Tony Jin Yong, Huawei-Repräsentant bei den EU-Institutionen in Brüssel

© Dorian Lohse

Interview
10/27/2021

Huawei unter US-Druck: "Ganz sicher werden wir überleben"

Chinas erster Weltkonzern muss wegen der US-Sanktionen einen tiefen Fall verkraften. Mit neuen Geschäftsfeldern hofft Huawei durchzuhalten - und darauf, dass Europa dem Druck aus den USA standhält

von Ingrid Steiner-Gashi

Ein Stockwerk im lichtdurchfluteten Bürogebäude in Brüssels Europaviertel gehört Huawei. Die vier anderen Google.

Wer so nah beinander logiert, müsste eigentlich bestens vernetzt sein. Das war auch so – bis die US-Regierung dem amerikanischen IT-Riesen 2019 verbot, mit dem chinesischen Konzern zusammenzuarbeiten. Weitere US-Sanktionen gegen den  groß gewordenen Konkurrenten aus China folgten.

Die Folge: „Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Lage“, schildert Tony Jin Yong. Huaweis Vertreter bei den EU-Institutionen im KURIER-Interview über Umsatzeinbrüche, politischen Druck aus Washington und Spionagevorwürfe.

KURIER: Wird es Huawei in fünf Jahren in Europa denn noch geben?
Tony Jin Yong:  Es ist wahr, wir befinden uns in einer sehr schwierigen Lage. Früher hat das Konsumentengeschäft etwa mit Handys mehr als 50 Prozent der Einnahmen ausgemacht. Jetzt versuchen wir unsere Geschäftsfelder zu diversifizieren: Wir weiten unsere Ausgaben in Forschung und Entwicklung extrem aus – im Vorjahr waren es 18 Milliarden Euro, heuer werden es sogar 20 Milliarden Euro sein. Das bedeutet: Wir haben Vertrauen in die Zukunft – und in Europa.  Weil die USA uns verbietet, in Amerika zu investieren, verlagern wir derzeit jährlich 600 Millionen Euro von den USA nach Europa. 30 Prozent davon gehen in die Grundlagenforschung.

Huawei wird also überleben?
Ganz sicher werden wir überleben. Aber die Lage ist schwierig.

Der Verkauf von Huawei-Smartphones ist in Europa völlig eingebrochen ...
Ja, wir können keine Smartphones mehr verkaufen, weil wir in Folge der US-Sanktionen von der Lieferung von Halbleitern abgeschnitten sind. Wir versuchen diesen Einbruch auszugleichen. Etwa im Cloud-Business, bei digitaler Energie und noch mehr. Aber in vollem Umfang können wir das nicht kompensieren.

Huawei
Der Telekomausrüster Huawei ist der erste chinesische Konzern von Weltrang. Das Unternehmen ist mit seinen fast 200.000 Mitarbeitern  in 170 Ländern aktiv.  Gegründet wurde es 1987 vom Ingenieur und ehemaligen Offizier der Chinesischen Volksarmee, Ren Zhengfei, in Shenzhen. Begonnen hat das Unternehmen mit dem Import von Telefonanlagen aus Hongkong und deren Verkauf an chinesische Behörden.

108 Milliarden Euro
betrug Huaweis Umsatz 2019: Es war  das letzt gute Geschäftsjahr. Dann kamen die Pandemie, aber vor allem die Sanktionen der  USA gegen den chinesischen Konkurrenten Huawei zum Tragen.

Druck aus den USA
Washington hat Huawei seit Frühling 2019 mit Sanktionen vom Bezug leistungsfähiger Chips abgeschnitten.  Zudem  verbietet die US-Regierung dem IT-Riesen Google, Geschäfte mit Huawei zu tätigen. Das bedeutet: Wer ein Huawei-Handy kauft, muss ohne Apps von Google auskommen.  

 

Der Vorwurf der USA lautet, dass Huawei von Peking künftig gezwungen werden könnte, für den Staat oder die Kommunistische Partei zu spionieren..
Das ist absolut falsch. Huawei ist eine unabhängige Firma im 100-prozentigen Besitz ihrer Mitarbeiter. Und Chinas Autoritäten haben  versichert, dass es für Huawei  keinerlei Informationspflicht dieser Art gegenüber dem Staat gibt.

Ich möchte eines klarstellen: Wenn wir unsere Kunden, meist Telekomanbieter; beliefern, haben wir keinen Zugang zu den User- oder Netzwerkdaten. Wir liefern nur die technischen Unterlagen, aber das ganze Wissen liegt bei den Telekomunternehmen.

Das ist vergleichsweise wie bei einer Pipeline. Wir bauen sie, achten auf  Sicherheit, auf eine gute Verbindung der Teile – aber was drinnen fließt, sei es nun Öl, Wasser oder Gas – das wissen wir nicht. Wir haben also gar kein Wissen von den Daten.

