Wirtschaft
09.12.2018

Harter Brexit: Gefährlich, weil keiner damit rechnet

Das Risiko eines ungeregelten EU-Austritts der Briten nimmt zu – die Folgen wären auch in Österreich spürbar.

Deutschland ist gerüstet. Für 2019 sind 330 Zollbeamte zusätzlich eingeplant. Der EU-Austritt der Briten wird nämlich mehr Kontrollen an See- und Flughäfen erforderlich machen. Die offene Frage ist: Wie groß wird das Chaos sein, das dann zu managen ist?

Die Gefahr eines „harten“ Brexit ist gestiegen, seit sich im britischen Unterhaus eine Niederlage für Theresa Mays Ausstiegsplan abzeichnet. Wirklich eingeplant wird dieser schlimmste Fall aber noch nicht. „Die wirtschaftlichen Folgen eines harten Brexit wären so negativ, dass die Politiker dieses Risiko wohl kaum eingehen würden“, analysiert Peter Dixon von der Commerzbank. Mit 15 Prozent beziffert Raiffeisen Research die Wahrscheinlichkeit eines harten Brexit. Genau das mache das Thema gefährlich, erklärt Gerold Permoser von Erste Asset Management. Die Logik der Märkte sagt: Womit keiner rechnet, wird in Aktien- und Währungskursen nicht als Risiko „eingepreist“. Falls es dann doch eintritt, sind die Verwerfungen umso größer.

Beim Brexit sind noch nicht alle Fragen geklärt

Dover fürchtet Chaos

Die Bevölkerung von Dover hat indes andere Sorgen. Der Großteil des Handels mit der EU läuft über diese südenglische Hafenstadt ab. 120 Fähren sind das, 90.000 Passagiere, 10.000 Lkw, jeden Tag. Eine gut geölte Logistikmaschinerie. Deren Stocken würde zu Chaos führen, warnt nun eine Studie der Grafschaft Kent. Endlose Staus wären die Folge, der Müll würde sich türmen. Menschen kämen tagelang nicht in die Arbeit. Sogar der Abtransport der Toten in die Leichenhallen bereitet Sorgen.

Das mag sehr dick aufgetragen sein. Weder EU noch Briten hätten ein Interesse, Gütern, die am Vortag allen Standards entsprochen hatten, über Nacht den Transit zu verwehren. Allerdings können schon kurze Lieferverzögerungen in Zeiten, wo Fabriken ohne Vorräte in Echtzeit produzieren, massive Schäden verursachen.

 

„Es wäre kein Spaziergang, aber nicht der Untergang der Welt“, sagte der britische Botschafter bei der Welthandelsorganisation (WTO), Julian Braithwaite, bei einem Hearing. Gibt es keinen Deal, müssten die Briten ihren Handel mit dem Rest der Welt nach WTO-Regeln abwickeln. Was zuvor zollfrei den Ärmelkanal passierte, würde teurer – für britische Autos wären in der EU zehn Prozent Aufschlag fällig, so wie für US-Autos. Die Briten wären weiter WTO-Mitglied, müssten aber eigene Tariflisten für die anderen 163 Länder erstellen.

Für problematischer hält Braithwaite die Zollfrei-Quoten: Andere WTO-Staaten sind nämlich nicht bereit, von den Briten dieselben Konditionen zu akzeptieren wie für den weitaus größeren EU-Markt.

Spürbar wären die Folgen durch die enge Verflechtung auch in Österreich. 250 Unternehmen sind auf der Insel vertreten, die für 38.000 Jobs sorgen. Die Direktinvestitionen auf der Insel machen sieben Milliarden Euro aus. Jedes Jahr kommt knapp eine Million britische Touristen zu uns.

Eine Million Liter Wein

Der Warenhandel mit den Briten bringt Österreich einen satten Überschuss: Jährlichen Importen von 2,5 Mrd. Euro standen zuletzt Ausfuhren von 3,9 Mrd. Euro gegenüber. Darunter ist etwa eine Million Liter Wein. Nicht nur dort drohen Einbußen, falls die Produkte wegen der Zölle für britische Kunden weniger attraktiv würden. Schlimmstenfalls drohen Österreich in Summe Wachstumseinbußen von 0,9 Prozent, ergaben Studien. Aber auch indirekte Effekte tun weh: Falls Irland seine Riesenmenge an Rindfleisch statt auf der britischen Insel in Festlandeuropa unterbringen müsste, würde dieses Überangebot die Preise dramatisch drücken, befürchten Österreichs Bauern.

Viele Firmen haben wichtige Standbeine auf der Insel – etwa UNIQA. Aufgeben würde sie ihr Kunstversicherungsgeschäft auf keinen Fall, allenfalls müsste man sich um eine Lizenz bewerben. Und auch Glücksspielkonzern Novomatic hat groß investiert, samt eigener Produktion, alteingesessenen Betreibern und Spielegestaltern. Diese lokale Präsenz sei nun ein Vorteil: „Wir erwarten keine gravierenden Folgen aus dem Brexit.“