurecht und bringt vier Institutionen ins Haus: die Akademie der Wissenschaften, die Uni Linz, die Uni für angewandte Kunst und das Museum für angewandte Kunst (MAK). Erste Mieter sollen nach Adaptierungsarbeiten bereits im Herbst 2020 die Räumlichkeiten beziehen. 

2. Bankhaus am Franz-Josefs-Bahnhof

Als der Immobilienentwickler 6B47 die riesengroße Liegenschaft mit der markanten Glasfassade 2018 übernommen hat, war fast alles so wie immer: Die Büros waren noch voll eingerichtet, in den Küchen stand Geschirr in den Regalen und in der Vorstandsetage thronten schwere Ledergarnituren. „Wir haben die Einrichtung zunächst an Vereine und gemeinnützige Organisationen verschenkt“, erzählt Barbara Horstmeier von 6B47.

Außerdem öffnete der Eigentümer kurzzeitig die Pforten für die Öffentlichkeit und bot vergangenen Herbst der Vienna Design Week in den Räumlichkeiten eine temporäre Festivalzentrale. „Das Gebäude war jahrzehntelang so etwas wie eine Trutzburg, wo man nur hinein durfte, wenn man hier arbeitete“, so Horstmeier. „Während der Vienna Design Week kamen viele Menschen, um mal einen Blick ins Innere des Hauses zu werfen.“

Derzeit werden Räume an Initiativen aus dem Grätzel kostenlos zur Verfügung gestellt: Wo früher Banker Kredite prüften, finden heute Schwangerschaftsgymnastik und Qigong-Stunden statt. Im Frühling soll allerdings mit den Bauarbeiten begonnen werden: Das Haus samt Fassade und Innenausbau wird rückgebaut – nur das Stahlskelett bleibt stehen. Bis 2025 errichtet der Immobilienentwickler 6B47 ein gemischt genutztes Stadtquartier mit rund 100.000 Quadratmeter Nettonutzfläche aus Wohnen, Büro, Handel, Hotel, Serviced Apartments und Gastronomie.

3. Sophienspital in Wien-Neubau

Viele Immobilienentwickler stellen ihre leeren Gebäude für temporäre Nutzungen, vor allem für Kunst- und Kulturveranstaltungen, aber auch für soziale Zwecke zur Verfügung. Allerdings bedeutet das immer einen gewissen Mehraufwand für die Besitzer: Wasser und Strom müssen vorhanden sein sowie die Gebäude gesichert werden. Für die Sicherheit der Gäste – Stichwort Brandschutz und Fluchtwege – sind die Veranstalter aber meist selbst zuständig. „Normalerweise verlangen wir bei Zwischennutzungen nur die Betriebskosten“, so Nicole Büchl vom Wohnfonds Wien. Bei den Gebäuden, die im Besitz des Wohnfonds Wien stehen wie etwa das Sophienspital in Wien-Neubau, wird sogar gezielt nach Zwischennutzungen gesucht.

Anfang Dezember wird dafür ein Konzept präsentiert. Bis Ende April wird jedenfalls eine Wärmestube in Kooperation mit dem Fonds Soziales Wien am Areal eingerichtet. Derzeit läuft ein Bauträgerwettbewerb für das Sophienspital für geförderte Wohnungen bis zum Sommer 2020. Bis klar ist, wie das neue Wohnquartier aussehen soll, werden Teile des Areals an Start-ups und Kulturschaffende zwischenvermietet – für mindestens ein Jahr.

4. Bürohaus in der Lassallestraße

Doch warum werden schöne, alte Häuser überhaupt verlassen? In den vergangenen Jahren wurden in Wien repräsentative Bauten vor allem deswegen aufgegeben, weil Unternehmen aus dem Bank- und Finanzsektor ihre Standorte in eine große Unternehmenszentrale gebündelt haben. Alleine die Bank Austria hat durch den Umzug in den neuen Austria Campus am Nordbahnhof-Gelände gleich mehrere große Bauten aufgegeben: etwa das neoklassizistische Haus am Schottentor oder ein riesiges Bürogebäude in der Lassallestraße in der Leopoldstadt.

