Wirtschaft
05.12.2011

Hesoun: "Europa muss Stärke zeigen"

Die Schuldenkrise droht zur Gefahr für die Realwirtschaft zu werden, befürchtet Siemens Österreich-Chef Wolfgang Hesoun.

Die Bewertung der Kreditwürdigkeit der gesamten EU statt Bonitäts-Noten für die Einzelstaaten würde den Spekulationen gegen die hoch verschuldeten Sorgenkinder den Boden entziehen.

KURIER: Nach einer Umfrage unter 2000 europäischen Konzernchefs befürchten fast zwei Drittel von ihnen ein Übergreifen der Schuldenkrise auf die Realwirtschaft im Euro-Raum. Machen Sie sich auch Sorgen?

Wolfgang Hesoun: Da muss man differenzieren. Vom Markt her mache ich mir wenig Sorgen. Ich beziehe mich hier in erster Linie auf den Wirtschaftsraum, den wir von Siemens Österreich aus zu verantworten haben. Das Potenzial ist gut, die Wachstumsraten sind zwar noch nicht wie vor der Krise, aber die Nachfrage kommt, wenn es auch etwas länger dauert. Der Grundbedarf in der Infrastruktur und in der Energieversorgung ist ungebrochen. Auch in der Industrie gibt es Nachholbedarf bei Modernisierungen, den holen wir nach der Krise gerade auf und das bringt uns Wachstumsprozente.

Und die Euro-Krise macht Ihnen keine Sorgen?
Der Euro selbst ist nicht das Problem, sondern Angriffe von Spekulanten auf einzelne Staaten. Hier ist die Frage, wie lange sich die europäische Politik gefallen lassen kann, sich von einer bestimmten Gruppe von Investoren - oder wie immer man das bezeichnet - vor sich hertreiben zu lassen. An der Situation in Italien hat sich ja seit voriger Woche nichts substanziell geändert, aber plötzlich kommt das Land in Diskussion. Wenn das abflacht, kommen wieder Irland, Portugal oder Spanien ins Visier. Hier ist die Politik gefordert, zu Entscheidungen zu kommen.

Man hat aber nicht den Eindruck, dass die Politik diese Entscheidungen trifft ...
Das ist richtig, aber sie wird die Entscheidungen treffen müssen, um nicht nachhaltige negative Einflüsse auf die wirtschaftliche Entwicklung Europas zu riskieren. Das Ziel muss sein, die wirtschaftliche Kraft des gesamten EU-Raums auf den Boden zu bringen.

Wie ist das zu schaffen?
Man muss von der Bewertung der Bonität einzelner Staaten hin zur Bewertung der gesamten EU kommen. Dann bringt es nichts, gegen einzelne Staaten zu spekulieren.

Sie meinen die Finanzierung über Euro-Bonds, hinter denen die gesamte EU oder der Euro-Raum stehen?
Das ist eine Möglichkeit, es gibt aber sicher noch andere.

Dadurch würde sich aber das Rating von Ländern wie Deutschland oder Österreich indirekt verschlechtern und die Zinsen für die Eurobonds wären höher als jetzt für die nationalen Anleihen. Innenpolitisch ist das kaum durchsetzbar ...
Das ist sicher schwierig. Aber man muss gegenrechnen, was Deutschland und auch Österreich die verschiedenen Hilfspakete ohnehin kosten. Wenn man das mit den Mehrkosten vergleicht, die etwas höhere Anleihezinsen durch ein Rating des gesamten EU-Raums auslösen, glaube ich, dass der Vergleich gar nicht so schlecht ausfällt. Generell geht es mir aber nicht so sehr um den Weg, sondern darum, dass Europa seine wirtschaftliche Stärke nicht nur erkennt, sondern auch beginnt einzusetzen. Europa ist ein riesiger Markt und da frage ich mich, wie lange wir uns noch von den vorhin genannten Investoren am Nasenring durch die Arena führen lassen.

