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Wirtschaft
04/22/2021

„Wir würden nicht Nein zu MAN sagen“

Der Chef der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich kann sich eine Beteiligung an einem Konsortium vorstellen.

von Anita Kiefer, Wolfgang Unterhuber

KURIER: Sie planen eine betriebliche Impfstraße, gibt es einen Termin?
Heinrich Schaller:
Ich sage es so: Bisher haben wir alle drei Wochen erfahren, dass es einen Monat später wird. Aktuell soll es im Juni so weit sein.

Der Kranhersteller Palfinger hat angekündigt, den Impfstoff selbst am Weltmarkt zu besorgen. Sie machen das also nicht?
Wenn das ein Weltkonzern wie Palfinger versucht, habe ich kein Problem damit. Im weltweiten Industriegeschäft muss für jeden Beschäftigten so rasch wie möglich persönliche Sicherheit herrschen. Kräne werden nicht via Zoom gebaut. Wir bei der RLB orientieren uns am nationalen Impfplan. Wir organisieren aber eine eigene Impfstraße.

Was machen Sie mit Mitarbeitern, die sich nicht impfen lassen?
Die müssen auch in Zukunft sehr vorsichtig sein und die Corona-Maßnahmen einhalten. Wegen der Kollegen und der Kunden.

Wie hat die Pandemie die Abläufe bei der RLB verändert?
Nach dem ersten Lockdown waren binnen drei Tagen nur noch unter 20 Prozent der Mitarbeiter im Haus anwesend, der Rest arbeitete von zu Hause aus. Aktuell sind es 20 bis 25 Prozent. Im Büro.

Und wie es in den Filialen?
Dort gibt es gibt es zwei Teams, die sich abwechseln.

Haben sich Kunden wegen der Covid-Bestimmungen über fehlende persönliche Betreuung aufgeregt?
Nein. Weil sie rasch gesehen haben, dass wir digital immer da sind.

Wie sehen Sie das Krisenmanagement der Regierung?
Gut. Da und dort könnten Bund und Länder koordinierter vorgehen. Aber so eine Krise gab es in der Zweiten Republik noch nie. Wer sich aufregt, soll es besser machen.

Und das Impf-Management?
Da hat insbesondere die EU-Ebene massiv versagt. Der Unterschied zu den USA, Großbritannien und zu Israel zeigt das deutlich. Impfen ist das beste Konjunkturprogramm.

Ist der Föderalismus in so einer Krise Fluch oder Segen?
Wenn das Krisenmanagement gut organisiert wird, ist der Föderalismus ein Vorteil. Weil die Länder die Impfprogramme auf regionaler Ebene gut organisieren könnten.

Sie als Banker müssen es wissen: Kommt nach dem Auslaufen der Staatshilfen die große Pleitewelle?
Es wird einen Nachholeffekt geben, weil ja viel aufgeschoben wurde. Mehr aber nicht. Außerdem: Die großen Unternehmen haben wenig Probleme. Unsere exportorientierten Industrieunternehmen sind wieder voll auf Kurs. Der Wirtschaftsmotor in Asien brummt ja mittlerweile wieder.

Und die Kleinen?
Da und dort werden Strukturprobleme hochkochen, die es vor Corona schon gab.

Wie viele Prozent Ihres Kreditvolumens schreiben Sie ab?
Wir sehen da keine dramatische Entwicklung und bereiten uns auf die normalen 0,5 bis ein Prozent vor. Aber wir müssen, so wie andere Banken auch, ein Portfolio an Wertberichtigungen bilden. Aber das ist Statistik. Das heißt nicht, dass diese Beträge schlagend werden müssen.

Hätten Sie nicht Lust, MAN-Steyr zu retten?
Wir würden nicht Nein zu MAN sagen, wenn ein Konsortium einen wirklich zukunftsweisenden Plan auf den Tisch legt. Das sehen wir aber derzeit nicht. Gäbe es jemanden, der den inhaltlichen Lead übernimmt, können wir darüber reden.

Wäre das nicht eh Siegfried Wolf gewesen?
Ich kenne sein Konzept nicht genau, glaube aber, dass er das könnte. Aber der Zug dürfte abgefahren sein.

Ist man vonseiten der Politik wegen MAN an Sie herangetreten?
Nein.

Wie stehen Sie zur Verstaatlichung von Unternehmen?
Ich bin kein Fan von Verstaatlichungen. Mit Ausnahme der Daseinsvorsorge, wie etwa bei Energieunternehmen.  Ansonsten sehe ich keinen Grund dafür. Solange sich die Politik wirklich heraushalten kann, sind verstaatlichte Unternehmen an sich ja kein Problem. Die Versuchung ist aber groß, bei Problemen doch hineinzugreifen. 