 

2018 erwarb die Immobilienfirma Imfarr das mit mehr als 110.000 Quadratmetern Nutzfläche Bürogebäude beim Praterstern. Derzeit steht das Gebäude leer. Kommenden Frühling starten die Bauarbeiten für die Sanierung des Hauses. „Aufgrund einer nachhaltigen Stadtentwicklung und ökologischer Aspekte wurde die Entscheidung getroffen, die Gebäude von Grund auf zu sanieren, statt sie abzureißen und Neubauten zu entwickeln“, heißt es dazu auf Anfrage aus der Imfarr. Bis 2022 entstehen moderne Büroräume mit begrünten Innenhöfen und bepflanzten Vorplätzen. 

5. Belle Epoque in Bad Gastein

Der Inbegriff für einen verlassenen Ort ist wohl der Salzburger Wintersportort Bad Gastein. Mitten im Zentrum, gleich beim berühmten Wasserfall, stehen seit mehreren Jahren drei Belle-Epoque-Gebäude leer: Das Hotel Straubinger, das Badeschloss und das k. und k. Postamt. Im Inneren stehen noch alte Stühle, Geschirr, Betten – und verstauben. Doch dieses Bild ändert sich demnächst:

Vergangenes Jahr kaufte die Münchner Hirmer-Gruppe die drei historischen Bauwerke und revitalisiert sie bis 2023. „Wir wollen den Spirit der Geschichte erhalten,“ sagt Markus Kaplan von BWM-Architekten. Im Hotel Straubinger etwa sollen die großteils gut erhaltene Bausubstanz, Teile des historischen Interieurs und der mondäne Speisesaal erhalten werden und in das Gesamtkonzept einfließen. Damit wird die Vergangenheit mit der Gegenwart verbunden.

6. Ehemaliges Handelsgericht

Diesmal aber wirklich: In Wiener Immobilienkreisen macht das Gerücht die Runde, dass eine Fünf-Stern-Hotelkette aus dem asiatischen Raum in das ehemalige Handelsgericht in der Riemergasse in der Innenstadt einzieht. Eine gewisse Vorsicht bei derartigen Ansagen ist insofern angebracht, da seit dem Verkauf des Hauses 2004 an eine holländische Immobilienfirma ähnliche Gerüchte bereits im Umlauf waren. Passiert ist seitdem allerdings nichts, das Gebäude steht leer.

Das sechsgeschoßige Amtsgebäude, das Architekt Alfred Keller 1908 plante, steht unter Denkmalschutz. Kürzlich wechstle der Eigentümer erneut: die Schweizer Investorengruppe Brisen Group ist nun Besitzer. Erste Umbauarbeiten haben schon begonnen.  

7. Zaha-Hadid-Haus am Donaukanal

Damals, bei der Eröffnung 2006, war das Stelzenhaus an der Spittelauer Länder am Donaukanal ein echter Vorzeigebau: Von der britischen Star-Architektin Zaha Hadid entworfen sollte ein urbaner Stadtteil am Gelände entstehen. Auch die Stadt Wien finanzierte den zehn Millionen Euro  teuren Bau mit.  Eigentumswohnungen, Miet-Apartments und Lokale waren geplant. Die Vermarktung gelang nur schwer und ein Jahr später meldete der Bauträger SEG Insolvenz an.

Seitdem waren mehrere andere Nutzungen im Gespräch – ohne Erfolg. Im Frühjahr erwarb die Immobilienfirma „ZA-HA 10 Immobilien GmbH“ das Star-Architekten-Gebäude. Geplant ist die Vermietung von 700 Quadratmeter Büro- und Gewerbeflächen, sowie Wohnungen.