IBM-Österreich-Chefin Patricia Neumann.

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Wirtschaft
08/26/2019

IBM-Österreich-Chefin: "Niemand meldet so viele Patente an"

Für Patricia Neumann ist der radikale Umbau des Konzerns alternativlos. Bezüglich Digitalisierung muss Österreich noch einiges tun.

von Wolfgang Unterhuber, Martina Salomon

Vom Hardware-Riesen zum Service-Anbieter: IBM versucht seit Jahren, sich neu zu erfinden. Im Vorjahr trug der Umbau Früchte. Erstmals seit 2011 steigerte der US-Konzern seinen Umsatz. Und zwar um ein Prozent auf 79,6 Milliarden Dollar (71,7 Mrd. Euro).

Konzernchefin Virginia Rometty richtet IBM auf das Geschäft mit der externen Speicherung von Computerdaten (sogenannte Cloud-Dienste), Datenanalyse-Lösungen und Dienstleistungen rund um Cybersicherheit aus. Für Aufsehen sorgte zuletzt der Kauf des Software-Spezialisten Red Hat um 34 Milliarden Dollar (30,6 Milliarden Euro). Es handelte sich dabei um die teuerste Übernahme in der über 100-jährigen Firmengeschichte.

Zum Konzernumbau, aber auch zu Themen wie Digitalisierung und Fachkräftemangel, sprach der KURIER mit IBM-Österreich-Chefin Patricia Neumann.

KURIER: Nach über zehn Jahren im Ausland sind Sie seit zwei Jahren wieder in Österreich. Ist Ihnen da nicht schon wieder fad?

Patricia Neumann: Nein (lacht). Ich bereue keinen einzigen Tag, den ich wieder hier sein kann.

Wo steht denn Ihrer Meinung nach Österreich bei der Digitalisierung?

Als ich nach Österreich zurückgekehrt bin, habe ich persönlich die Erfahrung gemacht, dass doch ein gewisser Level erreicht wurde. Laut diversen Studien sind wir im internationalen Vergleich auch im oberen Drittel. Aber an der Spitze sind wir nicht, sondern befinden uns etwa hinter der Schweiz oder Deutschland.

Woran liegt das?

Ich denke, dass das Thema Digitalisierung hierzulande strategisch in den unterschiedlichsten Facetten intensiv behandelt wird. Aber die Umsetzung ist dann ein anderes Thema.

Die letzte Regierung hatte sogar ein eigenes Digitalisierungsministerium. War das echt oder nur eine Hülse?

Das Bekenntnis zur Digitalisierung war sicher ein richtiger Schritt. Dass man das mit einem Ministerium sozusagen institutionalisiert hat, war ein Schritt in die richtige Richtung. Darüber hinaus muss aber wie schon gesagt eine politische Absicht auch umgesetzt werden. Dafür braucht es Investitionen.

Was sagen Sie dazu, dass wir jetzt de facto keine Regierung haben?

Für uns und unsere Kunden in der Wirtschaft dreht sich das Rad weiter.

Sie brauchen also nicht dringend ein Gesetz, das Ihnen das Leben leichter machen würde?

Nicht wirklich.

Sie brauchen Fachkräfte?

Ja. Wir suchen ständig Expertinnen und Experten. Etwa für die Bereiche Künstliche Intelligenz, Cyber-Security oder Quanten-Computing. Aber da ist der Markt leer gefegt.

Von welcher Größenordnung reden wir da?

In den vergangenen zwei bis drei Jahren haben wir in unserem IBM Client Innovation Center in Österreich über 100 neue Jobs geschaffen.

Was müssen Bewerber können?

Wir suchen junge Menschen, die noch in der Ausbildung sind. Etwa an der Technischen Uni oder an der Wirtschafts-Uni. Seit heuer haben wir auch das Programm „Master@IBM“. Das richtet sich an Leute, die aktuell in einem Masterstudium sind und die bereit sind, nebenbei 20 Stunden die Woche zu arbeiten.

In der Vergangenheit hat IBM immer wieder Beschäftigte in größerem Stil abgebaut. Stehen weitere Abbau-Programme bevor?

Ich sage es so: Wir strukturieren laufend um, um die Anforderungen unserer Kunden bestmöglich zu erfüllen. Wir haben uns ja auch in der Vergangenheit immer von Geschäftsfeldern getrennt. Das hatte natürlich personelle Konsequenzen.