Überlegen Sie, Ihre Beteiligung an Industriebetrieben zu reduzieren?
Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Leute sich das fragen. Wir fragen uns das nie.

Zuletzt kursierte ein anonymer Brief, in dem Wolfgang Eder wegen seiner Fehler als voestalpine-Chef kritisiert wird und auch Ihnen vorgeworfen wird, Sie wären Ihrer Kontrollfunktion im Aufsichtsrat der voestalpine nicht genug nachgekommen. Was sagen Sie dazu?
Ich äußere mich zu dieser Thematik nicht. 

Es gibt aktuell 75 Raiffeisen-Banken in Oberösterreich. Wie viele sind es in fünf Jahren?
Es wird Zusammenlegungen geben. So wie in der Vergangenheit. Es gibt aber keinen fixen Plan, wo genau festgelegt wird, wie viele Banken wann fusionieren.

Wie erreichen Sie die ältere Bevölkerung, wenn es immer weniger Filialen gibt? 
Bei Fusionen gibt es immer genau aus  diesem Grund Diskussionen. So etwas muss man dann für die Bevölkerung gut vorbereiten. Und unterschätzen Sie bitte nicht die digitalen Fähigkeiten der älteren Menschen.

Es gibt aber auch in Zukunft real existierende Filialen?
Bestimmt. Gleichzeitig wird das digitale Angebot umfassender.

Sie werden aber am Ende keine Digitalbank in irgendeiner Cloud werden?
Nein (lacht). Aber das ist ein guter Punkt. Die Krise zeigt, welche wichtige Rolle die Banken bei der Problemlösung haben. Nicht zuletzt, um die Liquidität der Unternehmen zu sichern. Da sind die Digitalbanken schlichtweg nicht vorhanden.

Ein Punkt für traditionelle Banken - oder?
Eine uns vorliegende Analyse zeigt: Die Kunden schätzen persönliche Beratung. Sie schätzen es, wenn ein Bankberater telefonisch in Dienstzeiten erreichbar ist und sie schätzen es, dass Mails rasch beantwortet werden. Versuchen Sie doch einmal, bei einer reinen Digitalbank ein Problem rasch zu lösen.

Apropos digital: Haben Sie Bitcoin?
Nein. Vor dem Hintergrund des Klimawandels finde ich es außerdem erschütternd, wie viel Energie für das sogenannte „Schürfen“ dabei verbraucht wird. Diese Energie bräuchten wir für sinnvolle Dinge wie E-Mobilität. Da ist auch die Politik gefordert. Während wir Banken nur unter ganz strengen Auflagen unsere Kunden in Sachen Aktien beraten dürfen, lässt man die Menschen bei den hoch spekulativen Kryptos völlig allein.

In all Ihren Raiffeisen-Bankstellen in Oberösterreich und Süddeutschland gibt es nur eine einzige unter der Leitung einer Frau. Wo sind die Frauen an der Spitze?
Bei den Filialen überfragen Sie mich. Wir haben in Oberösterreich bei den Raiffeisenbanken eine Frauenquote in vorderster Managementebene von acht Prozent. Wir waren die erste Bank unserer Größenordnung, die im Vorstand eine Frau hatte. Aber ja: Wir wissen, dass wir hier etwas tun müssen.

Gibt es Männer, die in Karenz gehen?
Ganz wenige, aber es gibt sie.

Gibt es Bemühungen, mehr Männer für Karenz zu motivieren?
Uns ist relativ egal, ob die Mutter oder der Vater in Karenz gehen. Das müssen sich die Betreffenden untereinander ausmachen. Meistens ist es eben die Mutter. Wir wollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sobald als möglich wieder zurück im Unternehmen haben und stellen dazu auch entsprechende Einrichtungen zur Verfügung, wie zum Beispiel einen Betriebskindergarten und eine Krabbelstube, die vor Kurzem sogar ausgebaut wurden.

Wie sympathisch ist Ihnen die Idee, die Höhe von Bargeldzahlungen EU-weit weiter zu beschränken?
Ich halte nicht viel davon. Wir werden immer mehr zur Überwachungsgesellschaft, und das ist ein typischer Ausdruck dafür. Und ich glaube, es ist einfach nicht notwendig. 

Argumentiert wird mit der Geldwäsche-Bekämpfung.
Ob die Beschränkung bei 10.000 oder 15.000 Euro liegt, wird da nicht viel Unterschied machen. Ich habe mittlerweile wirklich ein Problem mit dieser Kontroll- und Überwachungsgesellschaft, weil es immer mehr  Lebensbereiche trifft. 