Wie stark trifft die Schuldenkrise Siemens Österreich? Sie sind ja für viele osteuropäische Länder zuständig, die jetzt noch weniger Geld haben als vor der Krise ...
Das Geld war in diesen Ländern vor der Krise unter anderem deswegen da, weil die Banken bereit waren, wichtige Projekte zu finanzieren. Die Bereitschaft ist jetzt merklich abgekühlt. Und wenn sie vorhanden ist, dann nur zu schlechteren Bedingungen als früher.

Wie wollen Sie das Geschäft in diesen Ländern ankurbeln?
Da gibt es die Möglichkeit, verstärkt PPP-Modelle (Public Private Partnership = private Mitfinanzierung öffentlicher Projekte) einzusetzen. Aber nicht querbeet, sondern gezielt bei wichtigen Infrastrukturprojekten wie Straße, Schienenausbau oder Energieversorgung. Aber es geht nicht nur um die Finanzierung, es geht auch um die Vermittlung von Know-how. Etwa, wie man sich mehr Geld für Projekte aus Brüssel holt. Bulgarien und Rumänien nützen nur rund zehn Prozent der Mittel, die sie von der EU bekommen könnten. Wir bauen ja gerade im Konzern einen neuen Sektor Infrastruktur und Städte auf, über den wir den öffentlichen Sektor stärker ansprechen.

Siemens Österreich hat zwar im Vorjahr einen hohen Gewinn gemacht, aber operativ gab es ein kleines Minus. Wie sieht es heuer aus?
Wir haben eine flache Aufwärtsentwicklung beim Umsatz. Wir sind im Durchschnitt aller Bereiche, für die wir aus Österreich verantwortlich sind, über Plan, aber nicht sehr viel. Wir haben gute Geschäfte etwa in Tschechien, auch in Österreich läuft es ganz gut. Im Grunde sind wir recht zufrieden, vor allem im Bereich der Industrie. Im Bereich Mobility, wo Österreich die weltweite Kompetenzzentren für U-Bahnen und Straßenbahnen hat, haben wir einen hohen Auftragsstand. Ein Wachstumsmarkt ist die Türkei in den Bereichen Mobility, Energie und Industrie. Ein großes Potenzial gibt es dort im Energiebereich, wo wir etwa mit dem Verbund Projekte abwickeln. Und im Sektor Mobility, wo wir uns auf dem Markt derzeit aber erst richtig aufstellen. Zum Gewinn mache ich keine Prognose, die macht der Konzern für die gesamte Gruppe.

Der Verkauf der restlichen 16 railjet-Züge, die sich die ÖBB nicht leisten können, an die tschechische Bahn könnte an einem Einspruch des Mitbewerbers Skoda scheitern ...
Es gibt einen Einspruch, aber dazu kann ich nichts sagen, da müssen wir die Entscheidung der tschechischen Wettbewerbsbehörde abwarten.

Sie haben auch einen Rahmenvertrag für 200 Regionalzüge mit den ÖBB. Die Bahn hat bisher keine Züge gekauft, weil das Geld fehlt. Wann rechnen Sie damit?
Ich hoffe möglichst bald. Die Bahn führt meines Wissens nach je bereits Gespräche mit den Verkehrsverbünden und Bundesländern über die Finanzierung.

Zur Person: Wolfgang Hesoun
Karriere
Der 51-jährige HTL-Ingenieur - verheiratet, 1 Sohn - startete seine berufliche Laufbahn 1982 in der Siemens Kraftwerk Union in Deutschland. 1988 wechselte der Neffe des ehemaligen Sozialministers Josef Hesoun zum Baukonzern Porr. 2003 zog er in den Porr-Vorstand ein, Ende 2004 wurde er Vize-Generaldirektor, 2007 Generaldirektor des Bauriesen. Seit September 2010 ist er Chef von Siemens Österreich.

Konzern
Siemens setzt in Österreich mit knapp 15.000 Mitarbeitern rund 4 Milliarden Euro jährlich um. Zusätzlich ist die Österreich-Tochter für das gesamte Osteuropa-Geschäft des Konzerns und für weitere Länder ( Türkei, Israel, Ukraine) verantwortlich.

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