Einige Staaten geben dem Druck der USA nach: Großbritannien  wirft Huawei geradezu raus,  Frankreich und Schweden wollen künftig beim 5-G-Ausbau auf Huawei verzichten. Deutschland überlegt noch, Österreich ebenso. Wie viele EU-Staaten werden Huawei künftig  stoppen?
Die meisten europäischen Staaten haben noch nicht entschieden, und sie wollen sich auch in ihrer digitalen Souveränität nicht dreinreden lassen. Ich rate nur, die amerikanischen Vorwürfe gegen Huawei zu überprüfen: Es gibt kein einziges Indiz oder Beweis dafür, dass Huawei für den chinesischen Staat spionieren würde. Europa sollte seine Entscheidungen auf Basis von Fakten treffen.

In Sachen Service-Sicherheit sind wir extrem transparent. Wir halten uns an alle vorgegebenen Kriterien und Standards. Und in den vergangenen 30 Jahren gab es mit Huawei-Infrastruktur keinen einzigen Vorfall, der die Sicherheit gefährdet hätte.  Was die Cybersicherheit und die kritische Infrastruktur betrifft, muss Huawei die technischen Standards erfüllen. Wir brauchen  eine transparente, ehrliche und auf Fakten bezogene Diskussion. Aber wir können nicht einfach Anschuldigungen oder politische Lügen akzeptieren, derentwegen wir blockiert werden, nur weil wir ein chinesisches Unternehmen sind.


Anders gefragt: China gibt den Auftrag für 5-G-Netze, also für kritische Infrastruktur, ja auch nicht an ausländische Unternehmen…
Kein Staat kann unabhängig 5-G-Lösungen oder Halbleiterentwicklung auf den Weg bringen. Unsere 5-G-Netze in China, vom allerersten Schritt bis zur Cloud, brauchen die Zusammenarbeit von mindestens 200 Unternehmen; Huawei ist nur eines davon. Huawei ist nur eines davon. Europäische Firmen sind übrigens stärker beim 5G-Ausbau in China involviert als Huawei in Europa, selbst in der kritischen Infrastruktur, dem so genannten Core Network.

Wurde Huawei  zu einem politischen Opfer in einem technologischen Wettbewerb zwischen China und den USA?
Als privates Unternehmen wurden wir in die Mitte eines geopolitischen Konfliktes katapultiert. Das kann sich kein Unternehmen dieser Welt wünschen. Es schafft riesige Unsicherheit und das nicht nur für uns. Es bremst Innovationen, das Konjunkturerwachen nach Corona und behindert die globalen Lieferketten. So gibt es etwa derzeit einen riesigen Mangel an Halbleitern…

Aber auch, weil Huawei große Mengen an Chips hortet…
Natürlich haben wir Lager angelegt, aber das macht jedes Unternehmen, das sich um seine Produktion sorgen muss, wenn die Lieferketten wegen der Politik beeinträchtigt werden.

Bis wann wird es reichen?
Wir arbeiten nach dem Ausfall der amerikanischen Anbieter auch mit europäischen und Anbietern aus der ganzen Welt zusammen. Wir erhalten also noch Chips. Aber in der Zwischenzeit arbeiten wir auch daran, die Lage zu verbessern.

Will China seine eigene Halbleiterindustrie aufbauen?
Ostasien, USA, Europa – alle versuchen derzeit, ihre eigene Chips-Industrie  auf die Beine zu stellen. Das dauert und wird sehr teuer. Aber wir haben Vertrauen in die Zukunft, wir haben die Kapazitäten, den Plan, die Talente.

Wird sich der Druck aus den USA nun lockern, nachdem Huawei-Finanzchefin (und Tochter des Unternehmensgründers), Meng  Wanzhou, nach drei Jahren Hausarrest in Kanada Ende September nach China zurückkehren durfte?
Das juristische Verfahren in den USA läuft noch weiter. Wir werden aber alles daransetzen, nachzuweisen, dass wir kein Fehlverhalten begangen haben.

Also kein Kurswechsel, seit US-Präsident Biden seinen Vorgänger Donald Trump abgelöst hat..
Vor Kurzem habe ich einen europäischen Professor gehört, der sagte: Vieles mag sich ändern, aber eines ändert sich nie: „America first“. Wir setzen nicht auf Politiker, wir setzten auf unsere Kunden und unsere Partner. Und die setzen weiter auf Huawei, um ihre digitale Transformation zu beschleunigen. Huawei ist übrigens das einzige Unternehmen, das willig und fähig ist, den Source Code für Autoritäten zu öffnen. Der Source Code (quasi das intellektuelle Eigentum des Schöpfers) ist ein superwichtiger Teil der Cybersicherheits-Architektur .

Wie weit ist denn der 5-G-Ausbau in Europa bereits vorangekommen?
Die Abdeckung liegt bei knapp zwei Prozent

Und in China?
Mehr als 400 Städte sind bereits mit 5-G versorgt. Insgesamt sind in China schon 30 Prozent des Internets auf der Basis von 5-G.


In Wien findet am Donnerstag, 27. Oktober, von 9 bis 18 Uhr der Huawei European Innovation Day 2021 statt. Live-Stream via Youtube

 

 

 

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