Thema Zinsen. Verrechnen Sie den Unternehmen wie viele andere Negativzinsen?
Den Unternehmen ja.

Haben Sie eine Idee, wie wir als EU, als Banken, als Gesellschaft aus dem Niedrigzinsumfeld wieder rauskommen?
Ich habe die extreme Niedrig- und Negativzinspolitik der EZB schon vor Ausbruch der Krise nicht ganz verstanden. Ich glaube, es wäre sinnvoller gewesen, die Zinsen bereits Ende 2016 wieder anzuheben. Ich rechne damit, dass, sobald sich die Wirtschaft wirklich erholt, die EZB beginnt, zuerst das Anleihekaufprogramm etwas zu drosseln, und dann schön langsam mit den Zinsen wieder nach oben geht. Aber das wird noch mindestens zwei Jahre dauern.

Sehen Sie eine Inflationsgefahr?
Sehe ich derzeit offen gestanden nicht. Wobei es schon interessant wird, wenn man sich die extreme Verknappung zum Beispiel im Bau- und Baunebengewerbe anschaut. Durch fehlende Produktionen kommt es bei solchen Produkten zu extremen Preissteigerungen. Das muss man im Auge behalten.

Wie läuft es denn mit den Investments in mittelständische Unternehmen?
Hervorragend. Unsere Pipeline, die abzuarbeiten ist, ist wirklich voll. Wir haben heuer bereits zwei Investments im KMU-Bereich, in der Private Equity-Schiene, getätigt. Einige sind kurz vor der Unterzeichnung. Wenn das alles so läuft, wird unsere Raiffeisen Invest Private Equity Gruppe im ersten Halbjahr 2021 bereits rund ein Drittel der avisierten 250 Millionen Euro investiert haben. Darüber hinaus haben wir noch in einem anderen Teil unseres Konzerns zwei weitere Akquisitionen laufen, die hochinteressant und auch kurz vor dem Abschluss sind. 

Wann ist die Raiffeisen-Einlagensicherung fertig?
Das kommt darauf an, wann wir die Bescheide-Entwürfe von der Aufsicht bekommen. Es könnte sein, dass es Mitte des Jahres ist.

Was sagen Sie dazu, dass FMA-Chef Ettl Beschuldigter rund um die Causa Commerzialbank ist?
Ich weiß zu wenig darüber, daher kann ich nichts sagen.

Schädigt die Öbag-Debatte den Wirtschaftsstandort Österreich?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das den Wirtschaftsstandort schädigt. Es ändert sich ja an der Qualität der Unternehmen nichts. 

Sie waren lange Börsenchef. Also: Wohin gehen die Kurse?
Ich habe momentan eine sehr positive Meinung von den Börsen. Weil ich davon überzeugt bin, dass wir vor einem riesen Wirtschaftsaufschwung stehen. 

Beunruhigt Sie nicht, dass sich da eine Blase bilden könnte?
Mich beunruhigt schon, dass die Kurse da oder dort schon zu stark gestiegen sind. Aber wir wissen:  Der Markt übertreibt immer. Das kann er langfristig oder kurzfristig tun. Momentan glaube ich, er übertreibt eher nur kurzfristig. 

Noch eine persönliche Frage: Vater und Bruder waren beziehungsweise sind Bankmanager wie Sie. Liegt das bei Ihrer Familie im Blut?
Das hat sich bei mir so ergeben! Ich hatte überhaupt keine Karriereplanung (lacht). 

Aber es bestimmt die Themensetzung bei Familienfeiern?
Da halten wir uns sehr zurück. 

  • Größe und Zahlen

Die Raiffeisenbankengruppe Oberösterreich (Raiffeisenlandesbank OÖ Konzern und die 75 oö. Raiffeisenbanken) ist die größte im gesamten Raiffeisen-Sektor in Österreich. Die Bilanzsumme der Gruppe stieg 2019 um 6,4 Prozent auf 59,8 Milliarden Euro. Die Konzernbilanzsumme der Raiffeisenlandesbank OÖ lag bei rund 44,4 Milliarden Euro. Die Zahl der Kunden der Raiffeisenbankengruppe OÖ liegt bei rund 960.000. Die Bilanz 2020 wird Ende April veröffentlicht.

  • Heinrich Schaller

Schaller wurde 1959 geboren und ist Jurist. Zwischen 2006 und 2012 war er Vorstand der Wiener Börse, seit März 2012 ist er Vorsitzender des Vorstandes der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich.

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