Das heißt umgekehrt aber auch, dass wir in unseren neuen Bereichen laufend neue Mitarbeiter suchen und aufnehmen. Wir haben heute nicht mehr den PC, den wir 1981 erfunden haben, und uns überhaupt vom Konsumentengeschäft nahezu verabschiedet. Wir sind heute Dienstleister für Unternehmen und suchen dazu Personal mit entsprechender Qualifikation.

Wie viel Hardware ist bei IBM noch übrig?

Wir sind heute noch zehn Prozent Hardware und 90 Prozent Dienstleitung und Software.

Aber wofür steht IBM heute? Ein Satz bitte.

Wir sind der Partner für Firmen auf ihrer Reise in die Welt der Digitalisierung.

Wer sind Ihre Kunden?

IBM kommt traditionell ja aus der Welt der Banken und Versicherungen. Das ist noch immer so. Keine internationale Großbank der Welt kommt heute ohne IBM-Technologie aus. In Österreich betreuen wir darüber hinaus Industrieunternehmen und natürlich auch den öffentlichen Sektor.

Mit dem Auftrag für das Arbeitsmarktservice hatte IBM aber Probleme. Wie ist da der Stand?

Dazu kann ich nur sagen, dass wir in einer aufrechten Kundenbeziehung sind.

Ihre Konzernchefin Virginia Rometty sagt, dass der Umbau des Konzerns gelungen sei. Finanzanalysten sind sich da nicht so sicher.

Das sind wahrscheinlich Einschätzungen, die sich auf die Übernahme des Softwareherstellers Red Hat beziehen. Das Unternehmen besetzt die Themen Cloud und Open Source: Das passt gut zu IBM.

Aber noch einmal: Warum soll die Totalumwandlung gelingen?

Wir haben das Portfolio in den vergangenen 25 Jahren komplett gedreht. Das muss man erst einmal schaffen. Aber ein Punkt ist viel wesentlicher: IBM investiert enorm viel in Forschung und Entwicklung. Jährlich sind es über fünf Milliarden Dollar. Ich formuliere es sehr salopp: Jemand auf dieser Welt muss die ganze Technologie schließlich auch erfinden. Und ich behaupte: Wir von IBM sind hier führend.

Haben Sie Zahlen, die das belegen?

Wir haben in den USA seit nunmehr 26 Jahren ununterbrochen die Patent-Führerschaft inne. Niemand meldet so viel Patente an wie wir. Derzeit liegen wir in den USA bei 9.100 Patentanmeldungen. Jährlich wohlgemerkt.

Was unterscheidet IBM im Match um die Unternehmenskunden von der Konkurrenz?

Damit eine Unternehmens-IT verlässlich funktioniert, müssen die Daten dort bleiben, wo sie sind. Unsere Lösungen sind da absolut verlässlich. Das unterscheidet uns wesentlich von anderen Anbietern. Die Daten eines betreffenden Unternehmens bleiben Daten des betreffenden Unternehmens. Und wenn dieses Unternehmen Erkenntnisse aus diesen Daten gewinnt, dann bleiben diese Erkenntnisse auch Erkenntnisse des Unternehmens.

IBM-Mitarbeiter waren früher eine eingeschworene Gemeinschaft. Gibt’s das noch? Es gibt sicherlich so etwas wie Stolz. Stolz für ein Unternehmen zu arbeiten, das die technologische Entwicklung auf unserem Planeten wesentlich vorantreibt. Aber IBM ist keine Insel. Bei Projekten arbeiten wir heute mit vielen Partnerunternehmen zusammen, weil bei der technologischen Komplexität der Dinge einer allein längst nicht mehr alles bieten kann.

Abschließend eine Image-Frage: Wenn man mit jungen Leuten redet, so finden viele Microsoft, Google oder Facebook cool. IBM eher nicht so. Wie erklären Sie sich das?

Das kommt wahrscheinlich daher, dass wir heute ein Anbieter für Unternehmen sind und kein Konsumentengeschäft mehr betreiben. Deshalb nimmt man uns nicht so wahr wie die großen B2C-Player. Dabei ist unser Alltag sehr stark von IBM geprägt.

Wo zum Beispiel?

In ganzen Bankgeschäft oder im Flugverkehr. Überall steckt Technologie von IBM dahinter.

Zur Person:

Die gebürtige Wienerin und studierte Wirtschaftswissenschafterin Patricia Neumann übernahm am 1. Oktober 2017 die Geschäftsführung von IBM Österreich (mit ca. 1.000 Beschäftigten) nach mehr als zehn Jahren internationaler Konzernkarriere, die sie unter anderen nach London, Mailand und Deutschland führte. Ihre Karriere begann Neumann übrigens parallel zu ihrem Studium 1995 bei IBM Global Financing in Wien.