Experten-Tipps gegen lästigen Lärm

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Kinder halten sich die Ohren zu, wenn sie etwas nicht hören wollen. Sich vor Lärm verstecken, funktioniert tatsächlich.

Es funktioniert tatsächlich. Man kann sich vor Lärm verstecken. Auch wenn er direkt vor der Haustür lauert.

Die Briten zeigen es vor. Dass sie uns in Sachen Gartenpflege einiges voraus haben, beweisen millimetergenau geschnittenes Gras, perfekt geformte Rosen und das Prinzip des „Sunken Garden“ (deutsch: gesunkener Garten). Dabei löst ein einfacher Trick den Straßenlärm in Luft auf – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. „Schall bewegt sich kreisförmig. Wenn beispielsweise ein Sitzplatz im Garten unter der Lärmquelle liegt, schwebt dieser über den Köpfen der Bewohner hinweg“, erklärt Gartenarchitekt Clemens Lutz. Da aber nicht der gesamte Garten tiefergelegt werden kann, muss Lutz einfallsreich sein, wenn er dem Schall entkommen will.

Zwei Methoden funktionieren immer, um den Lärm zu stoppen. Das sei erstens Gewicht. „Umso schwerer eine Mauer ist, desto besser hält sie den Schwingungen stand. Beton, Stein, Kies und auch ein Erdwall haben viel Masse und sind daher sehr resistent gegen Lärm“, erklärt der Gartenarchitekt.

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© Bild: Clemens Lutz

Aus den Augen aus dem Sinn

Der zweite Faktor sei die psychologische Komponente. Das bestätigt auch Holger Waubke, Experte für physikalische und numerische Akustik am Institut für Schallforschung der ÖAW in Wien. Diese Komponente funktioniert nach dem Motto: Wenn ich die Lärmquelle nicht sehe, kommt es mir auch nicht laut vor. „Faktisch filtert eine Hecke oder auch eine Holzwand kaum Lärm. Sogar ein Bannwald hat rein psychologische Wirkung“, erklärt Waubke. Ein Unterschied sei erst dann messbar, wenn dichtes Gebüsch eine Länge von mindestens 50 Metern umfasst. Wenn man die Lärmquelle aber unsichtbar macht, ist das Geräusch automatisch nicht mehr so nervig“, erklärt er. Wie intensiv dieser Effekt ist, zeigt sich, wenn Bäume am Straßenrand entfernt werden. „Dann gehen bei den Gemeinden immer sehr viele Lärmbeschwerden ein, obwohl es theoretisch nicht lauter geworden ist“, sagt Waubke. Für optimalen Lärmschutz kombiniert Gartenarchitekt Lutz das Prinzip des „Sunken Garden“ gern mit einer Hecke oder einem Paravent aus Pflanzengruppen.

Welcher Schallschutz angewandt wird, sei aber schlussendlich immer eine Kontext- und Kostenentscheidung. „Manchmal passen auch Betonwände sehr gut, oder eine Trockensteinmauer“, sagt der Gartenarchitekt. Es ist seine gestalterische Aufgabe, diese einzelnen Elemente zu kombinieren, gekonnt in Szene zu setzen oder auch zu verstecken.

Alles oder nichts?

Am Beginn steht die Frage, ob man das gesamte Grundstück abschallen will, oder nur einen bestimmten Platz. Laut Lutz wollen viele Menschen das Gefühl des Eingemauertseins vermeiden und entscheiden sich deshalb für Holz-Palisaden oder einen Paravent.

„Das sind kleine Wandstücke, die ein sehr schönes raumbildendes Element bilden und so eine Sitzecke aufwerten“, erklärt Lutz. Er arbeite gern mit Eichenplatten und Blechen, aber auch Holz, Stein und Kunststein. Das einzige Material, das er vermeidet, ist Glas. „Es würde sich gut eignen, aber ich verwende es ungern. Es ist sehr empfindlich, für die Vögel eine Gefahr und für mich persönlich uninteressant“, so der Gartenarchitekt.

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© Bild: Clemens Lutz

Nach innen orientieren

Um dem Lärm zu entkommen, könne man sich im Wohnraum auch nach Innen orientieren und dort Räume schaffen, die Ruhe und Licht spenden. „Es gibt unzählige Möglichkeiten, um den Lärmpegel in den Griff zu bekommen, das ist eine davon“, erklärt Günter Katherl von Caramel architekten.

Angefangen von unzähligen technischen Maßnahmen, wie doppelten Fassaden und Lärmschutzfenstern, die allerdings nur geschlossen ihren Zweck erfüllen, könne man sich auch bei alten Häusern viel abschauen. Doppelte Fensterscheiben und die Fensterbank, genauso wie Holzläden, dienten damals wie heute dem Temperatur- wie Schallschutz. Auch die Abdichtung der Fenster sei essenziell.

Der erste Schritt beginne aber beim Grundriss. „Das Haus kann beispielsweise so ausgerichtet werden, dass es selbst zur Schutzwand wird, indem man es dreht und die wichtigsten Öffnungen nicht in Richtung Straße gehen“ erklärt der Architekt seine Vorgehensweise. Er bewege sich bei der Planung immer von innen nach außen.

Wichtig sei es, zwischen dem Auslöser des Schalls und dem Wohnbereich so viele Schichten wie möglich zu schaffen, um die Geräusche aufzuspalten und sukzessive zu verringern. „Diese Mehrschichtigkeit setzt sich auch vor dem Haus fort“, erklärt der Architekt weiter.

Technische Lärmschlucker

Gegen laute Nachbarn empfiehlt Holger Waubke einen Absorber im Wohnraum auszustellen. „Diese Elemente wandeln Lärm in Wärme um“, erklärt der Wissenschaftler. Wand- und Deckenverkleidungen, wie akustische Lochdecken seien ebenfalls sehr wirkungsvoll. „Der Schall wird quasi in den Löchern durch Reibung reduziert“, so Waubke. Ebenfalls hilfreich gegen feiernde, Gitarre-spielende oder einfach nur schwerfüßige Nachbarn, sind Vorsatzschalen an den Wänden. „Das sind Stellwände mit Gipskartonplatten, die zwischen fünf bis zehn Zentimeter dick sind und den Schall nicht durchlassen“, so Waubke. Das funktioniere übrigens in beide Richtungen.

Die technischen Möglichkeiten seien ohnehin unbegrenzt. Auch wenn Architekt Katherl nur zu diesen greift, wenn es keine andere Möglichkeiten gibt. „Die Auswirkungen auf die Umgebung sind meist enorm und es macht wenig Sinn eine Wand zu bauen, wenn ich den Lärm damit zum Nachbarn werfe“, erklärt er. Dieses Prinzip verfolge er auch, wenn die Lärmquelle erst nach dem Bau entstanden ist. „Man kann sich auch im Haus umorientieren und die Küche eventuell dorthin planen, wo vorher das Schlafzimmer war, wenn man damit mehr Ruhe hat“, sagt der Architekt weiter.

Es wäre sogar möglich, ein Haus mitten auf einer Verkehrsinsel zu bauen und das architektonisch auszunützen, indem man sich nach Innen orientiert.

Eine Formel, die immer gelte, gebe es nicht. Darin sind sich alle Experten einig. „Man muss sich jede Situation individuell anschauen“, so der Tenor.

http://www.clemenslutz.eu/

( kurier.at , jb ) Erstellt am 10.05.2018